Psalm 124 – Das Netz ist zerrissen

Eigentlich muss man die ersten fünf Verse dieses Psalms in der Vergangenheit übersetzen. Ein Beter berichtet, wie Gott das Volk aus einer Notlage befreit hat. Luther übersetzt aber in der Gegenwart. Warum? Wahrscheinlich will er betonen, dass das nicht nur vergangene Erfahrungen sind, sondern dass Gott auch heute noch in unser Leben eingreift und hilft.

Normalerweise mag ich Luther ja, aber an dieser Stelle fände ich die wörtliche Übersetzung in der Vergangenheit besser. Denn so macht Luther daraus eine grundsätzliche, verallgemeinerbare Aussage. Aber es ist ein Unterschied, ob ich sage, dass Gott mir geholfen hat oder ob ich sage, dass Gott immer rettend eingreift. Diese Erfahrung hat Israel ja oft genug gemacht: dass Gott nicht immer automatisch den Sieg schenkt, dass der Feind manchmal auch stärker ist und dass eben nicht für alle immer jede Notsituation gut aus geht.

Toll find ich dagegen die Übersetzung von V.7: „Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen und wir sind frei.“ Ja, so soll es sein: das Netz, das uns einengen will, dass uns fesseln will, das uns gefangen nimmt ist zerrissen – und wir sind frei! Ich wünsch mir dieses frei sein von so manchen Dingen, die mich innerlich fesseln. So manches mal fühlt sich meine Seele an, als ob sie wie ein Vogel im Netz gefangen ist. Und je mehr sie flattert und strampelt, um so enger legt sich das Netz um sie. Wäre doch der Herr bei mir und zerrisse immer wieder neu dieses Netz!
Bibeltext

Psalm 124 – Das Netz ist zerrissen
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2 Gedanken zu „Psalm 124 – Das Netz ist zerrissen“

  1. „Wäre doch der Herr bei mir und zerrisse immer wieder neu dieses Netz!“

    Hi Jochen,
    deine Offenheit ist klasse! 🙂

    ..ist es nicht so, dass der Herr immer bei uns ist und die Netze der Seele längst zerrissen sind, aber wir das gelegentl. „vergessen“ und uns dadurch verheddern?
    Seine Gegenwart zereisst die Netze!

    Segen

    1. Genau darüber hab ich beim schreiben auch nachgedacht: Ja, wir sind ja frei. Das Netz ist längst zerrissen! Das verrückte ist dann, dass wir uns trotzdem immer wieder darin verheddern.
      Ich denke das ist ein bleibender Kampf: dass wir das neue Leben, das Gott uns schenkt, immer wieder neu ergreifen und uns nicht vom alten bestimmen lassen.

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