Psalm 130 – Aus der Tiefe

Dieser Psalm wird in der Tradition als der sechste Bußpsalm gesehen. Es geht um Buße, Umkehr und Vergebung. Mich beschäftigt bei diesem Psalm im Moment v.a. der Anfang: “Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.” Der Beter ist irgendwo ganz unten, in der Tiefe, in der Dunkelheit, in der Verzweiflung. Im AT ist damit auch oft die Todesnähe ausgedrückt. Es belasten ihn wohl nicht nur irgendwelche äußeren Nöte und Feinde, sondern v.a. seine eigene Sünde. In V.3 und 4 spricht er von Sünde und Vergebung. In V.5 und 6 verdeutlicht er seine Situation mit dem Bild eines Wächters, der auf den Morgen wartet. Seine Seele befindet sich wie in einer dunklen Nacht und sie wartet sehnsüchtig darauf, dass die Sonne (der Gnade und der Erlösung von den Sünden; V.7.8) aufgeht.

Ich frage mich, ob ich nicht manchmal dieser Tiefe und Dunkelheit von vornherein ausweiche. Erlebe ich es, dass mich meine Sünde in die Tiefe drückt und nehme ich die Finsternis meiner Sünde überhaupt noch wahr? Oder brauch ich mich von der Sünde gar nicht runter ziehen lassen, weil in Jesus ja doch alles vergeben ist? Wie ist das mit der Sünde: Bin ich als Christ nicht grundsätzlich davon befreit und brauch mich davon gar nicht mehr in die Tiefe führen lassen? Oder muss ich auch als Christ immer wieder schmerzhaft feststellen, dass noch so vieles im Argen liegt und dass ich immer wieder neu auf Gottes Vergebung angewiesen bin?

In unsrem Umgang mit Sünde gibt es wohl zwei Gefahren: Die Verharmlosung (”halb so schlimm, Jesus vergibt doch gern!”) und die Übertreibung (”ich bin so ein böser, verlorener Mensch, dass selbst Gottes Vergebung nicht wirklich rein machen kann”). Das eine führt zur Oberflächlichkeit und Kraftlosigkeit, das andere zur Depression und Mutlosigkeit. Ich bemerke bei mir selbst eine seltsame Mixtur aus beidem: Einerseits weiche ich meiner Sünde ganz gerne aus, will sie gar nicht richtig wahrnehmen, mich ihr gar nicht richtig stellen und habe Angst vor dieser “Tiefe”. Und auf der anderen Seite lasse ich mich manchmal resignierend in die “Tiefe” fallen und rechne gar nicht wirklich damit, dass Gott mich da wieder raus ziehen kann.
Bibeltext

Psalm 130 – Aus der Tiefe
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Ein Gedanke zu „Psalm 130 – Aus der Tiefe“

  1. …das hast du sehr schön ausgeführt, Jochen – und Respekt für deine Offenheit!

    Ja, wir sollten in die Tiefen unserer perönlichen Schuld, der unserer Väter und der aller Menschen hinabsteigen! Aber wir sollten das niemals alleine tun und brauchen uns nicht davor zu fürchten, wenn wir uns an Seiner Hand dorthin leiten lassen und Sein Licht auf diese Finsternis fällt!
    Dann werden wir dadurch geheilt und gestärkt werden in Seiner machtvollen Liebe.

    Segen

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