Johannes 11, 45-57 Gott kommt zum Ziel

Das Wunder der Auferweckung des Lazarus führt bei vielen tatsächlich zum Glauben (V.45). Aber auf der anderen Seite steigert sich auch die Skepsis und der Widerstand gegen Jesus. Die Führungsschicht der Juden sorgt sich um die politische Zukunft des Volkes wenn die Jesus Bewegung weiter anwächst (und zugleich sorgt sie sich wohl auch um den eigenen religiösen Führungsanspruch…). Kurios dass gerade die Errettung eines Menschen aus dem Tod zum endgültigen Todesbeschluss gegen Jesus führt.

Überdeutlich betont Johannes gerade an dieser Stelle, dass der Hohepriester Kaiphas gerade in diesem Handeln Gottes Absichten durchführt: „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.“ (V.50) Das ist – auf einer anderen Ebene als Kaiphas das gedacht hat – genau die Botschaft des Evangeliums: anstatt den Vielen stirbt der Eine am Kreuz. Gott kommt trotz und gerade durch alle menschliche Widerstände mit uns zum Ziel.

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Johannes 11, 28-44 Ewiges Leben

Da erzählt Johannes nun 44 Verse lang von der Auferweckung des Lazarus – aber um Lazarus selbst geht es nur am Rande. Erst in den letzten zwei Versen wird das eigentliche Wunder kurz und ohne Ausschmückung beschrieben. Davor geht es um Jesu Jünger, das bewusste Zögern Jesu, um Marta und Maria und um das grundsätzliche Thema der Auferstehung. Auch die heftigen Gefühle Jesu (V.33.35.38) beziehen sich weniger auf Lazarus, als auf den Unglauben der Menschen.

Das erscheint uns heute seltsam. Wenn so etwas heute passieren würde, dann stände ganz selbstverständlich – auch in frommen Kreisen – das Wunder selbst im Mittelpunkt. Jesus hat einen Toten wieder lebendig gemacht! Was für ein großartiger Beweis für die Macht Gottes! Was für ein Anreiz, um Jesu nachzufolgen! Johannes macht dagegen durch seine Darstellung deutlich: Es geht letztendlich nicht darum, ob Lazarus noch einmal ein paar Jahre länger leben durfte (und dann doch irgendwann gestorben ist). Nein, es geht darum, dem Leben und der Auferstehung in Person zu vertrauen. Es geht nicht um das hinauszögern des vergänglichen Lebens, sondern um das Erlangen des ewigen Lebens. Der höchste Wert ist nicht ein möglichst langes irdisches Leben, sondern der ewige Friede mit Gott.

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Johannes 11, 1-16 Offene Fragen

Diesen Text finde ich immer wieder auf’s Neue rätselhaft. Auf der einen Seite wird zwei mal betont, dass Jesus Lazarus und seine Schwestern lieb hat (V.3.5). Andererseits zögert er zwei Tage lang, bevor er seinem Freund hilft. Offensichtlich soll mit diesem Auferweckungswunder ein Exempel statuiert werden, um anderen den Glauben zu erleichtern (V.15). Jesus lässt Leid und Schmerz zu, nur um dann zu zeigen, dass er mächtig genug ist, um Leid und Schmerz zu überwinden und neues Leben zu schenken?

Das zweite rätselhafte, das ich bis heute nicht richtig verstehe, ist die Aussage des Thomas: „Lasst uns mit Jesus gehen, dass wir mit ihm sterben!“ (V.16) Meint er das ernst oder ist diese Aussage sarkastisch zu verstehen? Ich habe bis jetzt noch keine Auslegung gefunden, die mich entweder von dem einen oder dem anderen wirklich überzeugt hätte.

Klar kann ich mir für jeden Bibeltext auch Erklärungen zurechtlegen. Aber ich denke, es ist wichtig, dass wir an manchen Stellen auch ehrlich zugeben, dass wir nicht alles in der Bibel verstehen. Manches bleibt rätselhaft und offen. Das ist angemessener, als wenn wir so tun, als ob wir mit der Bibel in der Hand alle Fragen ein für alle mal beantworten könnten.

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