Apostelgeschichte 28, 17-31 Offenes Ende

Schon immer fand ich dieses Ende der Apostelgschichte seltsam offen und unbefriedigend. Da berichtet Lukas kapitelweise und detailliert über das Schicksal des Paulus und am Ende erfahren wir nicht, wie es tatsächlich mit Paulus weitergegangen ist. Sein persönliches Schicksal bleibt offen. Er ist zwei Jahre in Rom unter Hausarrest und kann dort ungehindert predigen. Aber was ist danach? Kein Wort dazu.

Man vermutet, dass Paulus im Frühjahr des Jahres 61 nach Rom gekommen ist. Wenn man zwei Jahre dazu zählt, dann endet die Apostelgeschichte im Jahr 63 n.Chr. Nach altkirchlicher Überlieferung war Paulus im Jahr 64 in Rom und starb dort im Zusammenhang mit den Christenverfolgungen unter Nero den Märtyrertod. Aber stimmt diese Überlieferung? Was war dazwischen? Konnte Paulus dann noch nach Spanien reisen, um dort zu missionieren? Hat er seine „alten“ Gemeinden noch einmal besucht? Hat er noch mehr Briefe geschrieben (in dieser Zeit könnte man gut die Pastoralbriefe unterbringen, welche von vielen als Briefe seiner Schüler angesehen werden)?

Warum endet Lukas seine Erzählung so abrupt? Hat er die Apostelgeschichte gerade in diesem Jahr fertig geschrieben und wusste selbst nicht, was danach geschah? In der Forschung wird die Abfassungszeit aber üblicherweise auf die Zeit zwischen 80 und 90 n.Chr. datiert. Hatte Lukas keine Quellen mehr und wusste selbst nicht, was mit Paulus geschehen ist?

Möglicherweise ging es ihm gar nicht so sehr um das Einzelschicksal des Paulus. Möglicherweise sah er selbst den entscheidenden Abschluss seiner Erzählung in den Worten des Paulus an die Juden in Rom. Hier wendet sich Paulus ein letztes mal an die Juden und macht deutlich, dass er jetzt in erster Linie die Heiden in den Blick nimmt. Vielleicht war das dem heidenchristlichen Lukas wichtig: Viele Juden haben sich der Botschaft des Evangeliums verschlossen und darum sind jetzt die Heiden die wichtigsten Adressaten seiner eigenen Aufzeichnungen im Lukasevangelium und der Apostelgeschichte.

Apostelgeschichte 28, 1-16 Endlich in Rom

Nun ist Paulus endlich in Rom angekommen. Schon im Römerbrief hat er der Gemeinde in Rom angekündigt, dass er sie gerne besuchen würde und dass er von Rom aus auch gerne in Spanien missionieren möchte (Röm.15,23f). Er sah seine Aufgabe im Osten des Römischen Reiches als erfüllt an und wollte nun auch im westlichen Teil das Evangelium verkündigen. Allerdings hat er sich seine Reise nach Rom wohl anders vorgestellt. Denn er kommt nicht als freier Mann nach Rom, sondern als Gefangener. Immerhin war er ein Gefangener mit Sonderbehandlung: er durfte alleine wohnen und hatte nur einen Soldaten, der ihn bewachte. Auch schien es kein Problem zu sein, dass er mit den Christen von Rom Kontakt hatte.

Gottes Wege sind manchmal anders, als wir uns das vorstellen. Wie es dem Paulus selbst wohl dabei gegangen ist? Lukas berichtet nichts über sein Innenleben. Hatte Paulus seine Fragen und Zweifel über diesen Weg, den Gott mit ihm gegangen ist? Oder konnte er diesen Gefangenentransport nach Rom als gute Fügung Gottes ansehen? Wie auch immer: er erscheint nicht als ein Mensch, der resigniert hat, sondern er nutzt jede Möglichkeit, um anderen zu helfen und um Jesus zu bezeugen.

