Tomáš Halík: Geduld mit Gott

Halik: Geduld mit GottDer tschechische Psychotherapeut und Priester Tomáš Halík beschäftigt sich in diesem Buch mit atheistischer Kritik, Zweifel und Ablehnung des christlichen Glaubens. Er bedient sich als Analogie zu solchen Menschen der Geschichte von Zachäus. Zachäus war auch ein skeptischer Zeitgenosse, der kein Anhänger Jesu war, sondern sich Jesus aus sicherem Abstand und hinter den Feigenblätter seiner Zweifel anschauen wollte.

Seine Grundaussage ist folgende: „Glaube und Atheismus sind zwei Sichtweisen eben dieser Tatsache, der Verborgenheit Gottes, der Transzendenz, der Undurchdinglichkeit seines Geheimnisses.“ (S.72) Gott ist ein Geheimnis, er ist selbst in Jesus Christus noch quasi inkognito unterwegs, weil man auch die Selbstoffenbarung in Christus unterschiedlich deuten kann. Gott zeigt sich in unserer Welt nicht eindeutig und unzweifelhaft – sonst wäre ja auch kein Glaube nötig. Sowohl der leidenschaftliche Atheist als auch der leidenschaftlich Glaubende nehmen diese Abwesenheit Gottes wahr, ziehen allerdings unterschiedliche Schlüsse: der leidenschaftliche Atheismus ist letztendlich Glaube, dem die Geduld mit Gott fehlt, Glaube, der zu schnell aufgibt. Tomáš Halík: Geduld mit Gott weiterlesen

Orhan Pamuk: Schnee

Um was geht es in diesem Buch des Literaturnobelpreisträgers Pamuk? Gar nicht so einfach zu beantworten, weil der Autor sehr viele Themen anschneidet: Politik und Religion, die Spannung in der Türkei zwischen Verwestlichung und Islamismus, die Spannung zwischen Individualität und Zugehörigkeit zu einer Gruppe (Volk, Familie, politische Partei, Glaubensgemeinschaft), Lyrik und Inspiration, die Suche nach Glück und Erfüllung, Kunst und Künstler, Atheismus und Glaube an Gott, … aber letztendlich geht es hinter allem und vor allem um die große Liebe, um die eine Person von der man erhofft, dass sie mein Leben sinnvoll macht.

Die Hauptperson ist der Dichter Ka. Er stammt aus der Türkei und lebt viele Jahre in Deutschland. Er besucht für ein paar Tage die kleine Grenzstadt Kars in der Türkei und der Roman beschreibt ausführlich, was in diesen wenigen Tagen in dieser Stadt geschehen ist. Ka reist offiziell im Auftrag einer Zeitung, um einen Artikel zu schreiben über Selbstmorde von jungen Mädchen, die gezwungen werden sollen ihr Kopftuch abzulegen. Parmuk arbeitet in dem Buch sehr gut das Spannungsfeld heraus, in welchem sich muslimische Frauen (nicht nur in der Türkei) befinden: nicht nur in religiöser Hinsicht, sondern auch in politischer und familiärer. Aber eigentliche, innere Antriebsgrund für diese Reise in die Provinz ist Ipek, eine schöne Freundin aus Studienzeiten.

Die Stadt Kars ist während Kas Aufenthalt durch extreme Kälte und viel Schnee drei Tage lang von der Außenwelt abgeschnitten. In dieser Zeit wird Ka zum Spielball der verschiedenen religiösen und politischen Gruppen in Kars. Er ist ein hin und her Getriebener, dem es letztendlich nur um die Liebe von Ipek geht. Er verliebt sich nämlich vom ersten Augenblick an in diese unglaublich schöne Frau.
Die Geschichte nimmt teilweise groteske Wendungen und als Leser ist man nie sicher, wer denn jetzt die Guten und wer die Bösen sind. Das ist sicherlich auch ein Anliegen Pamuks: zu zeigen, dass die Welt viel zu kompliziert und verworren ist, um sie einfach in Schwarz und Weiß aufzuteilen.

Der Titel des Buches „Schnee“ hängt mit Kas Faszination von den Schneeflocken in Kars zusammen. Der Schnee sorgt rein äußerlich für die Voraussetzungen der außergewöhnlichen Ereignisse in Kars, indem die Stadt für einige Tage von der Außenwelt abgeschnitten ist. Zugleich tauchen an einer Stelle des Buches die Schneeflocken als ein Sinnbild für die Einzigartigkeit eines jeden Menschen auf: so wie jede Schneeflocke einzigartig ist, so ist auch jeder Mensch einzigartig. An dieser Stelle schlägt sich Parmuk eindeutig auf die Seite der westlich-europäischen Sicht der Individualität eines jeden Menschen. Auf der anderen Seite sehnt sich die Hauptfigur Ka immer wieder nach der wirklichen Zugehörigkeit zu einer Familie oder Volksgruppe (die er aber aufgrund seiner Lebensgeschichte nicht mehr erreichen kann).

