Psalm 104 – Wahre Schönheit

Der Psalm ist ein eindrucksvolles Loblied auf Gott den Schöpfer. Zwei Aussagen sind mir dabei besonders aufgefallen: Zum einen spricht der Psalm von Gottes Schönheit: „Du bist schön und prächtig geschmückt.“ (V.1) Das ist eine Dimension Gottes, über die wir uns normalerweise wenig Gedanken machen: Gott ist schön. Nicht im heutigen, flachen Sinn von „gut aussehend“ oder „sexy“, sondern schön in einem ganz umfassenden Sinn. Wir können Gott nicht sehen und somit auch nicht sein Aussehen beurteilen. Aber der Psalm sagt, dass Gott von seinem Wesen her schön ist. Es geht dabei nicht um irgendeinen oberflächlichen Topmodell-Contest, bei dem es auf eine schöne Fassade ankommt. Es geht nicht um Schönheit, die unseren Augen gefällt, sondern Schönheit, die unsere Herzen berührt.

Ich denke, wenn wir Menschen in unserer Welt etwas Schönes entdecken, dann spiegelt sich darin auch etwas von der Schönheit des Schöpfers wieder. Insofern haben die „schönen Künste“ sehr viel mit Gott zu tun. So mancher Künstler hat eine tiefe Sehnsucht nach dem Schönen und ist sich vielleicht gar nicht bewusst, dass dahinter eine Sehnsucht nach Gott stehen könnte. Durch alle Jahrhunderte hindurch haben Menschen immer wieder gemerkt, dass etwas wahrhaft Schönes unsere normale, irdische Welt transzendiert und übersteigt. Natürlich sollte Kirche nicht zum Kunstverein verkommen und sich nur noch um kulturelle Programme drehen. Aber wir brauchen auch keine Angst vor der Schönheit der Kunst haben – richtig verstanden öffnet sie einen Zugang zur Schönheit Gottes.

Das andere Bild, das mich berührt steht in V.3: „Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes.“ Gott als Wolkenreiter. So wie manche Menschen auf Wasserwellen reiten und surfen, so surft Gott auf den Wolken und Winden. Ein starkes Bild, ein schönes Bild, ein Bild, das mich schmunzeln lässt. Aber nicht weil es lächerlich ist, sondern weil es für mich etwas ausdrückt von der Freude Gottes an seiner Schöpfung.

Interessant ist übrigens, dass diese Vorstellung aus anderen Religionen geklaut ist: Im kanaanäischen Umfeld des Volkes Israel wurde der Himmelsgott Baal auch als „Wolkenreiter“ bezeichnet. Das Alte Testament grenzt sich immer wieder sehr scharf gegenüber anderen Gottesvorstellungen ab – und doch greift es immer wieder auch andere Vorstellungen auf und überträgt sie auf den eigenen Gott. Nach dem Motto: „Ihr redet von Baal als dem Wolkenreiter, aber eigentlich gibt es nur einen Wolkenreiter: unseren Gott Jahwe.“ Ich mag diese Unbekümmertheit, mit der hier fremde Gottesbezeichnungen einfach auf den Gott der Bibel übertragen werden. Manche ängstliche Christen schreien ja gleich bei allem, was mit anderen Göttern und Religionen zu tun hat: „Vorsicht okkult! Alles ganz Böse!“ Aber die Bibel geht hier nicht nur den Weg der Abgrenzung, sondern auch den Weg der Einverleibung und Neudeutung.
Bibeltext

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