Apostelgeschichte 27, 13-44 Der ruhende Pol

Ja, so sollte es eigentlich sein – auch heute noch. In einer stürmischen Welt, in der wir die Orientierung verloren haben, sollten die Christen der ruhende Pol sein, der auch den anderen Hoffnung schenkt. Aufgrund der Verheißung Gottes kann Paulus mitten im Sturm gelassen bleiben und andere trösten. Er gibt Hoffnung und ganz automatisch fangen die anderen an, ihm mehr und mehr zu vertrauen.

Das wäre schön, wenn wir Christen auch heute noch so leben und so wahrgenommen werden könnten. Als Menschen die auch im Sturm eine Gelassenheit und Zuversicht ausstrahlen, die nicht von dieser Welt kommen kann. Als Menschen die sich gehalten wissen von einer Macht, die stärker ist, als jeder irdische Sturm. Als Menschen die aufgrund ihres ruhigen Handelns und Redens auch andere aus dem Sturm retten.

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Apostelgeschichte 27, 1-12 Gemeinsam sind wir stark

In der Apostelgeschichte ist es auffällig, dass Lukas immer wieder in der Erzählperspektive wechselt. Manchmal erzählt er in der dritten Person über Paulus und seine Begleiter und manches mal in der ersten Person Plural. Ganz besonders auffällig ist der Wechsel in Apg.16,6-10. Mitten im Abschnitt wechselt Lukas ohne erkennbaren Grund vom „sie“ zum „wir“. Auch im heutigen Abschnitt ist mir dieses „wir“ aufgefallen. Paulus wird nicht allein auf die Reise nach Rom geschickt, sondern Lukas berichtet, dass „wir“ beschlossen, den Paulus auf der Reise nach Italien zu begleiten (V.1).

Über diese wechselnde Erzählperspektive ist schon viel spekuliert worden. Lukas ist kein moderner Schriftsteller, der in Fußnoten notiert, was seine Quellen sind. Er möchte einfach nur die Geschichte Jesu und die der ersten Christen erzählen. Dabei ist ihm dennoch wichtig, zuverlässige Quellen zu haben. Das betont er am Anfang des Lukasevangeliums (Lk.1,1-4). Er kann auf Augenzeugen zurückgreifen und hat alles von Anfang an sorgfältig erkundet. Wenn er nun in der Apostelgeschichte teilweise in der Wir-Form berichtet, kann das bedeuten, dass er entweder selbst als Augenzeuge dabei war oder dass er Augenzeugenberichte einfließen lässt.

Wie auch immer: es wird deutlich, dass Paulus auch in seiner schwierigen Situation nicht allein gelassen wird. Auch auf seinem Gefangenentransport nach Rom wird er begleitet von anderen Christen. Er muss sein Schicksal nicht alleine tragen, sondern es wird gemeinsam getragen.

Apostelgeschichte 26, 24-32 Nicht überzeugt

Interessant wie Festus und Agrippa auf die Verteidigungsrede des Paulus reagieren. Beide sind sich einig, dass Paulus nichts getan hat, was eine Verurteilung nach römischen Recht zuließe (V.31). Für Festus sind die Ausführungen des Paulus so abwegig, dass er zwar das große Wissen anerkennt, Paulus aber als wahnsinnig bezeichnet. Agrippa dagegen scheint durchaus beeindruckt, drückt sich jedoch mit einer leicht ironischen Äußerung davor, wirklich Stellung zu beziehen (V.28). Letztendlich kann Paulus die beiden zwar von seiner Unschuld überzeugen, aber nicht von seinem Glauben. Für sie ist er ein harmloser, aber auch nicht überzeugender Spinner.

Von diesen Erfahrungen her wird die Aussage von Paulus in 1. Kor. 1,23 plastisch: Der gekreuzigte Christus ist den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit. Genau diese Erfahrung wird in der Apostelgeschichte beschrieben. Die Juden ärgern sich über die Predigt des Paulus. So sehr, dass sie ihn tot sehen wollen. Die griechisch gebildeten Römer nehmen Paulus Predigt gar nicht richtig ernst und tun sie als töricht, abwegig oder sogar wahnsinnig ab. Manche erkennen vielleicht das große Wissen an, oder sind in gewisser Weise beeindruckt, aber behalten doch innerlich eine ironische Distanz. Das war damals gar nicht viel anders als heute.

