Philip Roth: Jedermann

„Das Alter ist kein Kampf, das Alter ist ein Massaker.“ ( S.148 )

Mit diesem Zitat könnte man den Inhalt und die Aussage dieses Buches zusammenfassen. Es geht um das Alter, das Kranksein und den Tod. Das Buch beginnt mit der Beerdigung der Hauptperson und es endet auch damit. Dazwischen finden sich so etwas wie ein persönlicher Rückblick auf dieses Leben. Die Hauptperson – Jedermann – ist allerdings kein alter Mann der dankbar und lebenssatt auf sein glückliches Leben zurück schaut, sondern ein Mensch, der am Ende vor einem Scherbenhaufen steht.

Er war dreimal verheiratet: Die erste Ehe war von Anfang an zum Scheitern verurteilt und die beiden Söhne aus dieser Ehe haben ihm nie verziehen, dass er ihre Mutter verlassen hat. Die zweite Ehe war eigentlich ideal und glücklich und auch ihr stammt eine Tochter, die ihren Vater wirklich liebt. Aber Jedermann sind seine sexuellen Abenteuer wichtiger, als seine Familie. Die dritte Ehe mit einem jungen Modell hatte nie eine realistische Chance. Am Ende, nach einem erfolgreichen Berufsleben, hat er im Grunde nichts mehr: Er hat keine echten Beziehungen mehr und auch sein ehemals vor Potenz strotzender Körper zerfällt. Er eilt von Krankenhaus zu Krankenhaus und muss immer wieder operiert werden. Und auch die Hoffnung im Alter endlich in Ruhe seinem Hobby, der Malerei, zu frönen, erweist sich als großer Irrtum: Er merkt, dass er im Herzen eigentlich kein Maler ist.

Das einzige was noch bleibt ist der Tod. Und mit dem beschäftigt er sich nun. Auf einer Beerdigung beobachtet er eine schluchzende Frau und überlegt sich, warum „sie sich so aufführt“:

„Weil es für sie nicht anders ist als für mich, seit ich ein kleiner Junge war. Weil es für sie nicht anders ist als für jeden. Weil der Tod die größte Beunruhigung des Lebens ist. Weil der Tod so ungerecht ist. Weil der Tod, wenn man das Leben einmal gekostet hat, einem alles andere als natürlich vorkommt. Ich hatte gedacht – insgeheim war ich mir sicher -, das Leben geht immer weiter.“ ( S.160 )

Es geht also letztendlich in dem Buch darum, wie es „jedermann“ – also jedem Menschen – geht, wenn der Tod näher rückt. Durch den Titel und den Namen der Hauptfigur setzt Roth sein Buch in Verbindung mit einem Theaterstück von Hugo von Hoffmannstal. (Das Stück heißt auch „Jedermann“ und stammt vom Anfang des 20. Jh.). Hoffmanstal selbst nimmt wiederum spätmittelalterliche Mysterienspiele auf, bei denen „Jedermann“ (als Personifikation des Menschen) am Ende vor Gott steht und vor dem Richter bestehen muss.

Allerdings finden wir nun bei Roth die postmoderne, völlig von der Religion abgelöste Version dieses Rückblicks auf das Leben. „Jedermann“ muss sich nicht vor Gott rechtfertigen, sondern vor sich selbst. Er muss irgendwie einen Frieden finden mit sich selbst und seinem verpfuschten Leben. In dem Roman gelingt es Jedermann zumindest am Schluss noch seinen Frieden mit dem Tod zu finden. In einem Gespräch mit einem Totengräber (der ihn wohl später dann auch begräbt) verliert er seine Angst vor dem Tod und ist nun bereit sein Leben loszulassen.

Endlich mal wieder ein Buch, das ich gerne gelesen habe (nach zwei Romanen, die ich nicht zu Ende geschafft habe…).  Naja gern gelesen klingt jetzt komisch – bei diesem nicht gerade auferbauenden Thema. Aber Philip Roth schreibt einfach sehr gut. Er schreibt schonungslos. Er blickt ohne romantische Verklärung auf die Abgründe unserer menschlichen Seele. Er verleitet nicht zum Träumen, sondern eher zum erschrockenen Innehalten: Was macht eigentlich mein Leben aus? Wie werde ich als alter Mensch auf mein Leben zurückblicken? Habe ich Angst vor dem Tod? Bin ich bereit zum Sterben? Solche Fragen stellt man sich normalerweise nicht – und wenn, dann erst wenn das „Ende“ in Sicht ist.

Das Buch hat mich wieder neu dankbar gemacht für die Hoffnung, die ich als Christ habe. Schon in diesem Leben gibt mir mein Glaube Sinn und Halt. Und selbst wenn hier noch vieles schief läuft weiß ich doch, das das Beste erst noch kommt!

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