Philip Yancey: Disappointment with God

Yancey: Disappointment with GodEin Ausschnitt aus dem Buch hat mich neugierig gemacht und großer Erwartungen in mir geweckt. In einer Predigt habe ich ein längeres Zitat aus dem Buch gelesen und war von der offenen und schonungslosen Art, wie hier jemand von enttäuschtem Glauben redet getroffen. Anhand dieses Ausschnittes schien es mir, dass sich der Autor auf ebenso offene und schonungslose Art im ganzen Buch mit dem Thema beschäftigt. Schon während des Lesens musste ich feststellen, dass meine Erwartungen sich nicht so richtig erfüllt haben, bzw. dass ich die falschen Erwartungen hatte. Aber trotzdem ist es ein gutes und empfehlenswertes Buch.

Ausgangspunkt ist für Yancey die Erfahrung eines Freundes, welcher den Glauben an Gott verloren hatte. Anhand von dieser Infragestellung Gottes geht Yancey im Buch drei großen Fragen nach: Ist Gott unfair? Schweigt Gott? Ist Gott verborgen? Diese drei Fragen behandelt er in zwei großen Teilen: im ersten Teil des Buches geht er die ganze Bibel durch und versucht aus Gottes Perspektive auf menschliche Enttäuschung einzugehen. In einem zweiten Teil beleuchtet er die Fragen vom Buch Hiob aus.

Inhaltlich versuchen schon seit Jahrhunderten Theologen auf die Frage nach dem Leid zu antworten. Da kann auch Yancey inhaltlich nicht viel neues an Antwortversuchen beitragen. Wie jeder ehrliche Christ weiß auch er, dass er keine Antworten geben kann, die bis ins letzte alle Fragen beantworten und alle Unklarheiten beseitigen.

Ein bekanntes Argument, das er sehr betont, ist die Freiheit des Menschen. Gott hat uns nicht als Marionetten erschaffen, sondern als ein freies Gegenüber. Wir dürfen uns auch von unserem Schöpfer abwenden. Der Preis dieser Freiheit ist das Leid.

Ein für mich eher neuer Gedanke war folgender: Wenn Gott sich ständig mit Wundern und Heilungen zu erkennen gibt, so führt das noch lange nicht zu mehr Glauben und Vertrauen bei den Menschen. Yancey zeigt das sehr anschaulich an der Geschichte Isreals, in welcher Gott vor allem beim Auszug aus Ägypten und in der Zeit der Wüstenwanderung immer wieder auf wunderbare Weise eingegriffen hat. Trotzdem hat das bei seinem Volk den Glauben nicht verstärkt, sondern eher im Gegenteil. Yancey geht hier allerdings sehr unkritisch mit den biblischen Berichten um und nimmt sie einfach als historisch neutrale Berichte (obwohl sie erst im Nachhinein aus der Sicht des Glaubens geschrieben wurden).

Ein bei der Thodizeefrage üblicher Hinweis ist die Verbindung zu Jesus Christus und seinem Leiden. Das führt natürlich auch Yancey aus. Gott kennt das Leiden am eigenen Leib. Er möchte in Jesus Christus uns Menschen nahe sein und unsere Liebe gewinnen (die auch er nicht durch Wunder erzwingen kann, sondern um die er letztendlich nur werben kann). In Jesus Christus kennt Gott unser menschliches Leiden und sogar das Gefühl der Gottverlassenheit.

Im zweiten Teil, bei der Beschäftigung mit Hiob legt Yancey großen Wert auf die Rahmenerzählung des Buches Hiob. Es geht nicht nur um einen Menschen, der auf unverständliche Weise alles verliert und Gott deswegen anklagt. Die Rahmenerzählung macht für Yancey deutlich, dass hier ein Geschehen in der himmlischen Welt dahintersteht, das wir mit unseren irdischen Vorstellungen gar nicht richtig erfassen können. Der Autor weiß, dass diese Wette zwischen Gott und dem Satan (von der Hiob nichts weiß) für uns als Leser auch nicht so leicht zu verstehen und einzuordnen ist. Aber diesen Gedanken, dass hinter unserem irdischen Leiden Vorgänge einer anderen und größeren Realität stehen können, finde ich durchaus richtig. Gerade das macht Gott ja auch in seiner Antwort an Hiob (die keine Antwort auf seine Fragen ist, sondern nur eine Demonstration von Gottes Größe und Herrlichkeit) auch deutlich: Gottes Gedanken sind viel größer als unsere Gedanken. Letztendlich können wir nur darauf vertrauen, dass Gott alles im Griff hat, auch wenn es für uns nicht immer so aussieht.

Und schließlich verweist Yancey auch auf die zeitliche Perspektive. Wir können unser Leben, unsere Welt und auch das Leiden immer nur in zeitlicher Perspektive wahrnehmen. Aus unserer zeitlichen Perspektive können wir auch Gott selbst immer nur begrenzt wahrnehmen. Gott steht aber außerhalb der Zeit. Die Zeit ist ein Teil seiner Schöpfung. Er sieht unser Leben, unsere Welt und auch unsere Leiden und Fragen aus einer anderen Perspektive. Aus einer Perspektive, die nicht an die Zeit gebunden ist. Zu der zeitlichen Perspektive gehört in diesem Zusammenhang auch der Hinweis auf die Vollendung der Schöpfung, welche noch aussteht. Das macht die Bibel immer wieder deutlich: am Ende wird Gott alles zu einem guten Ziel führen.

Ich finde, dass Yaney diesen Fragen auf gute Weise nachgeht. Er schreibt gut. Er argumentiert gut. Selbst für mich als Theologen waren in dem Buch einige neue gute Gedanken zum Thema dabei. Was mich aber an dem Buch irritiert hat, ist die Spannung zwischen dem emotionalen und existentiellen Einstieg ins Thema zu Beginn des Buches und dem dann eher nüchternen Umgang mit diesen existentiellen Fragen der dann folgt. Auf die sehr persönlichen Beispiele der Enttäuschung mit Gott zu Beginn folgt ein eher abstrakter Durchgang durch die Heilsgeschichte. Im zweiten Teil, bei der Beschäftigung mit Hiob wird es dann wieder etwas persönlicher und existentieller. Für mich sind das zwei unterschiedliche Ebenen, um an das Thema heranzugehen. Das eine ist die Frage, wie ich persönlich mit dem Gefühl der Enttäuschung umgehe und das zweite ist die Frage, wie ich theologisch und intellektuell mit der Frage umgehe.

Beides hat natürlich miteinander zu tun, aber für die unterschiedlichen Ebenen bräuchte man wahrscheinlich unterschiedliche Herangehensweisen. Von den persönlichen Erlebnissen zu Beginn des Buches her hätte ich eine stärker seelsorgerlicher Ausrichtung des Buches erwartet. Bei solch einem Umgang müsste aus meiner Sicht sehr viel mehr offen bleiben. Es muss Raum für die Enttäuschung, für die Fragen, für die Zweifel und auch für das Klagen sein. Das kam mir persönlich in dem Buch zu kurz. Yancey versucht alles zu beantworten (auch wenn er an einigen Stellen betont, dass es nur Antwortversuche sind). Diese Antwortversuche sind aber auf der theologischen und intellektuellen Ebene durchaus hilfreich. Und natürlich können sie dann auch für manche auf der persönlichen Ebene hilfreich werden.

(Amazon-Link: Disappointment with God auf Deutsch: Von Gott enttäuscht)

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