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Apostelgeschichte 26, 1-23 Paulus bezeugt seinen Glauben

Paulus scheint richtig froh gewesen zu sein, endlich mal vor jemand reden zu dürfen, der die religiösen Hintergründe seiner Auseinandersetzung mit den jüdischen Leitern von Jerusalem richtig verstehen und einordnen konnte. Agrippa II. war selbst Jude, wurde jedoch am römischen Kaiserhof erzogen. Er kannte also sowohl die jüdische Welt, wie auch die römische. Er durfte den Titel König von Judäa führen und hatte als dieser auch von politischer Seite her die Oberaufsicht über den Tempeldienst in Jerusalem. Er setzte sich für ein reibungsloses Miteinander von Römern und Juden ein und versuchte z.B. auch den jüdischen Krieg (66-70 n.Chr.) durch Verhandlungen zu verhindern.

Paulus kommt in seiner Rede gar nicht auf die politischen Anklagepunkte zu reden, sondern gibt im wesentlichen ein persönliches Glaubenszeugnis. Er berichtet von seiner eigenen Bekehrung und betont dabei seine bleibende Verbundenheit mit dem Judentum bzw. vor allem mit deren Heiligen Schriften (V.22b: „Propheten und Mose“). Paulus benützt die Gelegenheit ganz einfach, um seinen Glauben an Jesus zu bezeugen und auch andere davon zu überzeugen. Auch hier fällt wieder auf, dass er nicht provozieren und polemisieren will, sondern dass er sein Zeugnis so formuliert, dass es bei seinem jüdischen Zuhörer verstanden wird. Ein klares Zeugnis, dass doch einladend und werbend formuliert ist.

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Apostelgeschichte 25, 13-27 Ein Rädchen im Getriebe

Festus hat wirklich keinen Plan, was er mit Paulus machen soll. Er gibt offen zu, dass er von den inhaltlichen Differenzen zwischen Paulus und den Juden keine Ahnung hat (V.20) und er hofft, dass Agrippa ihm sagt, wie er in der Sache fortfahren soll. Immerhin ist ihm klar geworden, dass die Todesanklage der Juden absurd ist (V.25). Jetzt steckt er in einem Dilemma: er hat einen Gefangenen, der sich auf den Kaiser beruft, aber er hat gar keine rechtlich sinnvolle Beschuldigung, die gegen den Gefangenen vorgebracht wird! (V.27)

Ich frag mich, warum er den Paulus nicht einfach freilassen konnte. Er hat doch erkannt, dass die Vorwürfe gegen ihn haltlos waren. Wahrscheinlich hat ihm dafür die Courage gefehlt. Er wollte es sich mit den Juden nicht verderben. Es war für ihn einfacher, die Sache weiterlaufen zu lassen und irgendeinen Grund zu finden, den Paulus an die nächst höhere Eben weiterzuschieben. Sollte doch jemand anderes sich mit dieser komplizierten Sache beschäftigen. Dann ist er selbst fein raus.

Dazu fällt mir der Fall Mollath ein, der von deutschen Gerichten zwar nicht schuldig gesprochen wurde, aber aufgrund verschiedener Gutachten zwangsweise in psychiatrischer Behandlung untergebracht wird. Auch hier wollte niemand so richtig Verantwortung übernehmen, der Fall wurde hin und her geschoben und neue Fakten wurden ignoriert. Jeder ist nur ein kleines Rädchen im Getriebe und keiner will zugeben, dass er Fehler gemacht hat. Am Ende ist gar nicht mehr klar, wie es soweit kommen konnte und jeder wäscht seine Hände in Unschuld.

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Apostelgeschichte 25, 1-12 Machterhaltungspolitik

Auch unter dem neuen Statthalter Festus ergeht es Paulus nicht besser. Im Gegenteil: Während Felix zumindest noch die Unschuld des Paulus erkannt hat und ihn nicht den Juden ausliefern wollte, ist Festus die Sache offensichtlich völlig egal. Er will sie nur schnell klären und er will es sich nicht gleich zum Amtsantritt mit der jüdischen Führungsschicht verderben (V.9). Deswegen ist er bereit, auf ihre Forderungen einzugehen und den Prozess in Jerusalem weiterzuführen. Paulus bleibt darum nur die Berufung auf den Kaiser. Als römischer Bürger hat er das Recht sich auf die höhere Instanz in Rom zu berufen.

