Psalm 82 – Sich Gott in die Arme werfen

Die letzten vier Psalmen machen auf mich den Eindruck, als ob sie alle mehr oder weniger um dieselbe Frage kreisen: Warum geht es dem Volk Gottes so schlecht? Warum lässt Gott sein Volk leiden? Die Psalmen sind Gebete und sie sind nicht theologische Lehrbücher. Aber doch wird in diesen Gebeten auch ein Stück weit die Theologie deutlich, die beim jeweiligen Beter im Hintergrund steht. In den Psalmen 79-82 werden grundsätzliche Antwortmöglichkeiten für diese Frage „durchgebetet“:

1. Gottes Zorn führt zum Leid: „Herr, wie lange willst du so sehr zürnen und deinen Eifer brennen lassen wie Feuer?“ (Ps.79,5) Oder: „Herr, Gott Zebaoth, wie lange willst du zürnen, während dein Volk zu dir betet?“ (Ps. 80,5) Wobei hier im Hintergrund auch die Schuld der Väter (Ps.79,8) und die eigenen Sünden (Ps. 79,9) als Ursache für diesen Zorn Gottes gesehen werden.

2. Die Gottlosigkeit und Schuld der Menschen führt zum Leid: „Aber mein Volk gehorcht nicht meiner Stimme, und Israel will mich nicht.“ (Ps. 81,12) Das Volk ist selbst Schuld am Leid: Es hat sich von Gott abgewendet und muss die Folgen dafür tragen. Wenn es treu geblieben wäre, hätte Gott schon längst eingegriffen („Wenn doch mein Volk mir gehorsam wäre… Dann wollte ich seine Feinde bald demütigen“ Ps. 81,14-15).

3. Widergöttliche Mächte führen die Menschen ins Leid: Diese Denkmöglichkeit wird in Psalm 82 nur vorsichtig angedeutet. In einer Vision wird Gott als oberster Richter unter den Göttern dargestellt. Nach dieser Vorstellung gibt es eine Art „Götterrat“, in welchem Gott der Chef ist und er seine Macht an andere, ihm untergebene Götter delegiert hat. Das Leid kommt zustande, weil diese Untergötter ihre Arbeit nicht richtig erledigen. Wenn wir diese Linien weiter ziehen kommen wir zur Vorstellung des Satans als ein gefallener Engel, der seine Macht missbraucht und sich gegen Gott stellt.

Spannend, dass hier in den Psalmen all diese Möglichkeiten durchgedacht und durchgebetet werden. Rein logisch betrachtet sind das wohl die drei Richtungen, in die man die Frage nach dem Leid versuchen kann zu beantworten: Gott selbst steckt dahinter, der Mensch selbst ist schuld oder der Satan ist verantwortlich.

Wichtig bei all diesen Psalmen ist aber letztendlich nicht woher das Leid kommt, sondern an wen ich mich im Leid wende. Die Psalmen versuchen nicht die Ursache des Leids zu erklären, sondern sie schreien und beten mitten im Leid zu Gott. All diesen Betern ist klar: Es ist wichtig, dass wir uns Gott zuwenden, dass wir seine Nähe suchen, dass wir uns ihm in die Arme werfen. Und es ist ihnen klar: Der einzige der wirklich die Macht hat etwas zu verändern ist Gott selbst. Die Antwort auf die Frage nach dem Leid ist nicht die eine oder andere theologische Denkmöglichkeit, sondern das Gebet.
Bibeltext

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3 Gedanken zu „Psalm 82 – Sich Gott in die Arme werfen“

  1. Hallo,
    ich befasse mich gerade mit Ps. 82 (für den Hauskreis) und habe dazu diese Seite aufgerufen.
    In der Menge-Übersetzung gibt er eine Erklärung / Fußnote, die ich für hilfreich halte in Bezug auf die “Götter“ (V.1):
    “d.h. der Gottwesen, der Gewalthaber (Herrscher) und Richter (Obrigkeiten), hier des Volkes Israel; dieselben sind von Gott in ihr Amt eingesetzt, um mit Gerechtigkeit zu walten. Engel oder Götter der Heiden sind nicht gemeint.“
    Überhaupt fand ich die Übersetzung des ganzen Psalms von Menge sehr hilfreich und besser verständlich als zB die Elberfelder, die ich ebenfalls dazu las.
    Damit schöne Grüße + Segenswünsche,
    gez. Hartmut Müller

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