Parsix 3.0

Der Parsix-Desktop
Der Parsix-Desktop

Heute mal was über eine eher unbekannte Linux-Distribution: Parsix. Es handelt sich um eine Live-CD, die aber auch installiert werden kann. Parsix basiert auf Kanotix und Debian. Als Debian-Grundlage wird der „testing“-Zweig verwendet (vgl. zu den unterschiedlichen Debian-Versionen das Debian-FAQ). Die aktuelle Version 3.0 wurde vor einigen Tagen veröffentlicht.

Interessant ist der Entstehungsort von Parsix: Iran. Dementsprechend ist Parsix mit persischen Schriftarten ausgestattet und auch auf Persisch übersetzt. Aber keine Angst: Parsix ist multilingual, es kann genau so auf Englisch oder Deutsch installiert und benutzt werden. Einer der Entwickler von Parsix, Alan Baghumian, lebt in Teheran und er sagt über Linux: „For me, the main reason for using GNU/Linux is its spirit of freedom.“ (Interview auf distrowatch) Stark, wie durch Linux politische und geografische Grenzen überwunden werden!

Die Installation

Parsix startet relativ zügig als Live-System. Auch die Arbeitsgeschwindigkeit im Live-Betrieb ist erstaunlich flüssig. Die Sprache kann man gleich am Anfang beim Bootmanager auswählen und der Desktop startet dann auch in der entsprechenden Sprache. Installiert wird Parsix dann mit einem eigenen Installer. Der ist recht spartanisch gehalten, gibt aber genügend Einstellmöglichkeiten und bringt das System sehr schnell auf die Festplatte.

Die Hardware-Erkennung funktionierte tadellos. Bei mir hat alles funktioniert. Auflösung wurde richtig erkannt, Sound funktionierte, sogar die Multimediatasten wurden richtig eingebunden. Erfreulich ist auch dass Multimedia-Codecs und der Flash-Player gleich mit installiert werden und damit gleich mit der Basis-Installation z.B. auch mp3 gehört werden können oder Flash-Filme im Internet ohne Probleme angezeigt werden.

Bei mir musste ich nur den proprietären NVIDIA-Treiber nachträglich installieren. Das hat leider nicht so problemlos funktioniert. Im Software-Manager taucht zwar ein Treiber auf, der hat bei mir aber nicht funktioniert. Somit musste ich den Linux-Treiber von der NVIDIA-Seite runterladen und selbst installieren. Ist kein großes Problem, nur wenn z.B. der Kernel upgedatet wird, muss man die Prozedur wiederholen. Das funktioniert bei anderen Distributionen (wie z.B. ubuntu einfacher und komfortabler).

Software

Parsix ist eine Gnome-zentrierte Distribution. Dementsprechend finden sich gtk-Programme in der Standard-Installation. Als etwas ungewöhnlichere Wahl ist mir Exaile als Musikplayer aufgefallen und Balsa als Email-Klient (welches ich gleich durch Icedove/Thunderbird ersetzt habe, weil Balsa keinen integrierten Spam-Filter hat). Als Büroanwendung wird OpenOffice installiert und für die Bildbearbeitung Gimp. Insgesamt eine gute Auswahl an Programmen und ein guter Ausgangspunkt für die eigene Software-Auswahl.

Und das Finden und Installieren von Programmen ist bei Parsix auch kein Problem. Es basiert wie gesagt auf Debian-Testing und hat dementsprechend eine riesige Softwareauswahl über das bewährte Synaptic zugänglich. Auffällig ist, dass Parsix eigene Repos hat, die offensichtlich nicht mit dem Debian-Testing Repo synchron gehalten werden. D.h. dass das System nicht mit Debian-Testing aktualisiert wird, sondern nur mit eigenen Updates von Parsix. Das kann ein Vorteil für die Stabilität sein, kann aber auch ärgerlich sein, wenn z.B. nach einiger Zeit in Testing neuere Programme auftauchen, die in den Parsix Repos noch nicht drin sind.

