J. M. Coetzee: Schande

Großartig geschrieben. Eine Geschichte, die alles andere als schön und leicht ist, die den Leser aber fesselt und mit hinein zieht in die Welt dieses Romans. Die Geschichte spielt in Südafrika, nach der offiziellen Aufhebung der Apartheid. Die tragische Hauptfigur des Romanes ist der Literaturprofessor David Lurie. Er ist zweimal geschieden und verliert nach einer Affäre mit einer Studentin seinen Job. Er taumelt danach ziellos durch sein Leben.

Lurie zieht für eine Zeit zu seiner Tochter aufs Land. Sie hat eine kleine Farm und eine Hundepension. Sie lebt dort aber ganz alleine. Lurie muss miterleben, wie das Haus von drei Schwarzen überfallen wird, er selbst wird verletzt und seine Tochter vergewaltigt. Trotz der schrecklichen Ereignisse will seine Tochter die Farm nicht verlassen. Sie will sich mit der Situation abfinden und die ungeschriebenen Regeln der schwarzen Nachbarschaft akzeptieren.

Die Hauptperson bleibt bis zum Schluss nicht besonders sympathisch. Er kann sich nicht in andere Personen hinein versetzen. Er ist stur und selbstzentriert. Das einzige, was sich bei ihm verändert, ist seine Einstellung zu Tieren. Er hilft auf dem Land in einem Tierheim. Für die Leiterin des Tierheimes ist es eine Hauptaufgabe, kranken und ungewollten Tieren ein leichtes Sterben zu ermöglichen. Lurie lernt so etwas wie Ehrfurcht vor dem Leben dieser Tiere und auch vor dem Sterben.

Beeindruckt an dem Buch hat mich der einfache und doch fesselnde Erzählstil. Man merkt, das der Autor mit Sprache umgehen kann. Bedrückend ist, wie mit der Aufhebung der Apartheid in Südafrika nicht einfach alles wieder in Ordnung ist. Es sind neue Probleme im Miteinander von Schwarz und Weiß die nun auftauchen. Es bleibt schwierig und kompliziert.

Ein weiterer Aspekt des Buches ist auch das Altern. Gibt es in einem Menschenleben einmal einen Zeitpunkt, ab dem man sich nicht mehr großartig verändern kann? Ist irgendwann einmal der Charakter festgelegt und man kann nicht mehr anders werden, selbst wenn man es will? So sieht es zumindest die Hauptperson Lurie. Er sagt immer wieder, dass er sich in seinem Alter (52 Jahre) nicht mehr verändern kann. Er kann kein anderer Mensch mehr werden und muss mit sich selbst zurecht kommen, so wie er ist. Stimmt das, oder kann man sich auch noch im Alter verändern?

Per Petterson: Pferde stehlen

So kitschig, wie der deutsche Titel dieses Buches klingt ist es nicht. Ich habe es ganz gern gelesen. Trotzdem war ich überrascht, als ich nach dem Lesen einige Rezensionen zu diesem Buch angeschaut habe: durchgängig positiv, viele sogar begeistert. Das hätte ich nicht erwartet.

Die Geschichte die erzählt wird, spielt sich auf zwei Zeitebenen ab. Der Rahmen ist der Bericht über den 67-jährigen Trond, der sich am Ende seines Lebens in die Einsamkeit Ostnorwegens zurück zieht. Sein neuer Nachbar ist Lars, den er einst in seiner Jugend gekannt hatte. Durch die Begegnung mit ihm wird ein Sommer vor gut 50 Jahren wieder lebendig, in welchem sich dramatische Dinge ereignet haben.

Trond verbrachte damals seine Ferien mit seinem geliebten Vater in einem ähnlich einsamen Dorf. Nach und nach stellt sich heraus, dass sein Vater dort wenige Jahre zuvor, während des Krieges, im Untergrund gegen die Nazi-Besatzung kämpfte. Er beförderte Nachrichten und Flüchtlinge ins benachbarte Schweden. Dabei half ihm die Mutter von Tronds bestem Freund. Am Ende dieses Sommers verlässt der Vater ohne große Erklärungen seine Frau und seine beiden Kinder für die Mutter von diesem Freund. Erst im Lauf der Zeit wird Trond so langsam klar, was in diesem Sommer alles passiert ist.

Im krassen Gegensatz zu den dramatischen Geschehnissen, die erzählt werden, ist das Buch von einer geradezu einlullenden Langsamkeit. Der Autor bauscht die Ereignisse nicht auf, sondern erzählt sie ganz nüchtern und scheinbar unbeteiligt. Aber gerade dadurch gibt er ihnen Gewicht. Das ganze Buch durchzieht eine eigentümliche Melancholie, die aber nie in Verzweiflung abdriftet.

Es geht auf der doppelten Zeitebene zum einen um das Erwachsenwerden und zum anderen um das Älterwerden. Es geht um Glücksmomente und Enttäuschungen. Es geht um die Sehnsucht nach Liebe, nach einem Gegenüber, nach Familie und um den Rückzug in die Einsamkeit.

