Psalm 79 – “Wo ist nun ihr Gott?”

von windhauch

Der Hintergrund dieses Psalmes ist offensichtlich, dass Jerusalem von Feinden angegriffen und zerstört wurde. Es könnte sich wahrscheinlich um die große Katastrophe von 587 v. Chr. handeln, bei der Jerusalem und auch der Tempel von den Babyloniern zerstört wurde.

Erstaunlich finde ich bei diesem Psalm (und auch bei vielen anderen), dass diese Katastrophe ganz selbstverständlich mit Gott selbst in Verbindung gebracht wird. In V. 5 wird über Gottes Zorn gesprochen und seinen Eifer, der wie Feuer brennt. Als letztendliche Ursache für die erlebte Zerstörung werden nicht die bösen Feinde gesehen oder eine widergöttliche Macht oder ein blindes Schicksal, das halt zufällig Israel trifft… Nein, Gott selbst und sein Zorn sind letztendlich verantwortlich (dabei steht aber auch im Hintergrund, dass die Schuld der Väter (V.8) und die eigenen Sünden (V.9) diesen Zorn heraus gefordert haben).

In dem Psalm geht es auch um die Theodizee-Frage: Wie kann Gott dieses Leid zulassen? Wie kann Gott zulassen, dass die Heiden lästern können: “Wo ist nun ihr Gott?” (V.10) Der Psalm beantwortet diese Frage sicher nicht umfassend, aber er betont sehr stark Gottes Macht und seine Zuständigkeit in der Frage des Leides. Mir ist als Gegensatz dazu das Buch “Die Hütte” von W.P. Young eingefallen, das ja zur Zeit in der Diskussion steht. In dem Buch wird mehr die menschliche Freiheit als Ursache von Leid angeführt: Gott würde ja gern anders handeln, aber er lässt uns Menschen viel Freiheit und dadurch machen wir auch manch schmerzliche Erfahrung. Gott schränkt seine Allmacht ein und dadurch kommt es zu Leiderfahrungen.

Es gibt keine einfache Antwort auf die Theodizee-Frage. Aber dieser Psalm macht deutlich, dass wir die Frage nach dem Leid nicht einfach nur in die Schuhe des Satans schieben können oder sie nur als Folge der menschlichen Freiheit zum Bösen sehen können. Ich merke bei mir selbst, dass ich gefühlsmäßig Gott gerne aus der Verantwortung für das Leid heraus nehmen möchte: “Der Gott der Liebe kann doch für all das Böse und Schreckliche in unserer Welt nicht verantwortlich gemacht werden.” Und solch eine ähnliche Tendenz hat ja auch das Buch “Die Hütte”.

Für uns moderne Menschen scheint es schwierig zu sein, sowohl an Gottes Allmacht (auch was das Leid anbetrifft) auf der einen Seite und Gottes Liebe auf der anderen Seite fest zu halten. Wir denken da eher in der griechisch-römischen Logik: “Entweder – Oder”. Der Hebräer und die Psalmbeter können eher ein “Sowohl – als auch” denken: Gott ist sowohl allmächtig (und somit auch irgendwie für das Leid verantwortlich) als auch ein Gott der Liebe, der zu preisen und zu loben ist. “Wir aber, dein Volk, die Schafe deiner Weide, danken dir ewiglich und verkünden deinen Ruhm für und für.” (V.13)

Bibeltext



Verwandte Artikel (automatisch erstellt):