Titus Müller: Nachtauge

Müller: NachtaugeEin gelungener historischer Roman, der in der Zeit des 2. Weltkrieges spielt. Ausgehend von wahren Begebenheiten erzählt Titus Müller in zwei Erzählsträngen eine Spionagegeschichte, die in England spielt und eine Liebesgeschichte, die in Deutschland spielt. Durch verschiedene Personen und verschiedene Perspektiven gibt er dem Leser einen guten Einblick in die verworrene Zeit des Nationalsozialismus. Titus Müller: Nachtauge weiterlesen

Irvin D. Yalom: Das Spinoza-Problem

Yalom: Das Spinoza-ProblemDer amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Yalom hat mit seinen unterhaltsamen Romanen über große Denker der Philosophie erstaunlichen Erfolg. Er stellt das Denken berühmter Philosophen in mehr oder weniger fiktiven Lebensgeschichten dar. Das ist gar nicht so einfach. Mit seinen Romanen will er spannend und anschaulich erzählen, er bringt sein psychologisches Fachwissen in die Darstellung der Personen mit ein und will dennoch auch den philosophischen Grundgedanken seiner Hauptpersonen gerecht werden.

In diesem Buch wagt er sich an den großen und kühnen Denker des 17. Jh. heran: Spinoza. Das Problem bei Spinoza ist, dass man kaum etwas über sein Leben weiß. Er stammt aus dem Judentum, wurde aber wegen seiner religionskritischen Denkweise aus der Gemeinde verbannt. In seinen überlieferten Schriften findet sich wenig persönliches, denn Spinoza war fasziniert von der logischen Vernunft. Er argumentierte nicht mit Erfahrungen oder persönlichen Erlebnissen, sondern mit kühler und oft auch sehr abstrakter Vernunft.  Irvin D. Yalom: Das Spinoza-Problem weiterlesen

Renate Wind: Dem Rad in die Speichen fallen

Wind: Dem Rad in die Speichen fallenEine kompakte, informative und gut lesbare Biographie über Dietrich Bonhoeffer. Mir hat diese Biographie sehr gut gefallen. Sie umfasst Bonhoeffers ganzes Leben und beschränkt sich in der Kürze auf die wichtigsten Informationen und Stationen. Trotzdem ist das Buch gut lesbar und spannend. Für einen ersten Einblick und Überblick über Bonhoeffers Leben ist das Buch sehr gut geeignet.

Während der Theologe Bonhoeffer nicht so ausführlich dargestellt wird, kommt der Mensch stärker zur Geltung. Gerade die innere Zerrissenheit und Entwicklung aus dem bürgerlichen Milieu hin zu einem Widerstandskämpfer gegen den Staat und die Nazis fand ich eindrücklich hervor gearbeitet. Es ist ja alles andere als selbstverständlich, dass aus einem pflichtbewussten und privilegierten Staatsbürger ein Umstürzler wird.

Neu deutlich wurde mir auch die Vielschichtigkeit der Bekennenden Kirche. Es gab gegenüber dem zunehmend nationalsozialistischen Staat und der Reichskirche keinen einheitlichen Kurs, sondern durchaus verschiedene Meinungen wie stark man sich abgrenzen soll und welche Kompromisse man eingehen kann. Bonhoeffer gehörte auch unter der Bekennenden Kirche zu den Radikalen und ging in seinem Widerstand viel weiter als manch andere Vertreter der Bekennenden Kirche.

Bonhoeffer ist und bleibt – gerade in seiner inneren Zerrissenheit und Vielschichtigkeit – eine beeindruckende Persönlichkeit.

(Amazon-Link: Renate Wind: Dem Rad in die Speichen fallen: Die Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer)

Anne Frank: Tagebuch

Überrascht, fasziniert und bewegt hat mich das Tagebuch von Anne Frank. Obwohl ich gerne lese und Anne Frank eigentlich zur Standardliteratur in deutschen Schulen zählt, hab ich das Buch bis jetzt noch nicht gelesen und wusste auch kaum etwas über den Inhalt.

Überrascht hat mich, dass von den eigentlichen Schrecken des Krieges recht wenig direkt deutlich wird (auf indirekte Weise dann natürlich schon). In den Tagebucheinträgen, welche Anne Frank im Alter zwischen dreizehn und fünfzehn Jahren schrieb, wird vor allem der Alltag von acht Juden deutlich, welche sich in einem abgeschirmten Hinterhaus in Amsterdam während der deutschen Besetzung versteckt hielten. Vom Krieg selbst erhalten die untergetauchten Juden nur indirekt über ihre Helfer oder über Radio Informationen. Im Alltag bestimmender sind die zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen, die nervliche Anspannung aufgrund der Enge und der Angst und für Anne Frank selbst ihre persönliche Entwicklung und die Auseinandersetzung mit ihren Eltern in diesen Jahren der Pubertät.

