Psalm 41 – Was heißt hier Feinde?

Sehr oft sprechen die Psalmen von den Feinden der Beter. Ich frag mich: Warum hatten die Leute damals so viele Feinde? Das muss ja ganz schön abgegangen sein damals: Ständig tauchen irgendwelche Feinde auf, die dem Beter Böses wollen oder ihm sogar nach dem Leben trachten. Ich mein, ich komme auch nicht mit jedem gleich gut aus, aber ich könnte deswegen niemand als meinen Feind bezeichnen.

In Psalm 41 wird aber deutlich, wie relativ weit dieser Begriff damals gefasst wurde. Der Beter spricht von Leuten, die über ihn reden, tuscheln und darüber spekulieren, dass er wohl bald sterben wird. Sie besuchen ihn am Krankenbett, aber nicht aus Mitgefühl, sondern damit sie nachher was zu traschten haben. Sie beurteilen seine schwere Krankheit als Strafe Gottes. Nach dieser Auffassung gibt’s das heute noch genau so: Menschen, die über andere tratschen und schlecht von ihnen reden. Das gibt’s sogar in christlichen Gemeinden viel zu oft.

Wie gehen wir dann mit solchen Feinden um? An diesem Psalm wird für mich deutlich, wie eng in der Bibel Menschenwort und Gotteswort verbunden ist. Auch die Psalmen stehen in der Bibel und sind Wort Gottes. Aber z.B. in V.11 schimmert ganz deutlich Menschenwort hindurch: Der Beter bittet Gott um Heilung, damit er sich an seinen Feinden rächen kann. Diese Rachegefühle sind verständlich, auch die Psalmbeter sind nur Menschen. Und es ist toll, dass solche Gefühle auch in der Bibel stehen dürfen und nicht einfach rauskorrigiert wurden . Aber wir können daraus sicher keine theologische Lehre machen: Gott heilt kranke Menschen, damit sie wieder gesund und stark werden und sich selbst ordentlich an ihren Feinden rächen können. Ich denke Stellen wie z.B. Röm. 12,19 (sich nicht selbst rächen, sondern Gott die Rache überlassen) sind da näher an Gott dran und können eher in biblische Lehre umgemünzt werden.

Das heißt nicht, dass dieser Psalm kein gültiges Wort Gottes ist. Ist er natürlich trotzdem. Aber es heißt, dass wir den Zusammenhang beachten müssen und dass wir dementsprechend unterschiedliche Aussagen auch unterschiedlich gewichten und unterschiedlich in’s biblische Gesamtzeugnis einordnen müssen.
Bibeltext

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