Sacharja 9, 9-12 Der arme König

Im Alten Testament ist dies ein wichtiger Text für die Messiaserwartung. Der Messias ist der von Gott zum König gesalbte. Er wird kommen und das Königreich des Volkes Gottes aufrichten. Spannend an diesem Text ist, dass dieser künftige König nicht als reich und mächtig in weltlichem Sinn geschildert wird. Er reitet auf einem Esel, das war das Lasttier der armen Leute damals – Könige ritten auf Pferden. Er wird nicht durch militärische Macht herrschen, sondern im Gegenteil, „der Kriegsbogen soll zerbrochen werden“ (V.10). Trotzdem wird seine Herrschaft alle Welt umfassen. Hier scheint sich die Erwartung eines Heilskönigs mit der Vorstellung eines leidenden Gottesknechtes zu verbinden.

Wenn Jesus von Nazareth hunderte von Jahren später auf einem Esel nach Jerusalem reitet, dann macht er damit sehr deutlich, was für einen Anspruch er hat. Er will dieser Heilskönig sein. Er will nicht mit militärischer Macht herrschen, sondern er will gerade in seiner Armut den Menschen helfen.

Hat sich diese Verheißung in Jesus Christus nun erfüllt? Ja und nein. Er ist tatsächlich auf einem Eseln nach Jerusalem geritten. Aber es sind bei weitem nicht alle Kriegsbogen zerbrochen. Er herrscht bei weitem nicht über alle Welt. Auch als Christen warten wir noch auf die endgültige Erfüllung dieser Verheißung. Sein Friedensreich hat schon angefangen, aber es ist noch nicht vollendet.

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Sprüche 29, 1-18 Glaube und Politik

In diesen Sprüchen geht es vor allem um die politisch-soziale Dimension des Glaubens. Erstaunlich, wie ähnlich die Themen damals wie heute sind: Steuer, Armut, respektvolles Miteinander. Oder muss man sagen: das ist gar nicht erstaunlich, sondern die Probleme menschlichen Zusammenlebens sind heute die dieselben  wie damals? Trotz allen Fortschrittes, trotz aller neuen Erkenntnisse und Entdeckungen – der Mensch ist immer noch derselbe. Die Grundfragen menschlicher Gesellschaft sind heute noch dieselben: Wie kommt es zu einer gerechten Verteilung des Geldes und wie gehen wir in Respekt und Weisheit miteinander um?

Für die Sprüche ist klar, dass dazu ein offenes Ohr für die Weisungen Gottes gehört (V.18). Aber gerade in den Sprüchen wird auch deutlich, dass dazu nicht nur ein fester Glaube nötig ist, sondern auch nüchterner und sachlicher Menschenverstand. Gerade die Sprüche sind Sammlungen von Lebensweisheiten, die zwar mit Gott in Verbindung gebracht werden, die aber nicht als göttliche Offenbarung vom Himmel gefallen sind. Wichtig ist, dass sich menschliche Weisheit und Lebenserfahrung mit Gottesfurcht (oder anders übersetzt: Respekt vor Gott) verbindet. Glaube kann sich nicht nur auf innerliche und persönliche Erfahrungen zurück ziehen. Er hat Verantwortung auch für andere. Aber umgekehrt gilt auch: eine Politik ohne Respekt vor Gott, steht in der Gefahr, falsche Maßstäbe anzuwenden.

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Lukas 21, 1-4 Reichtum, mitten in der Armut

Die arme Witwe gibt trotz ihrem Mangel großzügig. Wir tun uns trotz unserem Reichtum schwer mit dem abgeben. Wie reich wir hier in Deutschland sind, wurde mir gestern Abend wieder deutlich. Im Fernsehen kam eine Reportage über einen englischen Taxifahrer, der für einige Monate in Mumbai, der größten Stadt Indien, arbeitete. Er wurde eingewiesen von einem indischen Taxifahrer, der ihm auch in seinen eigenen Alltag und in sein Leben Einblick gegeben hat.

Es ist für uns unvorstellbar, in welcher Armut ein Großteil der Weltbevölkerung lebt. Der indische Taxifahrer war noch recht gut dran: er hat eine Arbeit, er kann für sich und seine Familie sorgen (und sorgt sogar für die verwitwete Schwester seiner Frau und ihre vier Kinder). Sie wohnen zu neunt in einer winzigen Wohnung. Der Taxifahrer ist täglich stundenlang im Verkehrschaos von Mumbai unterwegs und verdient doch lächerlich wenig. Wie gesagt: ihm geht es noch relativ gut, in der Reportage tauchten auch andere Personen auf, die buchstäblich jeden Tag ums überleben kämpfen müssen.

Die bewegendste Szene fand ich, als der indische Taxifahrer dem Engländer sein Miettaxi präsentierte: Der Inder hatte, um ihm eine Freude zu machen, auf der Rückscheibe den Namen des Engländers aufgeklebt. Dem reichen Westeuropäer kamen die Tränen. Er wusste, dass sein neuer Freund um jeden Cent zu kämpfen hat. Und trotzdem hat er Geld für Klebebuchstaben ausgegeben…

Was für ein Reichtum, mitten in der Armut. Ähnlich ist es bei der Witwe aus Lukas 21: Was für ein Reichtum, mitten in der Armut.

