Johannes 5, 1-9 So ist Gott

Wieder einmal wird deutlich, wie sorgfältig Johannes die Ereignisse für sein Evangelium ausgesucht und angeordnet hat. Nach der Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten, folgt eine weitere Heilung – allerdings am anderen Ende der Gesellschaft. Zuerst jemand der mit den römischen Besetzern zusammen arbeitet, dann jemand, der wegen seiner langjährigen Krankheit aus der Gesellschaft ausgeschlossen ist. Zuerst jemand, der von sich aus auf Jesus zukommt und um Heilung bittet, dann jemand, der von Jesus angesprochen wird. Johannes macht damit deutlich: Jesus wendet sich allen zu. Es gibt für ihn keine gesellschaftlichen oder politischen Schranken.

Mich berührt die Leidensgeschichte dieses kranken Mannes. 38 Jahre lang ist er schon krank und er scheint die Hoffnung aufgegeben zu haben. Andere sind immer schneller als er. Als Jesus ihn fragt, ob er gesund werden will, antwortet er darauf gar nicht, sondern erklärt nur, warum er darauf keine Hoffnung hat. Trotzdem wendet Jesus sich ihm zu – ungefragt und ungebeten. Aus reiner Barmherzigkeit. Auch das ist ein Zeichen. Ein Zeichen an dem Gottes Wesen deutlich wird.

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Sacharja 7, 1-14 Warum beten?

Warum beten wir, lesen in der Bibel, besuchen Gottesdienste und haben Gemeinschaft mit anderen Christen? Damit es uns besser geht, damit wir wachsen, damit wir gesegnet werden und damit unsere Gebete erhört werden? Sacharja legt den Finger in die Wunde: Wenn es so ist, dann könnt ihr es auch bleiben lassen. Wenn ihr wirklich auf Gott hören wollt, dann hat Sacharja auch nichts anderes zu sagen als die Propheten vor ihm: Lebt Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Das ist das, was Gott von euch will. Ohne das bringt alles beten und fasten nichts.

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Hebräer 4, 14 – 5, 10 Thron der Gnade

Der Hebräerbrief hat ein ganz eigenes Bild vom Wirken Jesu Christi: er bezeichnet ihn als den wahren Hohepriester. Kein anderes Buch des Neuen Testament sagt dies über Jesus aus. In diesem Abschnitt sieht der Hebräerbrief zwei Gemeinsamkeiten zwischen einem Hohepriester im Tempel in Jerusalem und Jesus Christus. Beide können mit den Menschen, die mit ihren Sünden vor Gott kommen, mitfühlen. Der Hohepriester im Tempel, weil er selbst ein Mensch mit Sünden ist. Jesus Christus ist dagegen ohne Sünde, aber er hat in seinem irdischen Leben gelitten (V.7) und kann deshalb unsere Schwachheit verstehen (V.15). Außerdem sind beide von Gott berufen – sie ernennen sich nicht selbst, sondern werden von Gott auserwählt.

Mich hat an dem Abschnitt vor allem angesprochen, dass wir nicht voller Furcht zum Thron Jesu Christi kommen müssen, sondern dass wir Zuversicht haben dürfen (V.16). Es ist kein Thron des Gerichts und der Verdammnis, sondern der Gnade und Barmherzigkeit. Derjenige der auf dem Thron sitzt kennt unsere Leiden und unsere Schwachheit. Er hat selbst gelitten und kann uns nur zu gut verstehen. Das heißt allerdings auch, dass ich vor mir selbst und vor Jesus meine Schwäche auch zugeben muss. Wenn ich meine Schwäche gar nicht wahrhaben will, dann brauche ich nicht zum Thron der Gnade kommen.

