Psalm 22, 1-22 – Ein fragender und zweifelnder Glaube

Was ich bei den Psalmen wundervoll und wichtig finde ist unter anderem, dass auch der wartende, fragende und zweifelnde Glaube zur Sprache kommen darf. So auch in diesem Psalm. Der Beter schreit Gott an: Wo bist du? Warum hast du mich verlassen? Ich lieg dir Tag und Nacht mit meinem verzweifelten Geschrei in den Ohren und du reagierst überhaupt nicht! Was ist denn los?! Du hast mich gemacht, du kennst mich von klein auf, du siehst meine Angst, meine Verzweiflung, du siehst, wie es mein Herz vom Schmerz zerrissen wird – aber du greifst nicht ein. Es ist keine Hilfe von dir zu sehen.

Die Psalmen waren und sind öffentliche Gebete. Würde wir es wagen auf solche Weise im Gottesdienst zu beten? Als Psalmzitat geht das natürlich, aber würden wir es wagen mit eigenen Worten und eigener Betroffenheit denselben Inhalt zu beten? Gott unser lieber Vater ist doch immer da und er gibt uns was wir brauchen. Wir müssen ihm nur vertrauen und daran glauben, dass er uns in Jesus schon längst den Sieg geschenkt hat… Mit solch einem erschütternden Klagegebet können wir doch unser Vertrauen in Gott nicht ausdrücken, oder?! Das geht doch nicht! Das ist doch auch theologisch nicht richtig – Gott kann uns doch nicht verlassen! Er ist doch immer da!

Zum Glück hat Jesus selbst so gebetet. Damals, am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Zum Glück hat er selbst solche Klagegebete der Psalmen in den Mund genommen, sonst hätten vielleicht manche Christen berauscht vom Sieg der Auferstehung solche alttestamentlichen und altertümlichen Gebete aus der Bibel gestrichen. Sonst wären vielleicht manche auf den Gedanken gekommen, dass solche Niedergeschlagenheit und Verzweiflung mit einem siegreichen Glauben nichts zu tun haben kann. Kann es doch! Wenn Jesus so beten darf, dann können wir das auch!Bibeltext

Bewerte diesen Artikel

3 Gedanken zu „Psalm 22, 1-22 – Ein fragender und zweifelnder Glaube“

  1. Es tut jedenfalls gut zu sehen, dass auch die Gläubigen vor langer Zeit Zweifel und Ängste hatten. Wenn es einem schlecht geht, dann kommt man sich immer so schnell allein und verlassen vor.

    Da ist es dann schon tröstlich, wenn man liest, dass es anderen auch so ging – und dass sie letztlich immer im Glauben blieben. Alle Psalmen die ich kenne und die sich mit dem Thema beschäftigen(naja – da muss ich noch dran arbeiten), drehen sich von Angst und Verzweiflung wieder zu Gott hin. Das ist dann meine Leitschnur …

    1. Vor allem tröstlich zu wissen, dass nicht nur so „Otto-Normal-Christen“ wie ich, sondern auch die Schreiber der Psalmen so manche Zweifel und Ängste hatten.
      Du hast aber auch einen weiteren wichtigen Punkt genannt: Die Psalmbeter wenden sich immer wieder Gott zu und schauen auf ihn! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.