Siegfried Lenz: Schweigeminute

Ein schönes und melancholisches kleines Büchlein. Hat mir gut gefallen. Lenz lese ich immer wieder gerne. Er ist kein spektakulärer Erzähler, keine ausgefallenen und abgedrehten Geschichten und Figuren. Aber er ist ein Erzähler, ein guter Erzähler. In der heutigen Literatur wollen ja viele durch ungewöhnliche Geschichten, Personen oder einen spektakulären Schreibstil auffallen (zumindest wenn es nicht gerade seichter Kitsch sein soll oder ein Fließbandkrimi). Lenz erzählt einfach nur. Auf ruhige, aber gekonnte Art. Das mag ich.

In dieser Novelle geht es um einen Gymnasiasten, der sich in seine Englisch-Lehrerin Stella verliebt. Lenz arbeitet sehr schön die Hoffnungen und Träume, aber auch die Ängste und Schwierigkeiten heraus, die diese Liebe mit sich bringt. Das ganze endet natürlich tragisch: Stella kommt durch einen Unfall ums Leben. Der traurige Schüler, Christian, erzählt angesichts der Schweigeminute auf der schulischen Trauerfeier der Verstorbenen, dem Leser von ihrer Liebe. Wobei er beim erzählen zwischen Bericht und direkter Anrede an seine tote Liebe wechselt. Auch zeitlich wird immer wieder zwischen der Trauerfeier und der erzählten Geschichte gewechselt.

Dass man als Leser von Anfang an weiß, wie es enden wird, nimmt der Erzählung nichts von ihrer Spannung. Im Gegenteil, dadurch wird die Geschichte zwischen Christian und Stella nur noch intensiver. Wobei ich auch zugeben muss, dass mir die Figur der Stella letztendlich doch etwas zu perfekt und glatt erscheint. Von Anfang an liegt auf ihr der verklärte Blick, mit dem man bei der Trauerfeier das Leben eines Verstorbenen anschaut. Aber es geht ja auch nicht in erster Linie um sie, sondern um Christian und sein Trauer.

Erstaunlicherweise bemerkte ich in dem Buch keine Wut, keine verzweifelte Frage nach dem Warum. Es wird vor allem eines deutlich: Traurigkeit. Es wird nicht Gott angeklagt, wie er so etwas zulassen konnte, sondern es wird einfach nur die Trauer und der Schmerz des Verlustes deutlich. Man ahnt, dass diese Erlebnisse Christian nicht aus der Bahn werfen werden, aber der Verlust wird sein Leben prägen und ihn verändern.

Ich finde das einen guten Umgang mit Trauer und Schmerz. Diese Themen werden in unserer heutigen Welt all zu oft ausgeblendet. Schmerz und Tod darf nicht sein. Und wenn es doch vorkommt, dann finden wir oft gar keine angemessene Weise damit umzugehen. Richtiges Trauern ist gar nicht so einfach. Wir verdrängen viel lieber und wundern uns dann, dass uns das krank macht.

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