Festus will nicht für Recht und Gerechtigkeit sorgen, sondern ist nur besorgt um seinen eigenen Machterhalt und ein möglichst reibungsloses regieren. Da hat sich grundsätzlich bis heute nicht viel verändert in der Welt. In westlichen Demokratien haben wir zum Glück mehr Grundrechte und können Politiker in gewissen Abständen auch abwählen. Aber das Verhalten von Politikern ist auch heute oft in erster Linie am eigenen Machterhalt ausgerichtet.

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Apostelgeschichte 24 Egoistische Gleichgültigkeit

Ähnlich wie beim Prozess Jesu wird Paulus zerrieben zwischen dem fanatischen Hass einiger Juden und der egozentrischen Gleichgültigkeit römischer Politiker. Nachdem der Statthalter Felix die Vorwürfe gegen Paulus und auch Paulus selbst gehört hat, ist ihm eigentlich klar, dass Paulus kein politischer Aufrührer ist, sondern dass es um religiöse Streitigkeiten geht (vgl. V.22). Aber er kann sich nicht durchringen, Paulus freizugeben. Stattdessen zieht er die Sache einfach in die Länge (nach V.27: zwei Jahre!), um sie seinem Nachfolger zu überlassen. Die gleiche unentschiedene Haltung zeigt er gegenüber der Botschaft des Paulus. Er hört ihn gerne an, aber sobald Paulus persönliche Konsequenzen anmahnt, zieht er sich ängstlich zurück (V.24f).

Da fragt man sich, was schlimmer ist: der fanatische Hass der jüdischen Eiferer oder diese egoistische Gleichgültigkeit eines Menschen, der nur an sich selbst und seine Bequemlichkeit denkt? Die jüdischen Gegner des Paulus haben zumindest den Wunsch, Gott zu gefallen. Sie haben erkannt, dass Gott für ihr Leben zentral ist. Aber sie meinen mit ihrem menschlichen Fanatismus Gott selbst schützen zu müssen. Wir leben heute in Deutschland eher in einer Situation der egoistischen Gleichgültigkeit. Solange niemand dem anderen schadet, darf jeder glauben, was er will. Solange die Christen mich und mein Leben nicht in Frage stellen, dürfen sie gerne ihren Glauben haben. Solange es mir selbst gut geht und ich glücklich bin, darf jeder seine eigene Wahrheit haben bzw. darf jede Wahrheit gleich gültig sein.

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Apostelgeschichte 23, 12-35 Etappen auf dem Weg nach Rom

Ehrlich gesagt, kann ich mit diesem Text nicht besonders viel anfangen. Fanatische Juden wollen Paulus umbringen und die Römer sind sich etwas unschlüssig, wie sie mit Paulus umgehen sollen. Nicht jeder Bibeltext ist gleich wichtig für meinen persönlichen Glauben. Und auch nicht jeder Bibeltext ist von seinem theologischen Gewicht her gleich wichtig.

Ich denke, Lukas geht es darum das Schicksal von Paulus zu erzählen. In der gesamten Erzählung wird immer wieder deutlich, dass hier zwar Menschen handeln, dass aber letztendlich Gott seine Finger mit ihm Spiel hat. In Apg.23,11 spricht Gott dem Paulus zu, dass er in Rom Zeuge für das Evangelium sein wird. Dieser Text heute ist ein kleiner Baustein, wie Gott gerade das gegen Paulus gerichtete Verhalten von Menschen benützt, um diese Verheißung wahr zu machen.

Vielleicht ist das ja etwas, was ich mitnehmen kann aus diesem Text: Auch in meinem Leben kann ich Gottes Handeln oft nicht direkt erkennen. Ich fühle mich als Spielball des Schicksals, mache mir um so manche Bedrohungen Sorgen und es scheint von Gottes Seite her nicht viel zu passieren. Aber letztendlich ist er doch da und hat mein Leben im Griff.

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