Bruder Lorenz – Weltentfremdung und Gottesnähe

Hab inzwischen das Buch über Bruder Lorenz (R.Deichgräber: Alle meine Gedanken sind bei dir) zu Ende gelesen. Ich schwanke zwischen Bewunderung und Ärger, zwischen Begeisterung und Kopfschütteln.

Manche Sätze von Bruder Lorenz sind so klar, einfach, einleuchtend und treffend, dass man denkt: Ja wohl, genau, der spricht mir aus dem Herzen! (vgl. Artikel: Bruder Lorenz) Und dann sind da wieder Aussagen, bei denen ich denke: Das kann man doch so nicht sagen! Vieles klingt nach totaler Überforderung, nach totaler Weltfremdheit, nach einem abgehobenen Leben ohne Fleisch und Blut.

Ein Beispiel: „Denn es ist unmöglich, dass eine Seele, die noch einige Lust und Liebe zu den Geschöpfen hat, diese göttliche Gegenwart vollkommen genießen könnte.“ (S.110) Und ob ich das hab. Ich hab sehr wohl noch einige Lust und Liebe zu so manchen wundervollen Geschöpfen, die mir Gott an die Seite gestellt hat. Und ich hab auch nicht vor diese Liebe aufzugeben…

Ich kann also ganz und gar nicht alles unterschreiben, was der gute Bruder Lorenz so von sich gegeben hat. Aber er fordert mich auch heraus. Der Grundansatz von Bruder Lorenz ist einfach und bestechend: Versuche bei allem – in deinem ganz normalen Alltag, bei deinen ganz normalen Tätigkeiten – immer mehr und immer öfter an Gott zu denken (so wie es der Buchtitel deutlich macht: All meine Gedanken sind bei dir). Er sagt, dass es nicht auf irgendwelche geistlichen Übungen und Leistungen ankommt, sondern darauf, dass wir immer mit der Gegenwart Gottes rechnen. Er gibt auch zu, dass das kein einfacher Weg ist und dass er selbst viele Schwierigkeiten hatte bei dieser Art seinen Glauben zu leben. Aber ich bin schon überzeugt, dass das ein Leben verändern kann, dass das einen viel näher zu Gott bringen kann. Ob das dann gleich mit solch einer totalen Weltentfremdung einhergehen muss, bleibt für mich in Frage.

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Dem Tod ins Angesicht schreien

Sie jammern, schreien, weinen und klagen um ihre Toten.

Gestern hab ich eine Doku gesehen über einen Stamm von südamerikanischen Ureinwohnern. Es ging vor allem um eine bestimmte Art des Ringkampfs, den sie untereinander und gegen andere Stämme austragen. Aber es ging auch darum, wie sie von ihren Toten Abschied nehmen. Einmal im Jahr gibt es ein großes Totenfest.

Jeder Tote des vergangenen Jahres wird durch einen großen Holzstamm repräsentiert. Dieser Holzstamm wird von den Dorfbewohnern liebevoll angemalt. Jeder Tote erhält einen individuell gestalteten Stamm, es werden Symbole drauf gemalt, die etwas von der Persönlichkeit des Verstorbenen deutlich machen.

Beim Fest selbst gibt es dann eine große Totenklage. Und da ist die Stimmung nicht still und feierlich, sondern laut und durcheinander. Es wird geschrien, geweint und gejammert. Man sieht den Gesichtern den Schmerz an, die Traurigkeit und die Verzweiflung. Der Schmerz kommt heraus, er kommt an die Oberfläche, er wird laut und erlebbar.

Auch in biblischen Zeiten wurde ja auf ähnliche Weise getrauert. Es gab viele Rituale, es gab die unterschiedlichsten Möglichkeiten den Tod auch lautstark zu beklagen.

In unserer Kultur geht es da seltsam ruhig und gefühlskalt zu. Das Wichtigste auf einer Beerdigung scheint zu sein, dass man die Fassung nicht verliert. Ein paar verstohlene Tränen sind erlaubt, aber ansonsten muss es ruhig, würdevoll und feierlich zugehen. Warum? Wann haben wir verlernt den Schmerz heraus zu schreien? Warum dürfen wir keine Gefühle zeigen?

