Rob Bell: Love wins – Das letzte Wort hat die Liebe

An dieses Buch bin ich mit sehr gemischten Gefühlen heran gegangen. Einerseits finde ich, dass Rob Bell ein faszinierender Prediger und Autor ist. Auf wundervoll poetische Weise entfaltet er biblische Texte und haucht ihnen neues Leben ein. Er schafft es, den scheinbar altbekannten Jesus Christus wieder neu zum Leuchten zu bringen. Mit seiner Art von Gott zu erzählen, schafft er es, in unserer postmodernen Welt Menschenherzen ganz tief zu berühren – so wie kaum ein zweiter. Andererseits wird ihm aus dem evangelikalen Lager unbiblische Lehre und Verwässerung des Evangeliums vorgeworfen. Und das ganz besonders bei diesem Buch. Auch aus meiner Sicht klingt der Titel und Untertitel des amerikanischen Originalbuches ziemlich platt nach einer bequemen Allversöhnungslehre: „Love wins – A Book About Heaven, Hell, and the Fate of Every Person Who Ever Lived“ (Die Liebe gewinnt – Ein Buch über Himmel, Hölle und das Schicksal eines jeden Menschen, der je gelebt hat).

Ich habe die britische Ausgabe des Buches gelesen und da klingt der Untertitel nicht so plakativ: „At the heart of life’s big questions“ (Am Herzen der großen Lebensfragen). Das trifft meines Erachtens die Intention des Buches besser. Denn in seiner typischen Art stellt Bell in diesem Buch viele Fragen. Er möchte vor allem eine selbstsichere, selbstgerechte und scheinbar selbstverständliche christliche Ansicht von Himmel und Hölle in Frage stellen.

Das Buch ist kein dogmatisches Lehrbuch. Rob Bell betreibt Theologie nicht im gewohnten systematisch-theologischen Stil, bei dem Argumente möglichst neutral dargestellt, abgewogen und dann dogmatische Lehrsätze daraus gezogen werden. Sein Stil erinnert mich mehr an die theologischen Auseinandersetzungen in den Evangelien. Weder die Pharisäer, noch die Sadduzäer, noch Jesus selbst präsentieren ein abgeschlossenes dogmatisches Lehrsystem, bei welchem aus These und Antithese die logische Synthese gezogen wird. Nein, es werden Fragen gestellt, es wird diskutiert, es wird gestritten. Es werden Geschichten erzählt und in diesen Geschichten werden theologische Inhalte transportiert. Wir Christen heute in der westlichen Welt sind mehr von der griechisch-philosophischen Logik geprägt. Jesus selbst ist in einem jüdisch-rabbinischen Umfeld zu Hause. Da wird Theologie nicht mit dogmatischen Lehrsätzen betrieben, sondern im Gespräch, als Frage- und Antwort-Spiel, als Diskussion.

Bells Buch ist ein Diskussionsbeitrag (hinter dem durchaus eine theologische Position steckt), es ist keine ausgewogene systematisch-theologische Darlegung. Auf diese Weise muss man es lesen und einordnen. Das macht den Reichtum, aber auch die Schwierigkeit des Buches aus. Es gibt durchaus einiges in dem Buch, das mir nicht gefällt, das ich anders sehe. Aber es gibt auch wundervolle und goldrichtige Passagen. Sehr schön deutlich macht Bell z.B., dass Himmel und Hölle nicht erst nach dem Tod beginnen, sondern dass sie schon jetzt in unserem Leben gegenwärtig sein können – je nachdem, an was wir unser Leben ausrichten.

Was mich stört, ist der polemische Ton, mit dem er die traditionelle Sicht von Himmel und Hölle darstellt. Durch suggestive Fragen stellt er sie als völlig lächerlich dar. Er nimmt die Gegenposition gar nicht ernst, sondern kämpft gegen eine platte und vereinfacht dargestellte Sichtweise. So wie er es darstellt, muss man natürlich gegen solche Vorstellungen von Himmel und Hölle sein. Überhaupt spielt er oft mit den Gefühlen seiner Leser. Er bringt viele Geschichten und praktische Beispiele, welche betroffen machen und welche seine eigene Position unterstützen. Das ist sein gutes Recht und das macht auch die Lebensnähe des Buches aus – aber es wirkt bei diesem strittigen Thema doch auch manipulativ. Natürlich führt Bell in seinem Buch auch nur Stellen an, welche die übergroße Liebe Gottes und seinen Heilswillen für alle Menschen unterstreichen. Differenzierte Auseinandersetzungen mit Stellen über Gottes Heiligkeit und Zorn sucht man vergebens. Auch seine Auslegungsmethode scheint zuweilen etwas willkürlich. Bibelstellen die seiner Meinung widersprechen, beschreibt er als metaphorische Übertreibungen. Andere Stellen (wie z.B. Mt. 10,15: Sodom und Gomorra wird es am Tag des Gerichts erträglicher ergehen, als den Zeitgenossen Jesu) nimmt er ganz schlicht wörtlich (weil das wörtliche Verständnis in diesem Fall besser in sein Konzept passt).

Der entscheidende Vorwurf gegen Rob Bell ist nun aber nicht so einfach zu beurteilen: Lehrt er nun eine Allversöhnung oder nicht? Ja und Nein! Einerseits läuft die ganze Richtung des Buches darauf zu. Andererseits betont er aber auch ausdrücklich, dass wir die Frage, ob alle gerettet werden, nicht beantworten können (in meiner Ausgabe: S. 115). Was auf jeden Fall deutlich ist: er schließt eine Allversöhnung nicht aus. Er rechnet mit der Möglichkeit, dass auch nach dem irdischen Tod Menschen noch die Möglichkeit haben, zu Gott zu finden.

Auf jeden Fall ein Buch das zum Nachdenken und diskutieren einlädt. Und zwar nachdenken und diskutieren über wichtige Fragen. Rob Bell warnt uns vor vorschnellen und scheinbar einfachen Lösungen. Er macht die Liebe Gottes groß und öffnet auch für fragende Menschen einen großen Raum vor Gott. Er hinterfragt all zu platte Vorstellungen von Himmel und Hölle. Er warnt uns vor der Hybris, dass wir Menschen genau eine Trennlinie ziehen können, zwischen denen die gerettet sind und denen die leider draußen bleiben müssen. Aber auf jeden Fall auch ein Buch, das selbst kritisiert und hinterfragt werden muss.

(Amazon-Link zur dt. Ausgabe: Rob Bell: Das letzte Wort hat die Liebe)

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2 Gedanken zu „Rob Bell: Love wins – Das letzte Wort hat die Liebe“

  1. Tolle Rezension. Ich habe das Gefühl, du erzählst mir über das Buch alles was ich wissen will.
    Ich vertrete ebenfalls die Ansicht, dass man Himmel und Hölle ganz irdisch und dieseitig begreifen kann, aber finde es auch problematisch, daraus ein Dogma zu machen.
    Wenn jemand mit der Allversöhnungslehre kommt, sage ich auch nicht gerne nein oder ja, sondern frage nach dem Zweck dieser Frage: soll uns der Glaube an die Allversöhnung davon abhalten, vom Evangelium weiterzuerzählen, oder soll er davon abhalten, nur aus „Höllenangst“ zu Jesus zu kommen ? LG, Rainer

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