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Lukas 6, 17-26 Weh uns!?

Vor einiger Zeit habe ich mit jemand gesprochen (bzw. er hat mehr mit mir gesprochen ;)), der überzeugt war, dass es in Deutschland so wenige Christen gibt, weil es uns zu gut geht. Wir sind zu reich und satt, wir leiden nicht unter Verfolgung. Mir war es etwas unwohl bei diesen Aussagen. Denn was ist die Konsequenz daraus? Sollen wir um Armut, Hunger und Verfolgung bitten, damit mehr Menschen zu Jesus finden?

Bei der Feldpredigt in Lukas macht nun Jesus ähnliche Aussagen: Selig sind die Armen und Hungrigen und diejenigen, die um Jesu willen gehasst werden. Den Reichen, Satten und nicht Verfolgten dagegen gilt Jesu Weheruf. Na toll! Dann hab ich ja schlechte Karten bei Jesus! Im weltweiten Durchschnitt gesehen bin ich reich, ich bin satt und ich brauche mich nicht vor Verfolgung fürchten…

Soll ich diese Seligpreisungen und Weherufe geistlich umdeuten – so wie es Matthäus macht? Bei Matthäus spricht Jesus nämlich von den geistlich Armen und denen, die nach Gerechtigkeit hungern. Oder sollte ich um so dankbarer sein, dass ich trotz Wohlstand und Freiheit zum Glauben kommen durfte?

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1. Johannes 3, 13-17 Liebe konkret

Jetzt wird die Sache mit der Liebe zu Glaubensgeschwistern erschreckend konkret. Über die Liebe reden ist ja einfach, von der Liebe zu schwärmen ist schön… aber Liebe zu leben ist richtig schwierig. Da schließe ich mich ausdrücklich mit ein. Johannes schreibt: „Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger.“ (V.15) Ganz schön heftig: Hass sieht er auf derselben Stufe wie Totschlag. „Wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen.“ (V.16) So wie Jesus für uns gestorben ist, so sollen wir bereit sein unser Leben für andere zu geben. Und in V.17 fordert uns Johannes dazu auf, dem Bruder, der nicht genug hat, von unseren Gütern abzugeben.

Wichtig ist aber auch hier, dass bei Liebe nicht in erster Linie an ein Gefühl der Zuneigung gedacht ist, sondern an konkrete Hilfe. Positive Gefühle gegenüber anderen können natürlich nicht schaden, aber ich kann auch konkret einer Person helfen, die mir eigentlich nicht so besonders sympathisch ist. Trotzdem bleiben da für mich auch Fragen offen: Wo ist die Grenze zwischen fehlender Sympathie, Gleichgültigkeit und Hass? Was bedeutet es in unserer globalisierten Welt, dass ich als (im weltweiten Vergleich gesehen) reicher Deutscher meinen Glaubensgeschwistern helfen soll – wo sind da die Grenzen?

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Matthäus 5, 1-12 – Selig sind die Hartz IV Empfänger?

In der Auslegung meiner Studienbibel dieser Text mit der sogenannten Armenfrömmigkeit in Verbindung gebracht. Die Seligpreisungen Jesu gelten vor allem den Armen – und zwar nicht nur den geistlich Armen, sondern den materiell Armen. Sie seien durch ihre Armut in besonderer Weise gezwungen alles von Gott zu erwarten. Diese erste Seligpreisung stünde quasi als Überschrift über allen anderen.

Der Ausdruck „geistlich arm“ scheint jedoch nicht so eindeutig deutbar zu sein. Die Wuppertaler Studienbibel übersetzt an der Stelle: „Glückselig die Armen durch den Geist.“ Also nicht einfach Arme die durch äußere Umstände arm wurden und als Folge davon sich stärker auf Gott ausrichten, sondern umgekehrt: Menschen, die sich stark auf Gott ausrichten und die dann durch den Geist in materielle Armut geführt wurden. Wieder anders versteht diese Stelle Gerhard Maier in der Edition C: Er denkt an diejenigen, die unter der Last ihrer Sünde und Schuld gebeugt sind und ihre innere Armut vor Gott erkennen. Hier ist also mehr an Armut in geistlicher Dimension statt in materieller Dimension gedacht.

Keine Ahnung, was da jetzt stimmt – von der Übersetzung her scheint alles möglich zu sein. Aber von der Gesamtbotschaft des NT her gilt beides: Gott ist in besonderer Weise den materiell Armen nahe und auch denen die ihre geistliche Armut vor Gott erkennen. Und ich kann mir durchaus auch vorstellen, dass manche Leute durch das Wirken des Geistes bewusst die Armut wählen, um Gott näher zu kommen. Zu den Gelübden der Mönche und Nonnen gehört z.B. das Gelübde der Armut.

Wie wäre das wohl bei mir? Würde ich als Hartz IV Empfänger Gott stärker vertrauen? Das ist sicher kein Automatismus: Nicht jeder, der arm ist, vertraut deswegen stärker auf Gott. Aber vielleicht ist das schon eine Krankheit der westlichen Christenheit: Dass es uns mit unserem bequemen und abgesicherten Lebensstil viel schwerer fällt, uns unserer existentiellen Abhängigkeit von Gott deutlich zu werden.