Psalm 28 – Zu Gott schreien

SchreiImmer wieder kommt es in den Psalmen vor, dass die Beter zu Gott schreien (V.2). Ich frag mich, wie das wohl zu verstehen ist: Metaphorisch oder Wörtlich? Schreien die Psalmbeter innerlich zu Gott, oder wurde es da beim Beten tatsächlich etwas lauter? Ich kann mir vorstellen, dass es im damaligen Kulturkreis durchaus möglich war, dass man im wörtlichen Sinn zu Gott geschrieen hat. Psalm 28 zeichnet das Bild eines Beters, der im Vorhof des Tempel betet, seine Hände aufhebt in Richtung Tempel (welcher damals als Ort der Gegenwart Gottes gesehen wurde) und der in seiner Verzweiflung zu Gott schreit. So wie damals die Totenklage laut und deutlich hinaus geschrieen wurde (vgl. dazu: Dem Tod ins Angesicht schreien), so schreit der Beter seine Not vor Gott heraus .

Ich muss zugeben, das ist mir fremd. Dazu bin ich zu zurückhaltend, zu introvertiert, zu westeuropäisch, zu kontrolliert. Das wär mir peinlich. Selbst wenn ich das wollte, würde aus mir nie im Leben ein orientalischer Christ um die Zeitenwende, der seine Gefühle und seine Klage einfach laut in die Welt hinaus posaunt. Aber vielleicht kann ich lernen ehrlicher zu sein, ehrlicher mit meinen Gefühlen umzugehen – sei es mit meinem Schmerz und meiner Klage, sei es mit meiner Freude. Warum müssen wir so tun, als ob bei uns Christen immer alles glatt läuft und wir in einer ständigen Zufriedenheit und Freude leben? Warum müssen wir ständig so tun, als ob wir alles im Griff haben und einen echten Christen nichts aus der Bahn werfen kann?Bibeltext

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Bildquelle: aboutpixel.de / cry © Sven Brentrup

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4 Gedanken zu „Psalm 28 – Zu Gott schreien“

    1. Weiß nicht, was der Hintergrund Deines kurzen Kommentars ist, deshalb ist es schwierig, darauf zu antworten.
      Nur zwei Gedanken dazu:
      – Ich bilde mir nicht ein, den Windhauch Gottes fangen zu können. Ich kann mich Gottes Geist aussetzen, ruhig werden, ihm nachfühlen, seine Auswirkungen beobachten, … aber ich kann ihn nicht einfangen, ich kann ihn nicht in ein leeres Marmeladenglas sperren und den Deckel drauf machen…
      – oben hab ich ja geschrieben, dass es mir fremd ist, Gott anzuschreien. Ich erlebe Gott als „sanftes, stilles Sausen.“ Aber für die Psalmbeter war das offensichtlich normal. Nicht dass sie dauernd Gott angeschrien hätten – aber es war auch Teil ihres Glaubens, ihre Klage vor Gott raus zu schreien…

  1. Ich glaube, das ist zum einen sowohl wörtlich zu nehmen, zu anderen ist es auch das unablässige Gebet, das sich nicht davor scheut, Gott auch „lästig“ zu werden, wie wir es im Gleichnis von der lästigen Witwe am letzten Sonntag gehört haben.

    Psalm 88 (http://alt.bibelwerk.de/bibel/at/psal088.htm), freitags zur Komplet gebetet, bringt es auf den Punkt. Das Schöne an den Psalmen ist, daß ihnen nichts Menschliches fremd ist.

    1. Ja, Psalm 88 passt sehr gut dazu. Danke für die Ergänzung. Ich denke auch dass „Schreien“ nicht nur etwas mit der Lautstärke zu tun hat, sondern auch mit der Eindringlichkeit und Penetranz des Gebets.

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