Sprüche 28, 12-28 Habgier, Schuld und Vergebung

Wer aber eilt, reich zu werden, wird nicht ohne Schuld bleiben.“ (V.20b) Ja, das hat schon mancher erlebt, der um das große Geld gezockt hat und dann sein Geld auf schwarzen Konten verstecken wollte. Es gilt aber auch: „Wer seine Sünde leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.“ (V.13) Die Habgier ist nicht nur ein Problem der Reichen, die steckt in jedem von uns. Natürlich zeigen wir gerne auf die großen Fische und versuchen damit, unsere eigene Schuld zu relativieren. Aber egal, ob große oder kleine Schuld – entscheidend ist, sie zu bekennen und zu lassen. Wer das tut, der darf – zumindest bei Gott – Barmherzigkeit erlangen.

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Daniel 9, 1-19 Unsere große Schuld und Gottes große Barmherzigkeit

Ein beeindruckendes Bußgebet. Bekannt aus diesem Gebet ist vor allem V.18b: „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“. Ein toller Vers! Mir hat es allerdings zu denken gegeben, dass gerade dieser Vers bekannt ist und ich stelle bei meinem Beten fest, dass ich mich nicht lange mit dem Thema Buße beschäftige, sondern sehr schnell bei der Barmherzigkeit Gottes lande.

Natürlich ist die Barmherzigkeit Gottes das Entscheidende, auch in diesem Bußgebet des Daniel. Ohne Gottes Barmherzigkeit bringt alles nichts. Aber bei Daniel dauert es eine Weile, bis er im Gebet dazu kommt. Zunächst steht das eigene Versagen und die eigene Schuld im Mittelpunkt. Er lässt sich nicht gleich von Gottes Liebe und Barmherzigkeit auffangen, sondern stellt sich zunächst ehrlich der Schuld. Um Gottes Barmherzigkeit wirklich ernst zu nehmen und sie ermessen zu können, ist es nötig, dass ich mich auch dem eigenen Versagen stelle.

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Lukas 10, 25-37 Der wissende Schriftgelehrte

Das ist eigentlich nicht die Geschichte vom barmherzigen Samariter, sondern die Geschichte vom wissenden Schriftgelehrten. Denn er weiß doch eigentlich alles. Er stellt die richtige Frage: „Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ Und er gibt mit dem Doppelgebot der Liebe die goldrichtige Antwort. Genauso hat auch Jesus selbst den Sinn der Gebote Gottes zusammengefasst (Mk. 12,28-31). Was ist das Problem?

Das Problem ist, dass er nicht nach seinem Wissen handelt. Zweimal fordert Jesus ihn auf das, was er weiß, auch zu tun (V.28.37) Alles Wissen ersetzt nicht die Barmherzigkeit. So ist das ja auch bei mir: ich kann viele schlaue Gedanken über Bibeltexte bloggen, das heißt noch lange nicht, dass ich auch danach lebe.

Ich sehe beim Schriftgelehrten noch ein zweites Problem: „Er aber wollte sich selbst rechtfertigen.“ (V.29) Er ahnt, dass er nach Jesu Maßstäben nicht richtig handelt. Aber anstatt es einzusehen und um Vergebung zu bitten, versucht er sich selbst zu rechtfertigen. Er versucht sein mangelndes Handeln schön zu reden. Und als Schriftgelehrter nicht nur schön zu reden, sondern wahrscheinlich auch mit irgendwelchen theologischen Spitzfindigkeiten zu rechtfertigen. Hier wird es dann völlig schief: Wenn das Wissen nicht nur ohne Handeln bleibt, sondern sogar noch das fehlende Handeln rechtfertigt…

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Lukas 6, 27-36 Harter Tobak

Also Wohlfühlevangelium ist das definitiv nicht! Das ist harter Tobak , den Jesus hier von seinen Jüngern verlangt. Wer versucht als Christ zu leben, wird sicherlich immer wieder feststellen, dass es schon schwer genug ist, die manchmal nervigen Glaubensgeschwister zu lieben (so wie diese wiederum oft genug Schwierigkeiten haben uns zu lieben…) – aber den Feind zu lieben!?!

