Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Joyce: Die unwahrscheinliche Reise...Die Geschichte klingt ziemlich abstrus. Auch etwas kitschig. Außerdem ist es ein Bestseller, also vermeintlich eher leichte und oberflächliche Kost… Diese Vorurteile haben sich auch während des Lesens mehr oder weniger bestätigt – aber trotzdem habe ich es gerne gelesen und fand es letztendlich zwar abstrus, aber trotzdem irgendwie realistisch, zwar kitschig, aber trotzdem tiefgründig, zwar leicht zu lesen, aber trotzdem auch herausfordernd.

Es geht um Harold Fry, ein Engländer, der an der Südküste Englands seinen Ruhestand genießt. Wobei es nicht wirklich was zu genießen gibt. Er lebt so vor sich hin und die Ehe mit seiner Frau Maureen ist mehr ein nebeneinander her leben. Diese ungute Ruhr kommt aus dem Gleichgewicht, als eines Tages ein Brief von einer ehemaligen Kollegin kommt: diese hat Krebs und befindet sich in einem Hospiz an der schottischen Grenze. Harold schreibt einen kurzen Brief und will ihn in den Briefkasten einwerfen. Doch es gelingt ihm nicht. Er kommt am ersten Briefkasten vorbei, dann an weiteren Briefkästen und Postämtern, und er spürt immer deutlicher, dass dieser Brief nicht genug ist. Er muss seine Kollegin persönlich sehen.

Damit beginnt seine Pilgerreise durch England, vom Süden bis nach Norden, ca. 1000 km. Weil er aus dem Weg zum Briefkasten war, ist er eigentlich gar nicht ausgerüstet. Keine Wanderschuhe, sondern Segelschuhe, keinen Rucksack, sondern nur eine Plastiktüte, nicht einmal einen Kompass hat er dabei. Er geht einfach den großen Straßen entlang, auf denen er sich aufgrund seines früheren Berufes auskennt. Er hat die fixe Idee, dass er seine Kollegin vielleicht durch seine Pilgerreise vor dem Tod retten könnte. Es geht dabei nicht um die Wiederbelebung einer romantischen Liebe, sondern um das Zurecht rücken einer guten Freundschaft.

Auf seiner Reise begegnet er allen möglichen Menschen und erlebt manch ungewöhnliche Dinge. Er kämpft mit Regen, Wind und Wetter und so manchen Blasen an den Füßen. Er steht mehrmals kurz vor dem Aufgeben und bekommt doch immer wieder Mut und Kraft seine „Mission“ durchzuführen.Vor allem arbeitet er auf dieser Reise seine eigene Vergangenheit auf. Es wird ihm und dem Leser nach und nach so manches aus dem Leben von ihm, seiner Frau, seinem Sohn und seiner Kollegin klar. Am Ende kommt er wirklich an, aber es ist so manches anders, als er selbst und der Leser gedacht hat. Aber er erreicht dafür ein anderes Ziel.

Was mir gefallen hat, war der stoische und kauzige Charakter des Harold Fry. Er ist eigentlich kein besonderer Held und wird im Lauf seiner Pilgerreise doch dazu. Auch die anderen Charaktere des Buches sind liebevoll gezeichnet. Harold merkt auf seiner Reise, dass viele Menschen nach außen hin eigentlich ganz normal wirken, dass es aber niemand wirklich ist. Aber er und das Buch urteilen darüber nicht, sondern nehmen es einfach nur gelassen zur Kenntnis.

Als Christ finde ich natürlich den Gedanken einer Pilgerreise spannend. Wobei der Glaube an einen Gott im Buch gar keine Rolle spielt. Es ist eine gänzlich säkulare Pilgerreise. Aber es wird doch deutlich, dass das alleine unterwegs sein schon an sich eine therapeutische Wirkung haben kann. Es hilft Harold, sich mit den wirklichen und tiefen Fragen seines Lebens auseinander zu setzen. Und irgendwo bleibt doch auch die für postmoderne Menschen typische Leerstelle offen, ob es nicht doch irgend etwas gibt, das über unsere menschliche Welt und Verstand hinaus gehen könnte.

Das Buch ist nicht unbedingt spannend und dramatisch erzählt. Es lässt sich aber vom Stil her gut lesen. Die Sprache überfordert nicht und ist trotzdem elegant. Ich hatte als Leser das Gefühl, selbst mit auf der Reise zu sein und war immer wieder neu gespannt, was Harold alles erlebt und was über sein Leben heraus kommt. Das letzte Drittel fand ich nicht so überzeugend, aber der Schluss macht das dann wieder wett.

Ein Buch wie eine Pilgerreise: Wenn man sich darauf einlässt, lernt man vielleicht auch so manches über Gott, die Welt und sich selbst.

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