N. T. Wright: Das Neue Testament und das Volk Gottes

Wright: Das Neue TestamentWas für eine Mammutaufgabe, die sie N.T. Wright hier vorgenommen hat. Unter dem Übertitel „Ursprünge des Christentums und die Frage nach Gott“ will er ein Gesamtwerk zur neutestamentlichen Theologie vorlegen. Es geht ihm schon vom Anspruch her nicht um irgendwelche Detailfragen, sondern er will einen Gesamtentwurf und Gesamtblick für das Neue Testament entwickeln. Nicht nur einen zusammenfassenden Überblick, sondern einen theologisch stringenten Gesamtentwurf des ganzen Neuen Testaments. Sein Werk ist auf sechs Bände angelegt und das vorliegende knapp 700-seitige Buch „Das Neue Testament und das Volk Gottes“ ist nur das erste Buch dieser Reihe.

In diesem ersten Band geht es um die Grundlagen: Erkenntnistheoretische Fragen und der weltanschauliche Hintergrund von Juden und Christen im ersten Jahrhundert. Im Jahr 1992 erschien das Original auf Englisch: „The New Testament and the People of God“ (auf deutsch erschien es 2011 bei Francke). Im zweiten Band geht es dann um die Frage, wer Jesus war und was er wollte („Jesus and the Victory of God“, 1996; „Jesus und der Sieg Gottes“, 2013). Der dritte Band beschäftigt sich mit dem Thema Auferstehung – allgemein und im besonderen mit der Auferstehung Jesus („The Resurrection of the Son of God.“, 2003; „Die Auferstehung des Sohnes Gottes“, 2014). Der aktuell neuste Band ist der vierte, in dem Wright seine Paulusinterpretation entfaltet („Paul and the Faithfullness of God“, 2013). Parallel zu diesem vierten Band ist auch ein Buch zur Forschungsgeschichte erschienen („Paul and his Recent Interpreters“,2014). Im fünften Band soll es dann um die Theologie der Evangelien gehen und der sechste Band wird eine zusammenfassende Synthese bieten. Man sieht: ein anspruchsvolles Programm!

N.T. Wright ist einer der weltweit am einflussreichsten Theologen – auch wenn er in der deutschsprachigen Theologie nur wenig wahrgenommen wird. Er wuchs in Nordengland auf und studierte in Oxford Theologie und Geschichte. Im Lauf seines Lebens wirkte er an verschiedenen Stellen als Professor für Neues Testament, hatte dazwischen aber auch kirchliche Ämter inne. Von 2003 bis 2010 war er Bischof von Durham, einem der wichtigsten Bischofssitze der Kirche von England. Seit 2010 lehrt er an der Universität von St. Andrews in Schottland. Er kennt von seinem Leben her also beides: die universitäre Theologie aber auch die konkrete kirchliche Arbeit. Die Verbindung von beidem spiegelt sich auch in seinem theologischen Anliegen. Er möchte die Theologie nicht im Elfenbeinturm lassen, sondern sie für die Gemeinde fruchtbar machen. Um das zu erreichen, schreibt er nicht nur wissenschaftliche Bücher, sondern auch kürzer gehaltene Bücher zu grundlegenden Glaubensfragen oder auch allgemein verständliche Bibelkommentare.

Wright lässt sich theologisch nicht so leicht in eine Schublade stecken. Er ist sicher kein liberaler Theologe, aber er ist auch kein typischer Evangelikaler. In manchen Bereichen vertritt er eher konservative Ansichten. So liegt ihm z.B. viel daran, die historische Zuverlässigkeit der neutestamentlichen Überlieferung hervorzuheben. Aber in anderen Bereichen geht er auch Wege, die viele evangelikale Theologen nie und nimmer mitgehen würden.

In „Das Neue Testament und das Volk Gottes“ geht es ihm vor allem um drei Themen: Nach einem einleitenden Teil geht es im zweiten Teil des Buches um „das nötige Handwerkszeug“ – also um seine erkenntnistheoretische Grundlagen, um das Neue Testament literarischer, historischer und theologischer Hinsicht zu betrachten. Dann geht es um „Das Judentum des 1. Jahrhunderts innerhalb der griechisch-römischen Welt“. Und schließlich beschäftigt er sich unter der Überschrift „Das erste christliche Jahrhundert“ mit der frühen Christenheit.

