Psalm 48 – Der tiefere Blick

Naja, das ist ja jetzt doch etwas übertrieben, oder?! Es geht in dem Psalm um Jerusalem, die Stadt Gottes. Die Stadt und der Berg Zion werden hier in den höchsten Tönen gepriesen. Der Berg Zion wird als „Gottesberg fern im Norden“ bezeichnet und damit wird eine verbreitete Vorstellung im Alten Orient aufgenommen, von einem sagenhaften und mythischen Götterberg im Norden. Wer schon mal in Jerusalem war, der weiß, dass die Stadt dort eher auf einem Hügel, als auf einem imposanten Berg liegt…

Dann wird beschrieben, wie sich Könige gegen die Stadt verbünden und sie erobern wollen. Aber allein der Anblick Jerusalems versetzt sie in Angst und Schrecken. Noch bevor sie irgend etwas tun fliehen sie schon wieder entsetzt. Auch das ist historisch gesehen pure Übertreibung. Im Gegenteil: wir wissen, dass Jerusalem verschiedene Male erobert wurde.

Ist das jetzt alles nur peinliche Übertreibung? Typisch für Gläubige: „Die nehmen die Realität nicht mehr richtig wahr und leben in einer Traumwelt“? Oder sehen die Psalmbeter hinter einer oft bescheidenen Wirklichkeit eine tiefere Wahrheit? Ich muss dabei, ähnlich wie bei Psalm 47 gestern, an Jesus denken. Der Evangelist Johannes beschreibt seinen Tod am Kreuz als Erhöhung (Joh. 12,32f). Er betont in seiner Passionsgeschichte die königlichen Züge Jesu (Joh. 18,37). Aber alles verborgen unter der Armseligkeit und Erbärmlichkeit des Kreuzestodes. Das sieht alles nicht nach Triumph und Herrlichkeit aus, aber für Johannes liegt hinter der sichtbaren Oberfläche eine tiefere Wahrheit. Vielleicht ist es in diesem Psalm ähnlich.
Bibeltext

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