Faszinierend ist, was in diesen ungeschönten Tagebucheinträgen deutlich wird von der Person der Anne Frank. Ein hoch intelligentes und schriftstellerisch begabtes junges Mädchen. Nach außen hin fröhlich, extrovertiert, selbstbewusst und oft auch frech. Aber in ihren Aufzeichnungen wird auch eine zweite, nachdenkliche und tiefgängige Seite ihres Charakters deutlich. Es werden ihre Ängste und Kämpfe deutlich, ihre Sehnsucht nach Verstandenwerden und Ernstgenommenwerden, ihre Verletzungen und wie sie diese Verletzungen nach außen hin überspielt.

Bewegt hat mich diese innere Entwicklung eines jungen Menschen unter extremen Bedingungen. Bewegt hat mich auch das Schicksal der ganzen Familie und der anderen im Versteck untergekommenen Juden. Was für ein Wahnsinn, dass diese ganz normalen Menschen mit ihren Träumen, Hoffnungen und Ängsten kein Recht zum Leben haben sollten, nur weil sie Juden waren!?! Bewegend sind auch und gerade diese Beschreibung der manchmal scheinbar kleinen Alltagssorgen, welche auf paradoxe Weise verdeutlichen, welcher Irrsinn es ist, wenn Menschen, die einfach nur leben und lieben wollen, im Chaos des Krieges zerrieben werden.

(Amazon-Link: Anne Frank Tagebuch)

Mary Glazener: Der Kelch des Zorns

Ein Buch, das man unbedingt lesen sollte. Wir alle haben schon von Dietrich Bonhoeffer gehört, jeder Schüler begegnet ihm im Religions- oder Konfirmandenunterricht. Aber die trockenen Eckdaten seines Lebens können nicht ersetzen, was uns die Autorin hier auf gut fünfhundert Seiten eindrucksvoll ausbreitet.

Das Buch erzählt die letzten gut zehn Jahre im Leben des Dietrich Bonhoeffer in Romanform. Es ist ein packender Bericht über die Kämpfe Bonhoeffers: mit seiner Kirche, mit den politischen Geschehnissen, aber auch mit sich selbst und mit Gott. Es ist keine trockene Biographie, sondern eine dramatische Nacherzählung der Geschehnisse. Soweit ich es beurteilen kann, ist es trotzdem gut und zuverlässig recherchiert.

Der Roman ist sprachlich gesehen keine Besonderheit, aber er erzählt spannend und mit fesselnder Dramaturgie aus dem Leben Bonhoeffers. Ohnehin gewinnt der Roman aus seinem Gegenstand seine besondere Kraft. Es ist einfach immer wieder beeindruckend und für uns lasche Christen heute oft beschämend, mit welcher Kraft und Hingabe Bonhoeffer seinen Glauben gelebt hat. Natürlich war auch er nur ein Mensch mit all seinen Fehlern und Schwächen. Er wäre der letzte, der sich gerne als makelloser Heiliger verehren ließe. Aber gerade in seiner Schwachheit beeindruckt die Konsequenz seiner Nachfolge.

Ich habe auch den Film über Bonhoeffer gesehen, in welchem auch seine letzten Lebensjahre beschrieben werden. Im Buch wird naturgemäß alles breiter und deutlicher erzählt. Auch das Innenleben Bonhoeffens wird deutlicher. Was mir im Vergleich zum Film besonders aufgefallen ist: wie tief Bonhoeffer auch aktiv in die Widerstandsbewegung verwickelt war. Bonhoeffer war nicht nur am Rand des politischen Widerstandes, sondern gehörte zum innersten Zirkel. Das ist erstaunlich, dass sich ausgerechnet ein lutherischer Theologe, der sich von seinem Hintergrund her bequem aus dem Reich des Staates heraus halten hätte können und sich stattdessen auf die geistlichen Dinge, auf das Reich der Kirche hätte konzentrieren können, dass ausgerechnet solch ein Theologe sich so tief in die Niederungen der Politik herab gelassen hat! Aber Bonhoeffer hat als einer der wenigen in der damaligen Kirche ganz klar erkannt, dass sich Glaube nicht auf schöne und beschwichtigende Worte beschränkt, sondern dass Glaube auch der Mut zum Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Gewalt beinhaltet.

