Johannes 20, 1-10 Zwei Jünger

Auch dieser Bericht steckt, wie im Johannesevangelium typisch, voller Symbolik. Vor allem die Beziehung zwischen den beiden Jüngern, die zum Grab laufen ist interessant. Der eine ist Petrus, der andere wird nicht mit Namen genannt. Petrus war schon zu Lebzeiten Jesu so etwas wie der Anführer und Sprecher der zwölf Jünger. An verschiedenen Stellen in den Evangelien wird das deutlich. Aufgrund dieser Stellung wurde er auch in der Urchristenheit als maßgebliche Autorität anerkannt. Der andere Jünger scheint für die Adressaten des Evangeliums eine besondere Rolle zu spielen. Auf sein Zeugnis beruft sich das Evangelium, er wird aber nicht eindeutig identifiziert.

In dieser kurzen Begebenheit wird nun eine Verhältnisbestimmung zwischen den beiden Jüngern ausgedrückt. Beide laufen zu offenen Grab, aber der unbekannte Jünger ist schneller, er ist vor Petrus am Grab und schaut hinein. Aber er lässt Petrus den Vortritt. Er erkennt die Autorität des Petrus an. Besonders auffällig ist dann, das von dem unbekannten Jünger gesagt wird: er „sah und glaubte“ (V.8). Schon bevor er den Auferstandenen gesehen hatte, findet er den Glauben. Damit wird seine besonders enge Beziehung und sein starkes Vertrauen auf Jesus ausgedrückt. Im Johannesevangelium wird dieser Jünger zu einem besonderen Glaubensvorbild – ohne dass damit die Autorität des Petrus in Frage gestellt wird.

Interessant dass schon in dieser frühen Zeit die Frage nach Amt und Autorität aufkam. Die Stellung des Petrus war in der Urchristenheit eine besondere. Jesu hat ihn quasi offiziell an Leiter der Zwölf eingesetzt. Trotzdem gab es andere Nachfolger, die „schneller“ im Glauben waren. Das hat wohl schon früh zu Spannungen geführt. Aber das Johannesevangelium macht deutlich: Das muss kein Widerspruch sein. Wer einen großen Glauben hat, kann auch gelassen einer Amtsperson den Vortritt lassen.

| Bibeltext |

1. Timotheus 5, 1-16 Hauptamtliche Beterinnen

Anscheinend gab es in der Gemeinde des Timotheus so etwas wie einen von der Gemeinde offiziell anerkannten Witwenstand, der wohl mit gewissen Rechten und Pflichten verbunden war. Zu diesem Stand – oder kann man schon sagen, dass es ein Amt war? – musste man auserwählt werden (V.9) und hatte bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen: die Witwen mussten über 60 Jahre alt sein, sie durften nur die Frau eines einzigen Mannes gewesen sein und sie mussten ein vorbildliches christliches Leben führen. Jüngere Witwen sollten besser wieder heiraten (V.14). Es ist anzunehmen, dass die anerkannten Witwen von der Gemeinde versorgt wurden und dafür dann Zeit hatten zum Gebet (V.5). Also so etwas wie hauptamtliche Beterinnen!

Ich finde das für die damalige Zeit eine tolle Regelung. Witwen standen am Rand der Gesellschaft, sie mussten oft um das Überleben kämpfen, weil sie keinen Mann hatten, der sie versorgt. Dieses Witwenamt gab ihnen die Möglichkeit, nicht mehr am Rand stehen bleiben zu müssen, sondern sich selbst sinnvoll in die Gemeinschaft einzubringen. Das ist doch genial: auch die scheinbar Schwachen dürfen und sollen sich mit ihren Gaben in die Gemeinschaft einbringen! Die Witwen sind nicht wertlos und unwichtig, sie sind nicht eine soziale Laste, welche die Gemeinschaft zu tragen hat, sondern sie sind als Beterinnen das verborgene Herzstück der Gemeinde.

| Bibeltext |

1. Timotheus 3, 1-13 Frühchristliche Gemeindeämter

Es geht um zwei Ämter in der Gemeinde: um das Bischofsamt (griech.: episkopos) und das Diankonenamt (griech.: diakonos). Leider gibt es hier, wie auch an anderen Stellen, keine genaue Aufgabenbeschreibung. Wir wissen nicht so ganz genau, welche Tätigkeiten diese Personen ausgeübt haben. Episkopos kann man mit Aufseher übersetzen, es geht wohl um eine gemeindeleitende Funktion (kein Bischof in unserem Sinn mit übergemeindlichen Aufgaben). Zugleich scheinen sie auch Lehraufgaben wahrgenommen zu haben (vgl. V.2). Ein Diakon ist wörtlich ein „Diener“ und übernahm wohl verschiedene Dienste in der Gemeinde.

In dem Text geht es weniger um die Aufgaben, sondern um die Befähigungen, die man für solche Ämter mitbringen muss. Was mich erstaunt hat: Es geht vor allem um ethische Anforderungen an die Lebensführung und nicht um geistliche Voraussetzungen. Was hier aufgezählt wird entspricht im großen Ganzen den öffentlichen Moralvorstellungen. Offensichtlich gab es wohl in der angeschriebenen Gemeinde vor allem auf diesem Gebiet Probleme.

Was mir noch aufgefallen ist: Es werden unter anderem Dinge aufgezählt, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Wer kann sich schon ernsthaft einen Gemeindeleiter vorstellen, der ein Säufer ist, geldgierig ist und mit mehreren Frauen zusammen ist?! Aber anscheinend waren schon damals die selbstverständlichen Dinge nicht selbstverständlich! Sonst hätte man sie nicht extra anführen müssen.

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie realistisch die Bibel uns Menschen einschätzt. Die Menschen damals in der Urgemeinde waren auch nicht anders als wir, sie hatten mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und waren – wie wir – alles andere als perfekt. Das soll keine faule Ausrede für uns heute sein, sondern eher ein Ansporn: auch damals haben sie nur mit Wasser gekocht und es ist aus dem kleinen Jüngerkreis trotzdem eine weltumspannende Gemeinde geworden!

| Bibeltext |