Das nötige Handwerkszeug

Wright vertritt einen „kritischen Realismus“. Er sieht in der Erkenntnistheorie und damit auch in der Auslegung des Neuen Testaments zwei Extreme und positioniert sich in der Mitte dieser Extreme. Auf der einen Seite gibt es den „Optimismus der positivistischen Position“ (S.59). Hier geht man davon aus, dass man die Wirklichkeit der Welt um uns herum und auch denn Sinngehalt von Texten auf ganz naive Weise direkt verstehen kann. Wenn ich etwas sehe oder lese, kann ich davon ausgehen, dass die Wirklichkeit auch dem entspricht, was ich sehe oder lese. Das andere Extrem ist die pessimistische Sicht von relativistischen Ansätzen „nicht zuletzt der Phänomenologie“ (S.61). „Das einzige, dessen ich mir sicher sein kann, wenn ich mit Dingen aus der (scheinbar) externen Welt konfrontiert werde, sind meine eigenen Sinneseindrücke.“ (S.61) Klassisch konservative Auslegungen des Neuen Testaments gehen eher vom ersten Extrem aus. Klassisch liberale Theologie geht eher von der zweiten Position aus.

Ein kritischer Realismus versucht die Wahrheit beider Ansätze zu vereinen. Wright geht positivistisch davon aus, dass es eine Wirklichkeit außerhalb seiner Sinneseindrücke gibt. Aber er geht auch kritisch davon aus, dass seine Sinneseindrücke die Wirklichkeit nicht völlig unverfälscht wahrnehmen können. Es gibt eine absolute Wirklichkeit, aber es gibt keinen direkten Zugang zu dieser absoluten Wirklichkeit. Aber aus Wrights Sicht ist es möglich, dass wir uns dem Erkenntnisobjekt zumindest annähern können. Wir haben Zugang zu der Realität „entlang des spiralförmigen Weges eines angemessenen Dialoges oder einer Konversation zwischen dem Erkennenden und dem zu erkennenden Gegenstand“ (S.62).

Auf das Lesen und Verstehen des Neuen Testaments übertragen heißt das also, dass wir keinen direkten Zugang zur Bedeutung des Textes haben. Aber wir können uns auf dem Weg des Dialoges zwischen Leser und Text der eigentlichen Bedeutung annähern. Wir haben also auch keinen direkten Zugang zu der historischen Wirklichkeit der Texte, aber wir können uns der historischen Wirklichkeit, die hinter den Texten steht, im Dialog annähern. Das wichtigste Element um in Dialog mit einem Text zu kommen, ist die Weltanschauung, aus der heraus auf der einen Seite der Text geschrieben ist und die auf der anderen Seite der Leser mit sich bringt. Sowohl der Text als auch der Leser ist in einer bestimmten Weltanschauung verankert und nur im kritischen Dialog kann sich der Leser dem Text annähern. Dieser Ansatz macht deutlich, dass es nicht so einfach ist, unsere weltanschauliche Brille beiseite zu legen, um einen Text neutral lesen zu können. Es bleibt immer eine spiralförmige Annäherung an den Text.

Wichtige Elemente um die Weltanschauung hinter einem Text zu verstehen sind für Wright vor allem die „Storys“, die eine Weltanschauung prägen. Storys sind sinndeutende Geschichten, welche eine einzelne Person, aber auch Gruppe von Personen oder eine ganze Kultur prägen. So kann z.B. eine Person von einem bestimmten Erlebnis in der Kindheit ein Leben lang geprägt sein und die Person erzählt sich selbst und anderen immer wieder diese prägende Geschichte, um sich selbst oder anderen zu verdeutlichen wer sie ist oder warum sie so ist wie sie ist. Es können auch umfangreichere Storys für Gruppen oder ganze Völker sein, wenn z.B. das französische Volk seine Identität immer wieder neu an der Story der der französischen Revolution bestimmt. Weitere wichtige Element der Weltanschauung sind Symbole und Praxis. In Symbolen können Weltanschauungen repräsentiert und gefestigt werden (z.B. die Freiheitsstatue von New York). Auch in praktischen Handlungen die ein Volk als sinnvoll und richtig oder als falsch erachtet kann ein Element der Weltanschauung deutlich werden. Von daher ist es wichtig herauszufinden, welche Storys, Symbole und praktischen Handlungen im Hintergrund der Welt des Neuen Testaments stehen.