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Jesaja 11 – Schön wird’s sein

Ja, es wird mal schön werden, irgendwann, später, wenn’s soweit ist, wenn Gott es so will, wenn die Zeit erfüllt ist…

Schöne Bilder sind das in Jesaja 11: Der Messias wird kommen, voller Weisheit und Verstand, Stärke und Erkenntnis. Er wird gerecht regieren, die Natur wird Frieden finden und keiner wird mehr Sünde tun. Denn alle werden voller Erkenntnis Gottes sein.

Diese Bilder berühren mein Herz, trösten mich, ermutigen mich, geben mir Hoffnung. Gott lässt uns nicht allein. Auch wenn alles zu Grunde geht, auch wenn der Stamm abgeschlagen ist, auch wenn nach menschlichen Möglichkeiten alles zu Ende ist, wird Gott Neues wachsen lassen. Er wird aus dem abgehauenen Baumstumpf einen neuen Trieb sprießen lassen (Jes. 11,1).

Zugleich frage ich mich: Wann wird das sein? In einer fernen Zukunft, die nichts mit meinem Jetzt zu tun hat? Am Ende der Zeiten, wenn Gott alles erneuern wird? Und was ist bis dahin? Können wir nicht jetzt schon etwas von diesem Frieden haben? Der Messias ist doch schon gekommen! Warum ist das alles nur so bruchstückhaft, so wenig sichtbar und erlebbar?

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Jesaja 10 – Wider die Kuschel-Gerechtigkeit

Nur ein Rest wird umkehren. Nur wenige werden sich Gott zuwenden. Und den Anderen, dem Großteil, der Masse wird Vernichtung angesagt: „Verderben ist beschlossen und bringt Fluten von Gerechtigkeit“ (Jes. 10,22) An diesem Vers blieb ich hängen. Gott als derjenige der Verderben beschließt und der gerade so Gerechtigkeit herstellt. Verderben und Gerechtigkeit – in einem Atemzug. Das passt so gar nicht in mein Gottesbild, das passt so gar nicht zu unseren heutigen Vorstellungen von Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit ist für uns ein positiver Begriff. Wer verlangt denn nicht nach mehr „sozialer Gerechtigkeit“. Aber es gibt nicht nur die Kuschel-Gerechtigkeit, sondern auch die „herbe Gerechtigkeit“ (so schreibt die Wuppertaler Studienbibel zu dieser Stelle). Jeder bekommt was er verdient. Und natürlich denken wir: Wir, und ganz besonders ich, wir verdienen Gutes, Schönes und Angenehmes. Es ist doch nur gerecht, wenn es mir gut geht, das steht mir doch zu. Es ist doch nur gerecht, wenn Gott mich liebt und mir verzeiht.

Aber wenn jeder bekommt, was er verdient, dann kann das auch ganz anders aussehen. Wenn Gottes Gerechtigkeit das Land flutet, dann gibt es keine Kuschel-Gerechtigkeit mehr. Dann zerfällt unsere Selbstgerechtigkeit wie ein Kartenhäuschen.

Ich bin froh, dass zwischen Gottes herber Gerechtigkeit und mir, ein geschundener Mann am Kreuz hängt. Ich bin froh, dass ich nicht bekomme, was ich verdiene, sondern dass ER bekommt, was ich verdiene…

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Feuer des Herrn

Trotz Aprilwetter am 1. Mai waren wir unterwegs, haben Sonne genossen und Regen erduldet und haben auch gegrillt. Für die richtige Glut sorgte ein großes, heißes, loderndes und knisterndes Feuer. So ein bisschen Regen dazwischen konnte den Flammen nichts ausmachen. Selbst in zwei Metern Abstand spürte man die Hitze des Feuers. Kraftvoll, zerstörerisch, alles verzehrend. Nur mit genügend Distanz zu ertragen. Nur mit Distanz angenehm wärmend und romantisch…

Feuer

Ich musste an das Lied „Reinige mein Herz“ denken. Ein schönes Lobpreislied mit eingängiger Melodie: „Reinige mein Herz, mach mich rein wie Gold in deinem Feuer.
Reinige mein Herz, mach mich rein wie Gold, pures Gold.
Feuer des Herrn, danach verlangt mein Herz.
Mach mich ganz heilig, dir allein will ich dienen,
Herr, mach mich rein, heilig, dir allein will ich dienen, mein Meister,
und deinen Willen tun.“

Wenn man wirklich am Feuer steht, die unglaubliche Hitze erlebt, das Lodern der Flammen sieht, dann kann man dieses Lied eigentlich nicht mehr so ruhig und bequem singen. Um ehrlich zu sein: Mein Herz verlangt nicht danach, vom Feuer des Herrn gereinigt zu werden. Mein Herz hat Angst davor. Angst vor dem Schmerz, Angst vor dem Verlust, Angst davor selbst mit zu verbrennen.

