Peter Rollins: How (not) to speak of God

Rollins: How to (not) speak of GodPeter Rollins ist in Belfast geboren und aufgewachsen. Seine frühen Glaubenserfahrungen waren charismatisch geprägt. Am der Queen’s University von Belfast studierte er Philosophie, seinen Master machte er auf dem Gebiet der politischen Theorie und für seinen Doktor beschäftigte er sich mit poststrukturellem Denken. Wie so viele aus der Bewegung der „emerging church“ arbeitet er kritisch seine charismatisch-evangelikalen Wurzeln aus postmoderner Perspektive auf.

„How to (not) speak of God“ ist sein erstes Buch. Es ist im Jahr 2006 erschienen. Das Vorwort schreibt eine Gallionsfigur der ermergenten Bewegung: Brian McLaren. Rollins unterteilt sein Buch in zwei Teile. Im ersten Teil entfaltet er theoretische Grundlagen und im zweiten Teil wird gezeigt, wie das praktisch dann in Gottesdiensten aussehen kann.

Sein Grundgedanke ist eine Paradoxie: Zum einen stellt er fest, dass wir als Menschen gar nicht angemessen von Gott reden können, weil er der völlig Andere ist. Zugleich hält er fest, dass Gott das eine Subjekt ist, von dem und zu dem wir nicht aufhören dürfen zu reden. Deswegen auch der Doppeltitel: von Gott reden, obwohl wir es eigentlich nicht können.

Gegenüber einem Evangelikalismus, der glaubt man könne sehr deutliche Aussagen darüber machen, wer Gott ist und an welche theologischen Doktrine wir glauben müssen, betont Rollins die Andersartigkeit Gottes. Gott ist größer als unser menschliches Denken, wir können ihn immer nur bruchstückhaft und auf dem Hintergrund unserer kulturellen Prägung erahnen. Er bleibt ein Mysterium. Gegenüber einem liberalem Relativismus hält er daran fest, dass Gott als das Absolute existiert und dass wir mit unserem Reden und Denken diesem Mysterium näher kommen können. Allerdings wird nach meinem Empfinden die Argumentation gegen ein evangelikales Besserwissen stärker betont als die Vorbehalte gegen einen postmodernen Relativismus.

Für Rollins geht es nicht darum, den „richtigen Glauben“ zu haben (d.h. die an die richtigen dogmatischen Erkenntnisse zu glauben), sondern darum auf „richtige Weise zu glauben“ (d.h. den Glauben richtig zu leben). Im Bild ausgedrückt: Wichtig ist nicht, dass ein Baby intellektuell erfassen kann, wer seine Mutter ist, sondern dass es spürt, wie es von ihr gehalten wird. Die Wahrheit des christlichen Glaubens können wir nicht beschreiben, sondern nur erfahren. Es geht nicht darum, dass jeder die Wahrheit auf dieselbe Weise interpretiert, sondern dass wir alle die Wahrheit lieben und von ihr verändert werden.

Wenn wir meinen, Gott mit unseren theologischen Erkenntnissen in der Hand zu haben, dann wir unser Verständnis von Gott zu einem Götzen. Wir verehren nicht mehr Gott selbst, sondern unser Gottesbild. Wir können deshalb nicht von Gott an sich reden, sondern nur von unserem Verständnis von Gott. Schon die Bibel lehnt es deshalb ab, sich ein Bild von Gott zu machen. Gott kann nicht in Bildern – auch nicht in theologisch-intellektuellen Gottesbildern – erfasst werden.

Trotzdem ist für ihn der Inhalt dieses Gottesbildes nicht völlig beliebig. Rollins vergleicht es mit einem Kunstwerk. Bei einem Kunstwerk gibt es nicht die eine, all für allemal richtige und ewig gültige Interpretation. Jeder Betrachter kann etwas anderes in dem Kunstwerk entdecken. Die Interpretation eines jeden ist geprägt von seinen Erfahrungen, seiner Persönlichkeit, seiner Kultur und vielen anderen Dingen. Aber zugleich gibt es Interpretationen, die eindeutig der Absicht eines Kunstwerkes widersprechen können. Ein harmonisches, friedvolles Bild kann man z.B. nicht als Aufforderung zur Gewalt interpretieren. Es gibt also Grenzen der legitimen Interpretation.

Im zweiten Teil werden 10 „Veranstaltungen“ der „Ikon-Community“ dargestellt. Diese gottesdienstliche Events fanden tatsächlich in einem kleinen Pup in Nordirland statt. Auf kreative Art und Weise werden dort traditionelle Gottes- und Glaubensvorstellungen hinterfragt und die Teilnehmer zum Nachdenken und Diskutieren über Gott angeregt.

Rollins bezieht sich theologisch auf Karl Barth, der ja auch immer wieder die Andersartigkeit Gottes betont. Aber Barth zieht daraus andere Konsequenzen: Er lässt Gott nicht als dunkles Mysterium stehen, sondern schreibt in seiner Kirchlichen Dogmatik tausende von Seiten, wie er sich Gott vorstellt.