Das Judentum des 1. Jh. innerhalb der griechisch-römischen Welt

Eine Grundthese von Wright ist, dass der christliche Glaube und das Neue Testament nur von seinen jüdischen Wurzeln her recht verstanden werden kann. Der christliche Glaube entstand aus einer jüdischen Kultur heraus und nicht aus einer hellenistischen Welt heraus. Die prägenden und grundlegenden Figuren unseres Glaubens waren Jesus und Paulus – und diese waren Juden. Auch wenn das Christentum nach und nach in einer griechisch-römischen Welt Fuß gefasst hat, so hat es nie seine jüdische Grundsicht von Gott und der Welt verloren. Deswegen ist es für das Verständnis des NT entscheidend, die Weltanschauungen des Judentums des 1. Jh. zu verstehen.

Zur sozialen Situation betont Wright die Vielfalt der gesellschaftlichen, politischen und religiösen Strömungen dieser Zeit. Er warnt davor, sich ein zu eindimensionales Bild der damaligen Gesellschaft zu machen. Es gibt nicht das eine Judentum des 1. Jh. sondern eine Vielfalt von Judentümern. Im Rückblick und aus unserer heutigen Perspektive neigen wir dazu, auch der Übersichtlichkeit halber, die Strömungen auf wenige klar voneinander abgegrenzte Gruppen zu begrenzen (z.B. Pharisäer, Essener, Priester, Sadduzäer). Diese unterschiedliche Richtungen stellt auch Wright dar, aber er stellt klar, dass damit nicht die ganze Vielfalt der jüdischen Gesellschaft abgebildet ist und dass ein Großteil der ganz normalen Juden nicht fest zu einer Gruppe dazugerechnet werden kann.

Trotzdem gab es in Grundzügen eine einheitliche Weltanschauung, welche vor allem von einer grundlegenden Story geprägt war. Diese zentrale Story lautet ungefähr so: Der Schöpfergott hat Israel berufen, um seine gefallene Schöpfung zu retten. Doch anstatt Gott gehorsam zu sein, ist Israel selbst gefallen und musste als Folge ins Exil. Nun muss Israel selbst erlöst werden, damit dann die ganze Schöpfung zu ihrem Ziel kommen kann. Eine Pointe von Wright ist, dass die Juden damals glaubten, dass das Exil noch nicht wirklich vorbei war. Das Volk wohnte zwar wieder im Land, aber unter fremder Herrschaft, sie waren im Grunde noch nicht wirklich befreit. Es war im 1. Jh. eine Erwartung da, dass Gott bald handeln würde, indem er Israel wirklich befreit und er durch Israel als Werkzeug wieder eine geordnete Schöpfung herstellt. In der Zwischenzeit war es vor allem wichtig, der Tora als der göttlichen Bundesurkunde treu zu bleiben.

Die wesentlichen Symbole mit denen diese Story verknüpft war, waren Tempel, Land, Tora und die Zugehörigkeit zum Volk Israel. Der Tempel ist der Ort, an dem Gott wohnt. Allerdings war er für die Juden des 1. Jh. ein mehrdeutiges Symbol: Zum einen war er „Brennpunkt des nationalen, kulturellen und religiösen Lebens“ (S.290), zum anderen war die Legitimation der hasmonäischen Priesterschaft umstritten und der Tempel war außerdem nicht von einem rechtmäßigen Nachkommen Salomos erbaut worden, sondern von Herodes. Auch das Land war als Symbol mehrdeutig: Die aus dem Exil zurückgekehrten Israeliten wohnten darin, aber sie regierten das Land nicht selbst. Das Praktizieren der Tora wurde vor allem durch die Diasporaerfahrung „zum Brennpunkt der jüdischen Identität“ (S.292). Durch die Mehrdeutigkeit von Tempel und Land wurde die Tora im 1. Jh. zu einem noch wichtigeren Symbol. Die ethnische Identität wurde vor allem durch das Bundeszeichen der Beschneidung und das Verbot von Mischehen zu einem abgrenzenden Identitätsmerkmal. In der Praxis drückte sich die Weltanschauung dann vor allem in den großen Festen, dem Studium der Tora und dem Praktizieren der Tora aus.