Begeistert hat mich das Buch nicht. Nein. Aber der Autor hat mich durch seine Erzählweise doch hinein gezogen in diese Geschichte. Am Ende ging es mir, wie Trond selbst: eigentlich müsste man enttäuscht und wütend über diesen Vater sein, der einfach so seine Familie verlässt. Und doch liebt Trond seinen Vater noch immer und lässt das Unbegreifliche einfach stehen. Soll man jetzt lachen oder weinen, oder doch keins von beiden? Ein Schlüsselsatz in dem Roman ist: „Wir entscheiden schließlich selbst, wann es weh tut.“ Das sagt der Vater seinem Sohn Trond als er Brenneseln mit der bloßen Hand ausreißt. Das lernt der Sohn im Lauf seines Lebens selbst anzuwenden: zuerst auf körperliche Schmerzen, aber dann wohl auch auf die seelischen Wunden…

Viele andere Rezensenten haben darauf hingewiesen, dass der Erzählstil und die ganze Geschichte die Landschaft Norwegens widerspiegeln. Ich denke da ist etwas dran: Herb, nüchtern und doch schön.

Psalm 92 – Der singende Baum

20090827-125334

Ein wundervolles Bild, das da in den Versen 13-16 entfaltet wird. Wer Gott vertraut ist wie ein Baum, der auch im Alter noch blüht, fruchtbar und frisch ist. Das Foto oben stammt aus unserem Urlaub in England. Dieser Baum hat mich beeindruckt. Was für eine Kraft, Schönheit und Stärke dahinter steht. Als einziger Baum hat er sich halten können. Als einziger Baum streckt er sich dort oben dem Himmel entgegen. Vom Wind gebeugt und nicht mehr ganz der Jüngste – und trotzdem ist er frisch und grün. Trotz schwieriger Bedingungen lebt er und lobt allein schon dadurch Gottes gute Schöpfung. Ich hör ihn förmlich singen: „Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster, des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen.“ (V.2-3)
Bibeltext

Psalm 78 – Von den Alten lernen

Ein Psalm, der auf die Geschichte Israels zurückblickt. Beeindruckend fand ich, dass hier nichts schön geredet wird. Ziemlich hart wird mit den Vorfahren ins Gericht gegangen. Da werden nicht vergangene, goldene Zeiten gerühmt. Da wird nicht behauptet, dass die Moral früher viel besser war und dass die heutige Jugend sich so schlecht verhält. Nein, sehr selbstkritisch und realistisch werden die Ereignisse der Vergangenheit der neuen Generation weiter erzählt. Sie sollen daraus lernen und nicht dieselben Fehler machen wir ihre „Väter“.

Gerade als Deutsche können wir von diesem Umgang mit Geschichte lernen. Die Alten können lernen, die Geschichte nicht schön zu färben und zu verharmlosen. Die Jüngeren können lernen, aufmerksam zuhören und dann selbst dafür sorgen, dass sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.
Bibeltext

Psalm 71 – Glaube im Alter

Der Psalm eines Beters, der ein Leben lang Gott vertraut hat, nun aber alt und schwach geworden ist. Er bittet Gott darum, dass er ihn auch jetzt im Alter nicht verlasse. Faszinierend finde ich, dass er nicht einfach ins Jammern abgleitet und nur sentimental-weinerlich zurückschaut. Wir kennen das ja von so manchen Älteren, die innerlich hart und verbittert geworden sind: „Früher war alles besser. Früher ging’s mir noch besser. Jetzt ist alles vorbei und ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen…“

Neben seine Klage und Bitte stellt der Beter aber sehr starke Vertrauensäußerungen (bes. V.14-16). Er lässt sich nicht einfach hängen und verzweifelt, sondern er hängt sich an Gott. Er vertraut darauf, dass der Gott, der ihn schon früher gerettet hat (V.20), ihm auch jetzt wieder hilft.

Schaut euch mal heute altgewordene Christen an. Ich find’s erschreckend, wie unterschiedlich das aussehen kann. Da gibt es manche, die auch im Alter fröhlich und zufrieden sind, die trotz mancher schwierigen Situation eine zufriedene Gelassenheit in Gott haben. Ich kenn da jemand, die schon etwas altersverwirrt immer wieder fröhlich sagt: „Ich kann nur loben und danken!“ Das ist wundervoll zu sehen!

Aber dann gibt es auch bei Christen die harten und einsamen Alten, die immer unzufriedener werden und die trotz Glauben keinen inneren Frieden zu haben scheinen. Lieblos und verbittert ziehen sie sich in sich selbst zurück und verlieren die Freude am Leben und an Gott. Ich will darüber nicht urteilen. Ich weiß nicht, wie das mal bei mir aussehen wird. Aber ich wünsch mir so sehr, dass bei mir und anderen Christen sich Gottes Liebe, Freude und Frieden so tief ins Herz einprägt, dass das alles auch im Alter nicht verloren geht.
Bibeltext