Im Umschlagtext wird das Buch als ein „raffinierter, melancholischer Kriminalroman“ beschrieben. Man könnte vielleicht ergänzen: raffinierter, melancholischer Liebes- und Kriminalroman. Aus irgendeinem Grund erscheinen mir die Bücher von Pamuk nicht so leicht und unmittelbar zugänglich wie manch andere Romane. Aber ich hab diesen Roman trotzdem mit Genuss und Faszination gelesen. Er regt an über so manche Themen weiter nachzudenken und er hält uns Europäern immer wieder den Spiegel vor, wie leicht wir überheblich auf andere Kulturen herab schauen.

Psalm 73 – Lohnt sich das?

Der Beter von Psalm 73 ringt mit einer bis heute aktuellen Frage: Warum geht es den Gottlosen oft besser als denjenigen, die an Gott glauben? „Ich aber wäre fast gestrauchelt… als ich sah, dess es den Gottlosen so gut ging… Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich.“ (V.2f.12)

Wir Christen versuchen manchmal für den Glauben zu werben, indem wir sagen: „Nur mit Gott kannst du wirklich glücklich sein. Nur mit Gott kann dein Leben gelingen.“ Der Beter gibt dagegen ganz offen und nüchtern zu: Das stimmt nicht. Auch als Gottloser kann man ein glückliches und tolles Leben haben. Lohnt sich dann der Glaube überhaupt? „Soll es denn umsonst sein, dass ich mein Herz rein hielt und meine Hände in Unschuld wasche?“ (V.13) Ich muss doch auch was dafür zurück bekommen!

Die Antwort, die der Beter für sich findet ist, dass er auf das Ende schaut: „Sie [die Gottlosen] gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken.“ (V.19) Er dagegen wird am Ende mit Ehren von Gott angenommen. (V.24) Diese Stelle wird üblicherweise als eine der wenigen gesehen, in der im AT die Hoffnung auf ein Leben bei Gott über den Tod hinaus aufleuchtet. Die Hoffnung des Beters ist also: Irgendwann wird sich der Glaube und das Vertrauen schon noch auszahlen.

Das ist mir zu wenig! Und so geht es wahrscheinlich den meisten Menschen. Sie denken sich: „Lieber jetzt glücklich sein, als vielleicht irgendwann später.“ Der Spatz in der Hand ist ihnen lieber als die Taube auf dem Dach. Und so argumentieren ja auch die modernen Gottlosen. Sie sagen: „Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott.“ Und sie ziehen daraus den Schluss:  „Also mach dir keine Sorgen und genieße das Leben.“ „Ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben.“

Aber für mich ist die Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott nicht das einzige Argument des Beters. Und überhaupt will er mit seinem Psalm auch nicht die Gottlosen überzeugen, sondern für sich selbst Frieden finden. Er sagt: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“ (V.25f) Das gilt jetzt schon, nicht erst in der Ewigkeit. Die Gewissheit, dass Gott bei ihm ist, ist wichtiger als alles andere. Da kann es den Gottlosen noch so gut gehen: Solange Gott da ist, wird alles andere zweitrangig. Das ist wie bei der Liebe: Wenn sie echt ist, dann fragen wir auch nicht, ob sich das lohnt, sondern die Liebe ist einfach da und wir können gar nicht anders, als an ihr festzuhalten.
Bibeltext

Psalm 14 – Praktischer Atheismus

„Die Toren sprechen in ihrem Herzen: ‚Es ist kein Gott.'“ (V.1) Dieser Satz wurde damals anders verstanden, als bei uns heute. Wenn heute jemand sagt, dass es keinen Gott gibt, dann glaubt er nicht an die Existenz Gottes. Da geht es um einen grundsätzlichen Atheismus. Die Menschen damals meinten damit aber, dass Gott zwar existiert, dass er aber keine Bedeutung für ihr Leben und ihr Handeln hat. Sie können weiterhin so leben wie es ihnen passt. Sie können ohne Angst vor Gottes Eingreifen anderen schaden und Böses tun. Das ist dann ein praktischer Atheismus.

Durch manche Bücher, wie z.B. von Richard Dawkins, kommt bei uns dieser grundsätzliche Atheimus bei manchen in Mode. Finde ich nicht so toll – aber letztendlich auch nicht so bedrohlich. Denn das eigentliche Problem ist der praktische Atheismus. Selbst wenn auch heute noch eine Mehrheit der Menschen sagt: „Ja, ich glaub schon irgendwie an Gott und daran, dass es etwas Übernatürliches gibt.“, so leben doch die meisten in der Praxis so, als ob dieser Gott nicht existiert. Wie sich die Zeiten doch ähneln: Damals zur Zeit des Psalmbeters gab es ganz ähnliche Anfragen und Zweifel an den Gott der Bibel wie heute.