Psalm 36 – Keine Lobpreisschnulze

Die Verse 6-10 sind sehr bekannt und viel zitiert. Wunderschöne poetische Verse über Gottes Güte („Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,… ). Viele dieser Verse werden gerne in Lobpreisliedern aufgegriffen. Aber nur diese Verse. Sehr interessant ist jedoch auch der Zusammenhang, in dem diese idyllischen und traumhaften Bilder und Vergleiche stehen: Am Anfang und am Ende des Psalmes geht es um stolze und gottlose Menschen, die absolut kein Interesse an Gottes Güte und Wahrheit haben. Der Beter bittet Gott, dass diese Leute ihn nicht „niedertreten“ (so die Gute Nachricht in V. 12).

Manche Ausleger vermuten, dass dieser Psalm das Gebet eines Verfolgten ist, der im Heiligtum Schutz gefunden hat (vgl. V.12 und V.8). Das war in damaliger Zeit so, dass unschuldig Verfolgte in den Tempel fliehen konnten und dort unter dem Schutz Gottes standen – niemand durfte ihnen etwas antun. Da der Psalm aber recht allgemein redet, kann aber auch rein bildlich die Zuflucht bei Gott gemeint sein. Wie auch immer: Diese tollen Verse sind auf dem Hintergrund von eher schwierigen Erfahrungen entstanden.

Das ist gerade die Kunst der Psalmgebete, die Kunst des echten Lob Gottes: dass die schwierigen Erfahrungen nicht ausgeblendet oder verharmlost werden und man nur seichten und schnulzigen Wohlfühllobpreis singt, sondern dass wir durch die dunklen Täler hindurch gehen und dabei auf Gott schauen. Daraus entsteht tiefes und ehrliches Lob der Güte Gottes. Dann können wir eher verstehen, was es wirklich heißt, dass „Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben“ (V.8)
Bibeltext

Bewerte diesen Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.