Was mir aufgefallen ist, ist dass die Google-Gadgets zwar in den Repos sind, sie aber nicht funktionieren. Es kommt die Meldung, dass die Java-Script Engine nicht gefunden wird. Mit einem kleinen Trick kann man die Gadgets dann doch nutzen (allerdings nicht die schöne gtk-Seitenleiste): Wenn man das Programm über folgenden Aufruf startet, funktioniert es: ggl-qt –script-runtime qt.

Leistung und Stabilität

Obwohl Debian-Testing nicht besonders stabil klingt, ist es zuverlässiger und stabiler als so manche Linux-Distribution, die als stable bezeichnet wird. Bis bei Debian ein Programm vom Experimentellen Bereich, über den unstable-Zweig schließlich in den Testing-Bereich kommt, ist es schon recht gut getestet und die schlimmsten Bugs sind ausgebügelt. Und so ist Parsix auch sehr stabil und zuverlässig. Nur an so mancher Feinabstimmung hapert es hier und dort.

Sehr überrascht und erfreut war ich über die Geschwindigkeit. Ich hab ja schon einige Distris ausprobiert, aber eine vergleichbare Boot-Geschwindigkeit wie bei Parsix hab ich sonst noch nie gesehen! (Außer bei irgendwelchen Minimalsystemen mit Minimal-Desktop). Echt beeindruckend! Auch die Arbeitsgeschwindigkeit und die relativ geringe Speicherbelegung ist toll. Parsix ist laut dem Interview wohl auf i686 optimiert und das spürt man.

Design

Naja, das ist wohl Geschmackssache. Das gilt für jede Distribution, aber für Parsix wohl noch mehr. Ich finde das Braun schon sehr…, ääh… braun. Aber warum nicht? Ist auf jeden Fall mal ’ne Abwechslung. Erfreulicherweise gibt es in den Gnome-Einstellungen auch noch ein paar andere eigene Themen von Parsix, die etwas neutraler sind… Schade ist, dass sowohl beim Standard Thema als auch beim dunklen Alternativ Thema die Schriften bei nicht aktiven Fenstern sehr schlecht lesbar sind.

Fazit

Ich war positiv überrascht von Parsix. Es hat mit Debian eine stabile Grundlage und hat mich v.a. durch die Geschwindigkeit beeindruckt. Wer schnell und bequem ein funktionierendes Debian-Testing samt Codecs und Flash installieren will, der ist mit Parsix gut bedient. Es ist sicher keine Distri für absolute Linux-Neulinge, aber wer sich ein wenig auskennt, wird problemlos damit zurecht kommen.

Bei mir bleibt allerdings die Frage, wie mit der Aktualisierung des Systems aussieht. Debian-Testing ist ja ein System in der Entwicklung: es wird ständig daran gearbeitet und es werden Fehler ausgemerzt. Wie ist das nun bei Parsix? Es wird ja mit den normalen Vorsteinstellungen nicht mit Testing synchron gehalten, die Fehlerverbesserungen von Testing fließen nicht mit ein. Bleibt Parsix auf dem Stand wie bei der Veröffentlichung? Steuern die Parsix-Entwickler Sicherheitsaktualisierungen oder Fehlerkorrekturen selbst bei? Ich hab Parsix schon einige Tage laufen und bis jetzt kam keine einzige Aktualisierung… Man kann natürlich auch die Testing-Repos von Debian aktivieren. Aber wie verträgt sich dann das mit den Ergänzungen von Parsix?

Damit zusammen hängen Bedenken bezüglich manch kleiner Feinabstimmung des Systems (bei mir hakt z.B. ab und zu das Gnome-Panel: es erscheint nur zur Hälfte; nach nochmaliger Anmeldung ist dann wieder voll da). Es ist klar, dass bei Debian-Testing immer wieder solch kleine Unstimmigkeiten noch vorkommen. Die Frage ist, ob mit dem kleinen Entwickler-Team von Parsix solche Unstimmigkeiten wirklich gründlich genug angegangen werden können…

Screenshots

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