Da ist die goldene Regel von V.31 ja noch relativ harmlos: „Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!“ So ausgedrückt kann man das ja noch leicht bejahen und richtig finden. Aber wie sieht’s aus, wenn die anderen uns verletzen, weh tun und ausbeuten? „Wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück.“ (V.30) Geht das überhaupt – so zu leben?

Ich kann das nicht… ausser es wird mir geschenkt, ausser ich werde immer mehr durchdrungen von der Barmherzigkeit und Liebe, die ich selbst von Gott erfahren darf (vgl. V.36: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“).

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Exodus 34, 1-10 Ein Gott der zweiten Chancen

Erstaunliches hin und her. Gott befreit sein Volk aus Ägypten und schließt einen Bund mit ihm (Ex. 24,1-8). Kurz darauf bricht das Volk diesen Bund und macht sich mit dem goldenen Kalb einen eigenen Gott (Ex. 32,1-6). Und wiederum kurz darauf schließt Gott schon wieder einen neuen Bund mit seinem Volk (Ex. 34,10). Das ist so als ob ein Mann eine Frau heiratet, sie dann kurz nach der Hochzeit mit einem fremden Mann erwischt, sich scheiden lässt und dieselbe Frau dann kurz darauf wieder heiratet.

Zurecht bezeichnet Mose Gott als „barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue“ (V.6). Natürlich ist er zornig und frustriert über sein untreues Volk, aber seine Liebe ist stärker. Er gibt nicht auf. Er versucht es noch einmal. Er schließt einen neuen Bund.

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Exodus 15, 1-21 Barmherzigkeit und Stärke

In diesem Lobpsalm des Mose über die erfahrene Rettung durchs Meer ist mir vor allem V. 13 aufgefallen: „Du hast geleitet durch deine Barmherzigkeit dein Volk, das du erlöst hast, und hast sie geführt durch deine Stärke zu deiner heiligen Wohnung.“ Gott wird hier als barmherzig und zugleich als stark bezeichnet. Beides zugleich!

Es ist wichtig, dass wir beides festhalten. Gott ist nicht nur der Barmherzige, der mit allen Leidenden mitleidet, nein er ist auch der Starke, der die Macht und Kraft hat zu helfen. Gott ist nicht nur der Starke, der seinen Willen ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen kann, sondern er ist auch derjenige, der Barmherzigkeit übt, der die Schwäche der Leidenden versteht. Wenn wir nur den barmherzigen Gott sehen, dann wird daraus ein Schlappschwanz, wenn wir nur den starken Gott sehen, dann wird daraus ein Despot. Aber Gott vereinigt auf wunderbare Weise beides: Barmherzigkeit und Stärke.

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Phillipper 2, 1-4 Wo bleibt die Demut?

Ja, so sollte Gemeinschaft unter Christen aussehen – so sieht sie in der Realität allerdings nicht aus. Für mich klingt das sehr utopisch. Diese Beschreibungen der Liebe, Barmherzigkeit und Eintracht gipfeln in der Aufforderung: „in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem anderen dient.“ (V.3-4) Wo sind die Christen, die das wirklich umsetzen?

Es gibt genügend Christen, die das suchen und die beklagen, dass sie diese Liebe und Barmherzigkeit nirgends finden. Es gibt genügend Christen, die sich enttäuscht von anderen Christen abwenden, weil die Gemeinschaft nicht ihrem christlichen Ideal entspricht. Aber wo sind die Christen, die diese Erwartungen nicht nur an andere haben, sondern die selbst so leben? Ich könnt mich immer wieder in Grund und Boden schämen und ärgern über Christen, die von anderen Zuwendung und Liebe erwarten, selbst aber kläglich an ihren eigenen Maßstäben versagen (und das gilt nicht nur für andere, sondern auch für mich selbst). Solche utopischen Zustände von liebevoller Gemeinschaft können nur dort in Ansätzen aufleuchten, wo Einzelne zu echter Demut finden. Solche Gemeinschaft fängt bei meiner Demut an, nicht bei den anderen…
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