Auf theologischer Ebene wurde die Weltanschauung durch drei grundlegende Überzeugungen untermauert: Monotheismus, Erwählung und Eschatologie. Es gibt nur einen Schöpfergott, dieser hat mit Israel einen Bund geschlossen, um dadurch wieder Gerechtigkeit und Frieden auf der Welt herzustellen. Weil das noch nicht geschehen ist, lebt man in der eschatologischen Hoffnung, dass Gott handeln wird und Israel erretten wird. Erlösung und Vergebung der Sünden ist dabei nicht in erster Linie ein individuelles Problem, sondern ein nationales. Ein eschatologisches Eingreifen Gottes bedeutet dann auch in erster Linie eine nationale Wiederherstellung und Herrschaft Israels zum Wohl der ganzen Welt.

Eschatologische Hoffnung bedeutet nach Wright für das Judentum des 1. Jh. also nicht die Hoffnung auf eine neue und andere Welt, sondern auf die Wiederherstellung der ursprünglichen und guten Schöpfung innerhalb der bestehenden Welt. Es gibt „mehr oder weniger keine Belege dafür, dass Juden das Ende des raum-zeitlichen Universums erwarteten.“ (S.424) Die entscheidende soteriologische Frage war dann auch nicht, was der einzelne tun muss, um vor Gott als gerecht zu gelten, sondern was der einzelne tun muss, um im Bund der Erwählten zu bleiben und so an der zukünftigen Errettung teilzuhaben. Wie das konkret aussah, konnte dann von unterschiedlichen Gruppen auch unterschiedlich beantwortet werden.

Das erste christliche Jahrhundert

Auch hier mahnt Wright zunächst zur Demut: „Über die Geschichte der Kirche von 30 bis 135 n. Chr. wissen wir viel weniger als über das Judentum zur Zeit des zweiten Tempels.“ (S.435) Ganz einfach deswegen weil wir außer dem Neuen Testament und ein paar Hinweisen in anderen Schriften kaum Quellen haben. Deswegen wurde im Lauf der Forschungsgeschichte über die Zeit der ersten Christen auch so viel und so wild spekuliert.

Praxis und Symbole der frühen Christen behandelt Wright nur relativ kurz. Bei der Praxis ist das Erstaunlichste die schnelle Verbreitung des christlichen Glaubens in der damaligen Welt – dies zeigt mehr als alle theologischen Begründungen, dass die Mission von Anfang an zum Wesen des Glaubens dazu gehörte. Neben der Mission waren in der Praxis v.a. die Sakramente, der Gottesdienst und ein klarer ethischer Kodex wichtig. Die jüdischen Symbole von Tempel, Land, Tora und Volk wurden von den Christen so nicht übernommen, sondern radikal neu interpretiert. Ins Zentrum rückte das Kreuz als Symbol.

Die Story welche die frühen Christen erzählten nimmt für Wright einen zentralen Platz ein. Als Fazit eines kurzen Durchgangs durch die wichtigsten neutestamentlichen Schriften hält er fest: „Der Großteil der kanonischen Schriften […] bezeugt eine Wahrnehmung der Welt, ihres Schöpfers und ihrer Erlösung, die die Form der Nacherzählung der grundlegenden jüdischen Story annimmt, die nun auf Jesus fokussiert wird.“ (S.530) D.h. dass die Christen keine neue Story erfinden, sondern die vorhandene Story der Juden auf Jesus zuspitzen und mit ihm im Zentrum weitererzählen. Das was die jüdische Welt im 1. Jh. erhofft und erwartet, hat sich in Jesus erfüllt. Die Geschichte von Jesus ist nicht die biographische Geschichte eines imposanten Religionsgründers, sondern sie ist nichts anderes als die jüdische Story, die in Jesus ihren Höhepunkt findet.

