Römer 8, 31-39: Gott schenkt uns alles?

Das klingt zunächst einmal nach einer sehr triumphalen Theologie und auch ein bisschen nach Wohlstandsevangelium: Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein? Wer kann uns noch widerstehen? Gott schenkt uns in Christus alles – nicht nur ein wenig Trost, sondern alles! Das schließt dann doch auch materielle Dinge und leibliche Wohlergehen mit ein, oder?

Aber der weitere Text macht dann doch deutlich, dass es nach wie vor viele Dinge gibt, die gegen uns sein können und die uns bedrängen können: Trübsal, Angst, Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr, Schwert (V.35). Das klingt nicht gerade nach einem bequemen Wohlstandsevangelium. Denn Paulus sagt ja nicht, dass diese Dinge uns nicht mehr treffen können, sondern sein entscheidender Punkt ist, dass sie uns nicht mehr scheiden können von der Liebe Christi. Das heißt im Klartext: Sie werden kommen, sie werden wider uns sein, aber sie werden uns nicht von der Liebe Christi trennen können.

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Johannes 10, 11-21 Kein friedliches Idyll

Das sind gewaltige Aussagen, die Jesus da macht. Und dennoch erreichen sie mich heute beim Lesen nicht so richtig. Jesus als der gute Hirte, in bewusster Anlehnung an Psalm 23 (dort wird Gott selbst als Hirte bezeichnet), das habe ich schon so oft gehört. Das ist doch selbstverständlich. Jesus als der gute Hirte, das ist inzwischen von jeder Menge Kitsch und heiler Welt überlagert. Ein freundlich lächelnder Jesus im strahlend weißen Gewand, umgeben von friedlichen Schafen, die natürlich auch alle strahlend weiß sind, und dazu noch eine süßes kleines Lamm auf dem Arm…

Aber stopp! In dem Text ist doch auch die Rede vom Wolf! In dem Text geht es doch um Leben und Tod! Hier wird keine friedliche Idylle beschrieben, sondern ein Überlebenskampf. Der Hirte riskiert und opfert sein Leben im Kampf gegen den Wolf, gegen das Böse. Es geht nicht um eine heile Welt, sondern um eine bedrohte Welt, eine Welt voller Angst, Gefahr und Blut. Jesus lässt mich in der Dunkelheit, in der Gefahr und in meiner Angst nicht allein.

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1. Thessalonicher 5, 1-11 Keiner weiß wann oder wie

Paulus schreibt es hier ausdrücklich: Über das „Wann“ des Kommens Jesu brauchen wir gar nicht erst anfangen zu spekulieren. Das weiß keiner. Der Tag von Jesu Wiederkunft wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Das kann jede Nacht passieren. Es kann jahrzehntelang nicht passieren. Das kann kein Mensch voraussagen. Interessant ist, dass Paulus hier die zwei griechische Grundbegriffe für Zeit benutzt: Chronos und Kairos (V.1). Beide bezeichnen die Zeit unter einem bestimmten Blickwinkel. Chronos meint eher die messbare und chronologisch gleichmäßig ablaufende Zeit. Kairos meint eher einen besonderen, quasi aus der Gleichmäßigkeit der Zeit herausgehobenen Zeitpunkt in der Geschichte. Das heißt unter allen Blickwinkeln der Zeit können wir nicht über die Wiederkunft Jesu spekulieren.

Dieses Bild vom Dieb in der Nacht, das ja von Jesus selbst stammt (Mt.24,43f), kann beängstigend sein. Denn ein Dieb in der Nacht ist ja nicht gerade eine schöne Erfahrung. Man könnte sich mit diesem Vergleich auch verrückt machen und in ständiger Angst leben. Es könnte ja jede Nacht passieren, dass ein Dieb kommt. Wir können es ja nicht wissen und sollen ständig darauf vorbereitet sein. Wenn aber unsere christliche Zukunftshoffnung in solch eine Angst umschlägt, dann läuft etwas schief. Paulus macht das sehr schön deutlich, indem er schreibt, dass die Empfänger ja gerade nicht in der Finsternis sind: „Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages.“ (V.5) Wer ein Kind des Lichtes ist, braucht vor dem Dieb in der Nacht keine Angst haben.  Wichtig ist deshalb, ein Kind des Lichtes zu bleiben.

Etwas verwirrend fand ich V.10, wo Paulus im Gegensatz zu den vorigen Ausführungen von Christen schreibt, die wachen oder schlafen. Als Christen sollen wir doch wach und nüchtern sein und gerade nicht schlafen, oder?! Am sinnvollsten ist es wenn man das im größeren Zusammenhang betrachtet und als ein Wortspiel sieht: mit den Schlafenden sind hier die „Entschlafenen“ gemeint – also die Christen, die zum Zeitpunkt des Briefes schon verstorben sind. Das ist im größeren Zusammenhang die Aussageabsicht: Egal ob wir zum Zeitpunkt der Wiederkunft leben oder schon gestorben sind: wir werden mit Jesus Christus leben.

