Psalm 70 – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Auf sehr deutliche und pointierte Weise stellt der Beter dieses Psalms seinen Wunsch nach Veränderung und seine Klage über die Wirklichkeit gegenüber. In V.5 schreibt er: „Doch alle, die deine Nähe suchen, sollen über dich jubeln und glücklich sein! Alle, die deine Hilfe begehren, sollen immer wieder rufen: »Gott ist groß!«“ (Gute Nachricht) Im folgenden Vers beschreibt er dann seine eigene Lage: „Ich bin arm und wehrlos; Gott, komm bald zu mir! Du bist doch mein Helfer und Befreier, HERR, lass mich nicht länger warten!“ (Gute Nachricht) Er wünscht sich, glücklich zu sein und jubeln zu können. Aber er erlebt sich als arm und hilflos.

Ich find’s gut, dass das einfach so stehen bleibt. Der Psalm endet mit dieser Klage. Die Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit wird nicht aufgelöst. Sie bleibt bestehen. Da gibt es keinen erklärenden Nachtrag, dass dann irgendwann das Gebet doch erhöhrt wurde und der Beter dann fröhlich Gott loben und preisen konnte. Da gibt es keine theologischen Erklärungsversuche, warum Gott (noch) nicht auf das Gebet geantwortet hat.

Wir brauchen im Glauben nicht alle Spannungen auflösen und weg erklären. Wir brauchen nicht immer auf alle Fragen eine Antwort und eine Erklärung. Und auch im Gebet darf ruhig einmal die Klage am Ende stehen. Glaube heißt, dass ich trotz und mit diesen Spannungen zu Gott komme.
Bibeltext

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2 Gedanken zu „Psalm 70 – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit“

  1. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass Gott sogar die Spannungen möchte, denn in den Spannungen schlagen wir uns nicht leicht auf die eine oder andere Seite und meinen, die Sache im Griff zu haben. An Spannungen wachsen und reifen wir und werden immer wieder neu auf Gott geworfen. Deswegen ist Spiritualität meines Erachtens auch eher ein Tanzen in den verschiedensten Spannungsfeldern und jede einseitige Auflösung bringt mich tendenziell in eine Schieflage… daran schreib ich gerade in meinem neuen Buch – deswegen musste ich hier meinen Senf abgeben…;-)

    1. Och… den Senf lass ich mir gern auf’s Brot schmieren 😉
      Das gefällt mir sehr: Glaube als „Tanzen in den verschiedensten Spannungsfeldern“! Kein ängstliches zerrissen werden in den Spannungen, sondern ein zuversichtliches Tanzen in der Gewissheit, dass in allen Spannungen nicht meine Logik oder die einfachen Antworten zählen, sondern Gott, der mich hält.
      Bin ja mal gespannt auf das neue Buch… 🙂

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