Das hat eine Reihe von Implikationen. Es geht nicht um eine abstrakte Lehre (wie z.B. die Liebe oder Gnade Gottes), sondern um eine Story. Das Wesen des Christentums ist mit der Geschichte verknüpft. Gott handelt in der Geschichte Israels und in der Geschichte Jesu. Das betont noch einmal die Wichtigkeit unserer Schöpfung. Gott handelt in unserer raum-zeitlichen Welt. Hier geschieht Erlösung. Es geht Gott um diese Welt und nicht um eine ferne, neue und ganz andere Welt. Das bedeutet auch, dass wir mit einer gewissen historischen Zuverlässigkeit der in der Bibel überlieferten Geschichte Israels und Jesu rechnen müssen. Wenn alles fiktiv wäre, dann würde die ganze Weltanschauung in sich zusammenfallen. Oder anders herum gesagt: Die jüdische und christliche Weltanschauung kann man aus historischer Sicht gar nicht anders erklären, als wenn man davon ausgeht, dass zumindest im Großen und Ganzen die Bibel ihre Sicht von tatsächlichen historischen Ereignissen überliefert. Sonst hätte dieser Glaube gar nicht entstehen und so lange bestehen können.

Wrights Ansatz hat auch Auswirkungen auf die Verwendung exegetischer Methoden. Im Blick auf die Formkritik führt er aus, dass man im Gefolge von Bultmann von falschen historischen Gegebenheiten ausgegangen ist. Es gehe nicht darum, das Evangelium von jüdisch-apokalyptischer Sprache und Vorstellungen zu entmythologisieren, sondern darum die mythologische Sprache richtig zu deuten. Im jüdischen Kontext wurde die mythologische Sprache der Apokalyptik gerade nicht gebraucht, um Volksmärchen weiterzuerzählen, sondern um auf tatsächliche Ereignisse zu verweisen und ihnen durch diese Sprache übergeschichtliche Bedeutung beizulegen. So wie z.B. im Danielbuch in mythologischen Bildern auf vier real existierende Weltreiche verwiesen wurde, um damit die übergeschichtliche Bedeutung der historischen Ereignisse zu verdeutlichen.

Wright lehnt aber nicht die Formkritik an sich ab, sondern will sie aus dem richtigen Blickwinkel her betreiben. Wenn man davon ausgeht, dass die christliche Botschaft in einem jüdischen Kontext geboren wurde und dann in eine hellenistische Welt hinein wirkte, dann muss man davon ausgehen, dass eine weltanschaulich jüdisch geprägte Botschaft mit der Zeit eher hellenisiert wurde (und nicht umgekehrt). Dabei betont Wright immer wieder, dass die grundlegende Story die jüdische Story geblieben ist, die dann aber auf Jesus zugespitzt wurde und mit der Zeit auch in hellenistischer Sprache ausgedrückt werden konnte. Logisch ist für Wright deshalb auch, dass das Thomasevangelium mit seinen griechisch anmutenden Spruchweisheiten ein spätes Stadium der Tradition wiederspiegelt. Beim Thomasevangelium fehlt das Wesentliche: die Story Jesu – es geht nur noch um eher abstrakte Spruchweisheiten.

Zusammenfassend hält Wright über die Christen des 1. Jh. folgendes fest: Es gab in dieser Zeit eine erstaunliche Ausbreitung des christlichen Glaubens. Das lag nicht an einer auf die Hörer zurecht gestutzten Theologie. Im Gegenteil, es wurde weiterhin die jüdische Story erzählt, aber nun auf Jesus zugespitzt. Motivation zur Mission war neben einer neuen religiösen Erfahrung v.a. die enge und familiäre Gemeinschaft der Christen. Dabei gab es keine Gemeinschaft „ohne Probleme und Streitigkeiten“ (S.573), es gab nicht die normative Urchristenheit, sondern wir müssen davon ausgehen, „dass die frühe Christenheit viel vielfältiger, viel weniger logisch und ordentlich war, als wir vielleicht annehmen möchten“ (S.577). Der theologische Rahmen der Christen war von der jüdischen Story vorgegeben. Der entscheidende Unterschied ist, dass die Christen glaubten, „dass die jüdische Hoffnung bereits erfüllt worden ist“ (S.581).