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Hebräer 12, 25-29 Kein Kuschelgott

Auch hier wieder: Zuckerbrot und Peitsche. Auf der einen Seite lockt der Hebräerbrief die müden Christen damit, dass sie ein unerschütterliches Reich empfangen werden (V.29) wenn sie im Glauben treu bleiben. Andererseits droht er mit der Heiligkeit Gottes: „Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.“ (V.29)

Wie schon vorher, stellt der Hebräerbrief Gott nicht als harmlosen Kuschelgott dar. Er ist ein verzehrendes Feuer. In Hebr. 10,31 wird gesagt: „Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ Ich beschäftige mich gerade mit biblischen Aussagen zum Thema Hölle. Auch die Hölle wird häufig mit dem Bildwort vom Feuer verbunden. Feuer ist gefährlich, es kann schmerzhaft und qualvoll sein. Der Hebräerbrief warnt uns eindringlich davor, Gott und seine Heiligkeit zu verharmlosen.

Allerdings kann berechtigte Ehrfurcht vor diesem Gott der so anders, so viel größer und heiliger ist, als wir uns das vorstellen können, auch schnell umschlagen in Angst. Ich denke nicht, dass echter Glaube und tiefes Vertrauen in Gott, auf Angst basieren kann. Mir selbst ist als sinnvolle biblische Ergänzung und Korrektur dieser Aussagen des Hebräerbriefes das Gleichnis vom verlorenen Sohn eingefallen. Auch Jesus stellt Gott nicht als Kuschelgott dar. Auch er spricht von Gottes Heiligkeit und seinem Zorn gegenüber der Sünde. Aber er zeigt ihn auch als den liebenden Vater, der den Sünder nicht in heiligem Feuer vernichten will, sondern der sehnsüchtig, mit offenen Armen und mit einem offenen Vaterherz auf die Umkehr des Verlorenen wartet. Dieses Bild ermutigt mich sehr viel mehr, Gott treu zu bleiben, als das Bild vom verzehrenden Feuer.

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Hebräer 12, 12-24 Anspruch und Zuspruch

Auch in diesem Abschnitt begegnet uns wieder ein In- und Miteinander von Anspruch und Zuspruch. Auf der einen Seite werden die Leser eindringlich vor einem laschen Glauben gewarnt. Sie sollen sich zusammenreißen und anstrengen, sonst werden sie Gott nicht begegnen: „Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird.“ (V.14) Wer das nicht tut, dem wird es wie Esau gehen, der sein Erstgeburtsrecht verkaufte und damit den Segen verspielt hatte – obwohl er später unter Tränen Buße suchte (V.17). Das heißt: Wer nicht ernsthaft nach einem heiligen Leben strebt, der kann seinen Platz bei Gott verspielen. Das klingt für mich nicht sehr ermutigend, sondern macht mir einfach nur Angst. Aber ist Angst ein gutes Motiv, um am Glauben zu bleiben?

Auf der anderen Seite wird den Lesern zugesprochen (V.22), dass sie schon zum himmlischen Jerusalem gekommen sind (Vergangenheitsform!) und dass sie gekommen sind zu der „Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind“ (V.23). Das heißt: Es ist alles schon passiert, es ist alles schon klar. Wer Jesus vertraut, der gehört schon zum himmlischen Jerusalem, sein Name ist schon im Himmel aufgeschrieben. Das klingt für mich sehr tröstlich und weckt bei mir eher Vertrauen in Gott als die angstmachende Ermahnung.

Aber offensichtlich ist der Hebräerbrief der Meinung, dass wir beides brauchen: Den Anspruch, nicht im Glauben nachzulassen und den Zuspruch, dass Jesus schon alles für uns getan hat. Auch wenn sich rein logisch beide Pole schwer miteinander verbinden lassen, haben wir wohl rein praktisch beide Pole nötig.

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Lukas 21, 20-28 Aufsehen

Diese Verse erinnern mich an Bonhoeffers berühmtes Gedicht: „Wer bin ich?“ Er hat es in seiner Zelle geschrieben, als er von den Nazis gefangen genommen wurde. In diesem Gedicht schreibt er von seinen Ängsten und seiner Schwachheit. Zugleich wird er aber von anderen als stark und gelassen wahrgenommen.

So ist es als Glaubender: Auch wir haben Angst und sind schwach. Auch bei uns gibt es genügend Gründe dafür. Jesus beschreibt das auch in diesem Text. Aber wir haben etwas, an das wir uns festklammern können: Die Angst hat nicht das letzte Wort. Wir dürfen aufsehen, unsere Häupter erheben, weil wir wissen, dass sich unsere Erlösung naht. Wir dürfen auf Jesus schauen. Er kommt.