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Gebet zu Jesaja 9

„Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, du siehst den Unfrieden und die Dunkelheit in mir. Nach außen sieht vielleicht alles ganz okay aus, aber in mir drin ist es so leer und unruhig. Ich weiß: Ich sollte mehr auf dich schauen, als mich immer nur um mich selbst zu drehen. Ich sollte andere etwas von deinem Frieden spüren lassen, anstatt immer nur rumzujammern. Aber genau das ist ja das Problem: Dass ich das nicht schaffe, dass ich es selbst in mir nicht hell machen kann, dass ich oft gar nicht auf dich schauen kann und oft auch nicht mal will…“

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Jesaja 9 – Problemchen gelöst

Tja, da haben wir sie wieder, die zwei Gesichter Gottes (vgl. Post zu Jesaja 6 – Das andere Gesicht Gottes). In der ersten Hälfte: Licht, Friede, Vatergüte („Das Volk das im Finstern wandelt sieht ein großes Licht“, ein Kind wird uns geboren und er heißt: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“). In der zweiten Hälfte des Kapitels dann Gericht und Zorn über das unbußfertige Volk („Bei all dem lässt sein Zorn noch nicht ab“).

Beide Botschaften richten sich zunächst einmal an das Nordreich Israel, das durch die Assyrer schon viel früher als das Südreich Juda vernichtet wurde. Man kann also nicht aufteilen und sagen: Friede für den Süden und Gericht für den bösen Norden. Am ehesten kann man noch versuchen, die Botschaften zeitlich auseinander zu ziehen.

Gericht und Heil, beides kommt von Gott. Und nach den Texten in Jesaja 9 ist beides absolut radikal: Absoluter Friede und Gericht bis zum bitteren Ende.

In Jesus verbindet sich beides: Am Kreuz hält Gott Gericht, bis zum bitteren Ende. Und er schenkt gerade dadurch absoluten Frieden. So, damit wär das Problemchen gelöst und ich kann wieder gemütlich mein friedliches Christein leben… 😉

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Jesaja 8 – Das tut mir, mir, mir gut

„Doch es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind.“ Das ist der Vers, der mich in Jesaja 8 angesprochen hat. Das Kapitel wimmelt nur so von Gerichtsworten, Aufforderungen und Warnungen. Und natürlich such ich mir den schönsten und angenehmsten Vers heraus (ein bisschen so wie es Toby Faix in seinem Blog geschrieben hat: Neigen wir zur geistlichen Onanie?). Das tut nicht weh, das klingt schön, dieser Zuspruch tut gut.

Wahrscheinlich geht’s mir genau so wie den Zeitgenossen Jesajas. Die wollten auch nicht die Gerichtworte hören. Die wollten nichts von Umkehr wissen. Die haben lieber auf die Verheißungen und Beschwichtigungen anderer Propheten gehört (die es ja zur Zeit Jesajas auch gab).

Vielleicht ist mein Christsein (bzw. unser Christsein heutzutage ganz allgemein) darum so schwächlich und langweilig, weil wir viel zu oft fragen: Was tut mir gut?

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Jesaja 7 – Gott müde machen

„Ist’s euch zuwenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen?“ (Jesaja 7,13) Das sagt Jesaja zum damaligen König Ahas, der lieber auf seinen politischen Instinkt, als auf Gott vertraut.

Wie müde muss Gott sein, wenn er heute unser fehlendes Vertrauen sieht?! Das komische ist: Wenn ich Gott nicht vertraue, nicht mit ihm rechne, nur mit meinen irdischen Augen die Welt sehe, dann macht das nicht nur Gott müde, sondern auch mich selbst. Viel zu oft laufe ich müde und verschlafen durch die Welt, anstatt all das mit den Augen Gottes wahr zu nehmen.

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