Auch das wird in dem Roman schön deutlich: Er hätte sicher einen bequemen Ausweg finden können. Er hätte den Krieg überleben können und er hätte sicher noch bis heute bedeutsame theologische Arbeit leisten können. Aber es war für ihn eine Gewissensfrage: er sah seinen Platz in Deutschland, um dort selbst gegen den Unrechtsstaat kämpfen zu können. Was hat er und seine Familie alles ertragen müssen, wegen dieser mutigen Entscheidung!

Eine Begebenheit, welche im Roman erzählt wird und welche nichts mit Politik zu tun hatte, hat mich besonders beeindruckt. In seinem Predigerseminar hat Bonhoeffer die Wichtigkeit der persönlichen Beichte hervorgehoben. Als Lutheraner der damaligen Zeit hatten weder er noch seine Schüler praktische Erfahrungen mit der Beichte. Aber aus seiner Beschäftigung mit der Schrift ist Bonhoeffer klar geworden, dass es wichtig ist, seine Sünden nicht nur Gott zu beichten, sondern auch konkret einem Bruder. Das hat er dann auch konkret von seinen Seminaristen gefordert. Das erstaunliche war, dass auch er selbst die Beichte erst einüben musste. Und zwar nicht bei einem älteren und erfahrenen Geistlichen, sondern er hat sich seinen Schüler Eberhard Bethge als „Beichtvater“ heraus gesucht. Er hat ihm nicht nur einige oberflächliche Sünden erzählt, sondern ihm von seinen inneren Kämpfen und Nöten erzählt. Ein Theologieprofessor beichtet seinem Schüler! Einem Schüler, dem er auch danach täglich begegnet ist und der einer seiner besten Freunde wurde. Wie viel Demut gehört zu solch einer Handlung! Diese kleine Begebenheit zeigt, wie ernst Bonhoeffer nicht nur über die Nachfolge gelehrt und geschrieben hat, sondern sie auch selbst praktiziert hat.

Wer meint, er hat in seinem Leben und Glauben mit schwierigen Problemen zu kämpfen, wer meint, er verstehe Gottes Wege nicht, wer meint, dass Gott oder die Umstände sein Leben besonders schwer machen, der sollte dieses Buch lesen – das wird einiges zurecht rücken. Und alle anderen sollten es auch lesen, um aus einem selbstzentrierten und bequemen Christsein aufgerüttelt zu werden.

(Amazon-Link: Glazener: Der Kelch des Zorns)

Walter Kempowskie: Alles umsonst

Ein eindrücklicher Roman über Flucht und Vertreibung gegen Ende des 2. Weltkrieges. Erzählt wird die Geschichte einer adeligen Familie, die auf einem herunter gekommenen Gut in Ostpreußen lebt. Der Vater ist mit der Armee in Italien. Die Mutter ist eine schöne, aber verträumte Person, welche die harte Kriegsrealität gar nicht richtig wahrnehmen will. Die praktische Organisation auf dem Gut übernimmt eine Tante und drei Ostarbeiter. Der zwölfjährige Peter ist blondgelockt, aber oft kränklich. Seine jüngere Schwester ist vor zwei Jahren verstorben.

Ohne großes Pathos berichtet Kempowski von den Wirrnissen der letzten Kriegsmonate. Der Winter ist hart, die Russen rücken näher, tausende sind auf der Flucht, die Vertreter des Staates versuchen zunehmend verzweifelt, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Durch die nüchterne Erzählweise treten die Schrecken dieser Zeit um so bedrückender hervor.

Der Autor hält sich mit Wertungen zurück. Auch Nazis werden als Menschen mit Stärken und Schwächen dargestellt. Letztendlich schauen die Meisten im großen Durcheinander vor allem auf sich selbst. Wie kann man selbst überleben?

Für jemand, der in Wohlstand und Frieden aufgewachsen ist, ist es kaum vorstellbar, welches Leid die Menschen damals durchmachen mussten. Vor kurzem habe ich ein Buch über Hitler gelesen. Da wurde gut heraus gearbeitet, dass Hitler am Ende ganz bewusst den totalen Untergang Deutschlands herbei führen wollte. Wie viel Leid hätte vermieden werden können, wenn er schon vorher versucht hätte ein Friedensabkommen zu erreichen?! Und wofür das alles?

Das ist auch die Frage des Buches: War letztendlich nicht alles umsonst? All die Bemühungen, irgendwie zu überleben? Im Buch steht am Ende die Frage: „War nun alles gut?“