Psalm 58 – Wie gehen wir mit Racheaussagen um?

Kein einfacher Psalm! Das fängt schon mit der Übersetzung an. Das zweite Wort in V.2 bedeutet nach dem hebräischen Text eigentlich „verstummen“. Wenn man das sprachlich ein bisschen hin biegt, müsste man eigentlich übersetzen: „Sprecht ihr wirklich Verstummen des Rechts?“ Hört sich irgendwie komisch an, kann man aber durchaus so verstehen (Schlachter übersetzt z.B.: „Seid ihr den wirklich stumm, wo ihr Recht sprechen … sollt?“).

Die meisten anderen Ausleger und Übersetzungen entscheiden sich für eine andere Möglichkeit: Ursprünglich wurde der hebräische Bibeltext ohne Vokale geschrieben, die wurden erst viele Jahrhunderte später zur besseren Lesbarkeit von jüdischen Gelehrten hinzugefügt. Mit einer anderen Vokalisierung steht hier nicht „Verstummen“, sondern Götter. Ähnlich wie in Ps. 82,1 könnte man dabei an himmlische Mächte denken, die Gott untergeordnet sind und die Recht auf Erden sprechen sollen (die Elberfelder lässt ganz wörtlich „Götter“ stehen). Man kann aber auch an irdische Machthaber denken, die als Götter angesprochen werden. Die meisten deutschen Übersetzungen übersetzen deswegen mit „Mächtige“ (Einheitsübersetzung, Gute Nachricht, Hoffnung für alle, Neues Leben). Bei dieser Übersetzung bleibt es dann theoretisch offen, ob man an irdische Mächtige denkt oder an himmlische Mächtige (wobei man beim ganz normalen Lesen des Textes wohl nicht so schnell auf die Idee kommt hier an irgendwelche Himmelsmächt zu denken).

Klar ist auf jeden Fall, dass es spätestens ab V.4 um irdische Menschen geht: Hier wird davon gesprochen, dass die Gottlosen vom „Mutterschoß“ an abtrünnig sind. Seltsame Vorstellung, dass die Gottlosen schon als neugeborenes Baby böse sein sollen und Feinde Gottes!? Ist das eine rhetorische Übertreibung der Bosheit der Feinde Gottes, oder ist das wirklich wörtlich so gemeint?

Auch der restliche Psalm bleibt mir ziemlich fremd, v.a. V.11: „Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Vergeltung sieht, und wird seine Füße baden in des Gotteslosen Blut.“ Freudig durch das Blut der Gottlosen stapfen?!? Heftig!

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten mit solchen Psalmen und ihren blutrünstigen Wünschen nach dem Ende der Gottlosen umzugehen. wir können dem Ganzen einfach Jesus Christus entgegensetzen und sagen: „Liebet eure Feinde!“ Selbst für diejenigen, die Gottes Sohn ans Kreuz bringen, bittet Jesus: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ Wir können argumentieren: Auf dem Hintergrund des Neuen Testaments können wir solche Psalmen nicht mehr beten. Jesus Christus hat uns hier einen anderen Umgang mit Feinden aufgezeigt. Rein praktisch geschieht das auch so in den meisten Kirchen: Solche Psalmen tauchen nicht in den Gesangbüchern auf und werden auch freien Gemeinden nicht im Gottesdienst gelesen oder gebetet.

Wir können solche Aussagen auch als rhetorische Übertreibungen sehen, die halt damals in diesem Kulturkreis so üblich waren, die aber eigentlich nicht so hart gemeint waren und in unsere heutige Zeit nicht mehr hinein passen. So können wir die Aussagen einerseits stehen lassen, vermeiden aber andererseits ihren Gebrauch in unserer heutigen Zeit.

Man könnte solche Psalmen auch als ein psychologisch gutes und notwendiges Mittel sehen, um mit Aggressionen und der eigenen Ohnmacht umzugehen. Anstatt sich selbst zu rächen und den Feinden Gewalt anzutun, wird Gott gebeten Gerechtigkeit herzustellen und die Rache auszuüben (vgl. dazu Ps.11).

Eine weitere Möglichkeit ist, dass wir versuchen, tiefer gehende Intentionen und Absichten in solchen Psalmen zu entdecken. Prof. Dr. Schwendemann sagt zu diesem Psalm z.B.: „Eigentlich ist das Ziel der metaphorischen Redeweise in Psalm 58 die Umkehr des Frevlers, indem seine mögliche Vernichtung vor Augen gemalt wird.“ Und: „Der Psalm 58 lässt sich durchaus als Schrei eines Menschen nach Gerechtigkeit sehen, der gerecht leben will und deshalb in einer ungerechten Welt an Leib und Seele verletzt wird. Es geht also gerade nicht um verzweifelte Omnipotenzgefühle eines Zukurzgekommenen, sondern vor allem um die Wiederherstellung von Gerechtigkeit.“

Ich finde keine dieser Möglichkeiten so richtig befriedigend. Da sind sicher manch gute Gedanken dabei, aber bei mir bleibt bei solchen „Racheaussagen“ in den Psalmen ein ungutes Gefühl. Vor allem deswegen, weil in diesem Psalm nicht unterschieden wird, zwischen dem Bösen an sich und der Person, die böses tut. Über die die Vernichtung des Bösen kann ich mich freuen und darüber jubeln. Aber über die Vernichtung von bösen Personen kann ich mich nicht uneingeschränkt freuen.
Bibeltext

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