Ein anderer theologischer Anknüpfungspunkt sind für Rollins einige Gedanken von Bonhoeffer zu einem „religionslosen Christentum“. Rollins sieht seine Ausführungen als Fortführung dieser bruchstückhaften Ansätze. Das ist interessant, denn auch Bonhoeffer hat im Grunde eine postmoderne Erfahrung gemacht: alte Gewissheiten, wie seine gutbürgerliche Staatstreue, die Kirche als Organisation oder überhaupt das Christentum als Religion, sind für ihn angesichts des dritten Reiches und des Krieges zerbrochen. Auch seine eigene Identität hat er in der Gefangenschaft hinterfragt (im Gedicht „Wer bin ich?“) und er sieht sich am Ende nur gehalten von der Erfahrung, dass er in allen Fragen von Gott gehalten ist („Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“) Aber es ist müßig, darüber zu spekulieren, in welche Richtung sich Bonhoeffer weiterentwickelt hätte. Er wird ja heute von allen möglichen Richtungen (von liberal bis evangelikal) gerne vereinnahmt. Ich glaube, er war ein solch radikaler und eigenständiger theologischer Denker, dass er seinen ganz eigenen Weg gegangen wäre.

Was nehme ich für mich aus diesem Buch mit? Bei mir bleiben gemischte Gefühle und Gedanken zurück. Zunächst einmal ist Rollins ein scharfer Denker, der sich mit dem Thema Postmoderne auskennt und seine Gedanken dann auch noch interessant, anschaulich und mit überraschenden Sprachschöpfungen darstellen kann. Er arbeitet viel mit Bildern und Parabeln. Er schreibt engagiert und herausfordernd.

In seiner kritischen Analyse unserer selbstgemachten Gottesbilder stimme ich ihm zu. Er weist zurecht auf die Gefahr hin, dass wir unser eigenes Gottesbild zur Wahrheit selbst umfunktionieren. Die Dekonstruktion, das Auseinandernehmen von traditionellen Vorstellungen gelingt ihm sehr gut.

Allerdings bleibt für mich das, was er an die nun entstandene Leerstelle stellt, schwammig. Das ist wahrscheinlich gewollt, weil wir ja keine absoluten Aussagen machen können. Es bleibt ein bisschen Nächstenliebe, Toleranz und Mysterium. Es bleibt am Ende mehr Form als Inhalt. Auch die zehn Gottesdienste fand ich spannend, interessant und herausfordernd. Aber wenn ich mir vorstelle, nur noch so Gottesdienst zu feiern und ständig nur alles in Frage zu stellen, dann fände ich das ziemlich deprimierend.

Gegen alle postmoderne Skepsis müssen wir doch festhalten, dass der Sohn Gottes Fleisch geworden ist. Er hat sich greifbar und erlebbar gemacht. In Jesus Christus ist der ganz andere Gott, den wir nie völlig verstehen und begreifen können, in Fleisch und Blut sichtbar geworden. Er hat uns Menschen sein Gottesbild sehen lassen. Natürlich haben wir auch in Jesus Christus die Wahrheit nicht als Besitz. Aber auch in der Postmoderne müssen wir überlegen, welche Interpretation angemessen ist und wo Grenzen überschritten sind, die Gottes Offenbarung in Jesus Christus widersprechen. Klar: die Form in der wir glauben und Theologie betreiben ist wichtig („beliefing the right way“) – aber darüber den Inhalt („right belief“) völlig aus den Augen zu verlieren ist keine Lösung.

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Ein Gedanke zu „Peter Rollins: How (not) to speak of God“

  1. „Ihr habt alle Dinge verstanden, die ich euch gesagt habe, und ihr habt sie im Glauben angenommen. Wenn ihr sie erkannt habt, dann sind sie die Eurigen. Wenn nicht, dann sind sie nicht die Eurigen.“

    Jesus von Nazareth (Nag Hammadi Library / Dialog des Erlösers)

    Weil die halbwegs zivilisierte Menschheit an wahrer Nächstenliebe nicht interessiert war, wurde die originale Heilige Schrift des Urchristentums (Gnosis = Wissen) von der „heiligen katholischen Kirche“ im vierten Jahrhundert verbrannt. Das folgende Zitat aus dem „neuen Testament“ ist so ziemlich das einzige, dessen ursprüngliche Bedeutung noch erkennbar ist,…

    „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.“

    …wenn wir es mit dem folgenden Zitat des bedeutendsten Ökonomen der Neuzeit vergleichen:

    „Man sagt es harmlos, wie man Selbstverständlichkeiten auszusprechen pflegt, dass der Besitz der Produktionsmittel dem Kapitalisten bei den Lohnverhandlungen den Arbeitern gegenüber unter allen Umständen ein Übergewicht verschaffen muss, dessen Ausdruck eben der Mehrwert oder Kapitalzins ist und immer sein wird. Man kann es sich einfach nicht vorstellen, dass das heute auf Seiten des Besitzes liegende Übergewicht einfach dadurch auf die Besitzlosen (Arbeiter) übergehen kann, dass man den Besitzenden neben jedes Haus, jede Fabrik noch ein Haus, noch eine Fabrik baut.“

    Silvio Gesell (Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld, 1916)

    Solange das Wissen noch nicht zur Verfügung stand, um das Geld an den Menschen anzupassen, musste der Kulturmensch an ein darum bis heute fehlerhaftes Geld angepasst werden. Das war (und ist noch) der einzige Zweck der Religion:

    http://opium-des-volkes.blogspot.com/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

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