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Lukas 8, 22-25 Die Stille vor dem nächsten Sturm

Die Jünger sind mit Jesus auf einem kleinen Boot im Sturm. Während die Jünger Todesangst haben, schläft Jesus seelenruhig. Er weiß sich geborten von einer Macht die stärker ist als jeder Sturm. Die Jünger wecken Jesus und dieser bringt den Sturm zum Schweigen. „Und es entstand eine Stille.“ Diese Worte haben mich heute beim Lesen besonders angesprochen.

Ich hab auch schon so manche Stürme erlebt und dann auch erfahren, dass Jesus da ist und den Sturm wieder zum Schweigen bringen kann. Oft sah es zunächst so aus, als ob er schläft, als ob er gar nichts tut. Aber er war da. Das stärkt mein Vertrauen zu Jesus. Aber so manches mal wünsche ich mir, dass er die Stürme entgültig zum Schweigen bringt. Es ist ja auch als Christ so, dass immer wieder neue Stürme aufziehen. Stelbst wenn Jesus für Stille sorgt, so kommt früher oder später immer wieder ein neuer Sturm. Ich hab richtige Sehnsucht danach, dass es still bleibt…

Glaube muss im Sturm immer wieder neu wachsen und sich bewähren. Glaube heißt nicht, dass es keine Stürme mehr gibt. Ich möchte von Jesu Gelassenheit lernen. Auch im Sturm ruhig schlafen zu können. Das ist ein weiter Weg und ich bin weit von dieser Gelassenheit entfernt. Aber ich will weiter auf Jesus vertrauen, auch wenn nach der Stille der nächste Sturm kommt.

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Exodus 14, 1-14 Erfrischende Ängstlichkeit

Gott befreit hier nicht die selbstsicheren Glaubenshelden, die nie die geringste Spur des Zweifels und der Angst haben. Nein, er befreit einen wankelmütigen Haufen von Angsthasen aus der Gefangenschaft. Kaum sehen die Israeliten das Heer der Ägypter, bekommen sie es mit der Angst zu tun und sie fangen an zu zweifeln und zu fragen. Gleich zu Anfang denken sie schon, dass es doch einfacher und ungefährlicher gewesen wäre, weiterhin in Ägypten als Gefangene zu dienen (V.12).

Man mag über die ängstlichen Israeliten den Kopf schütteln. Aber ich finde es sehr erfrischend, dass hier in der biblischen Erzählung die Gemütslage des Volkes so offen und schonungslos dargelegt wird. Wenn Gott die ängstlichen Israeliten befreien konnte, die gleich zu Beginn schon ihr Vertrauen in Gott verloren hatten, dann kann er vielleicht auch was mit mir anfangen…

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Exodus 12, 29-51 Eine Nacht des Wachens

Endlich gibt der Pharao nach. Es muss bis zum Äußersten kommen bis er einsieht, dass der Gott der Hebräer mächtiger ist, als seine Götter (und selbst diese Erkenntnis hält nicht lange vor…). Endlich lässt der Pharao das Volk Israel ohne Bedingungen ziehen.

Eine Formulierung ist mir in diesem Abschnitt besonders aufgefallen: „Eine Nacht des Wachens war dies für den Herrn, um sie aus Ägyptenland zu führen.“ (V.42) Damit ist wohl nicht gemeint, dass Gott aus lauter Angst und Sorge nicht schlafen konnte, sondern dass er so etwas wie eine Nachtwache gehalten hat. Er hat in besonderer Weise über sein Volk gewacht, hat es beschützt, hat es vor Gefahren bewahrt.

Mich erinnert das auch an die Nacht des Wachens, die Jesus vor seinem Kreuzestod durchgemacht hat. Er hat gewacht und gebetet, um bereit dafür zu sein, uns zu beschützen, unseren Tod auf sich selbst zu nehmen. Ein tröstlicher Gedanke: Wenn es um und in uns dunkel wird, dann wacht Gott in besonderer Weise über uns.

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Exodus 4, 10-17 Ein störrischer, alter Schafhirte

Hach, ich mag ihn – diesen störrischen, alten Schafhirten. Da begegnet ihm Gott persönlich und will ihn mit einem besonderen Auftrag losschicken und Mose findet einen Einwand nach dem anderen. Nach vielen beredeten Ausflüchten stellt er gegen Ende der Diskussion mit Gott fest, dass er eigentlich gar nicht so gut reden kann und dass es besser wäre, jemand anders zu schicken. Gott geht nicht darauf ein und als letztes Argument sagt Mose einfach: „Nee, macht ich ganz einfach nicht. Send wen du willst – aber nicht mich!“ (V13) Gott setzt sich am Ende durch, wobei er dem Mose seinen Bruder Aaron an die Seite stellt, damit dieser das Reden übernimmt.

Ich find’s genial, dass Gott so unterschiedliche Menschen gebrauchen kann. Da gibt es nicht nur die frommen und eifrigen Jesajas, die auf die Frage „Wen soll ich senden“ sofort losschreien: „Sende mich!“ (Jes.6,8), sondern eben auch die störrischen und ängstlichen Leute wie Mose. Und beide sind dann im Auftrag des Herrn unterwegs.

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