Fazit

Ich finde Wrights Buch auf jeden Fall eine große Bereicherung. Sein Gesamtansatz überzeugt mich, wobei ich dann in einzelnen Schlussfolgerungen dann durchaus meine Zweifel und Anfragen habe. Besonders gefallen hat mir, dass Wright ein Theologe ist, der das große Bild sucht. Er verliert sich nicht in Einzelheiten und Detailfragen, sondern behält gerade durch seinen narrativen Ansatz das große Ganze im Blick. Das ist gerade in der universitären Theologie ein Problem: vor lauter Bäumen sieht man den Wald nicht mehr, vor lauter Spezialuntersuchungen und -erkenntnissen hat niemand mehr den Mut, auf einfache Weise das Ganze zu beschreiben. Wright zerpflückt das Neue Testament nicht, so dass man am Ende vor einem verwirrenden Scherbenhaufen steht, sondern er setzt die unterschiedlichen Teile zu einem passenden Mosaik zusammen.

Nachdem in der neutestamentlichen Theologie lange hellenistische und gnostische Einflüsse betont wurden, ist wohl inzwischen den meisten klar, dass die jüdischen Hintergründe sehr viel wichtiger für das Verständnis der ersten Christen sind. Das hat auch Wright erkannt und er setzt diese Erkenntnis konsequent um. Als Schlussfolgerung ergibt sich daraus auch ganz logisch ein narrativer Ansatz. Wer die Bibel liest, merkt ganz automatisch, dass es hier nicht um zeitlose Ideen geht, die auf die Erde gefallen sind, oder um philosophische Spekulationen, die sich weise Denker ausgedacht haben. Nein, die Bibel und ihre Theologie hat einen erzählenden Grundcharakter. Es werden Geschichten erzählt und in diesen Erzählungen ist die Theologie verpackt. Ganz richtig betont Wright hier, dass darum die ganze biblische Theologie in sich zusammen fallen würde, wenn all diese in der Geschichte spielenden Ereignisse völlig fiktiv wären. Es ist grundlegend für den Glauben der Bibel, dass Gott in der Geschichte tatsächlich gehandelt hat.

Probleme habe ich mit Wrights grundsätzlicher Kritik an der reformatorischen Rechtfertigungslehre. Ich gebe zu, dass ich wahrscheinlich weder die reformatorische Rechtfertiungslehre noch Wright so gut verstehe und durchdringe, um das wirklich beurteilen zu können. Aber seine neue Paulusperspektive scheint mir doch zu radikal die Erkenntnisse der Reformation zu relativieren. Sicher hat Luther Paulus sehr von seiner individuellen Glaubenserfahrung her gelesen und gedeutet, aber eine individuelle Perspektive der Rechtfertigungslehre des Paulus völlig abzuwerten, halte ich für übertrieben.

Ähnlich geht es mir mit der Betonung der innerweltlichen eschatologischen Hoffnung. Auch da gebe ich zu, dass wir die Bibel wohl zu sehr aus einem hellenistischen Gegensatz von Geist und Materie gelesen haben. Aber alle eschatologischen Hoffnungen nur auf das Hier und Jetzt zu setzen, scheint mir zu wenig zu sein. Das könnte man verdeutlichen mit der Auferweckung des Lazarus. Jesus hat ihn ins irdische Leben zurück geholt. Das ist toll und fantastisch! Aber irgendwann starb er dann doch wieder. Haben sich mit diesen paar Jahren mehr irdischer Lebenszeit alle eschatologischen Hoffnungen der Bibel erfüllt? Das ist mir zu wenig.

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