Matthäus 6, 5-8 – Zeitgebundenheit der Bibel

Noch zwei Anweisungen Jesu, die ich gut und gerne befolgen kann: Wir sollen nicht in der Öffentlichkeit beten und wir sollen nicht viele Worte beim beten machen. Das kommt mir beides sehr entgegen: In der Öffentlichkeit beten ist ja sowieso peinlich, da kann ich gern drauf verzichten und ewig viel herumplappern beim beten ist auch nicht mein Ding, ich bin nicht so der geschwätzige Typ…

Tja, diese zwei Gebote sind schöne Beispiele dafür wie irreführend es sein kann, wenn man biblische Anweisungen aus ihrem zeitgeschichtlichen Kontext herauslöst und sie in einem vermeintlich buchstäblichen Gehorsam umsetzen will. Wenn ich diese Anweisungen einfach direkt in unsere heutige Zeit und Kultur übertrage, dann sind sie kein Problem. Aber wenn ich den zeitgeschichtlichen und kulturellen Hintergrund betrachte und auf die Aussageabsicht schaue, dann wird es schon schwieriger.

Es geht Jesus um die Heuchelei. Frommer ausschauen, als man ist und vor den anderen damit auch noch angeben. Im Buch „unchristian“ von Kinnaman und Lyons wird genau diese Scheinheiligkeit und Heuchelei auch als ein zentrales Problem des heutigen Christseins gesehen. Nur äußert sich das heute anders. Heute erhält niemand einen Ansehensgewinn, wenn er in der Öffentlichkeit betet (wie es wohl damals bei den Pharisäern war: „Wow, seht mal wie viel der betet! Das ist ja super!“), im Gegenteil: Wer sich öffentlich als frommer Beter outet, wird eher schräg angeschaut und man lächelt müde über ihn. Die buchstäbliche Erfüllung von Jesu Anweisung ist deshalb kein Problem. Aber wenn man es in unsere heutige Zeit überträgt, dann gewinnt dieses Gebot eine ganz neue Dimension: Denn es wird auch heute noch geheuchelt. Wir Christen geben viel zu oft vor, besser zu sein, als wir es tatsächlich sind.

Ich weiß, wie leicht man mit einer zeit- und kulturgebundenen Auslegung auch biblische Gebote aushebeln und relativieren kann. Vom Prinzip her lässt sich damit jede etwas anspruchsvolle und kritische Bibelstelle auf die Seite schieben. Aber wenn man’s nicht tut, dann kann man genauso gegen den eigentlichen Sinn der Gebote verstoßen und ihn beiseite schieben. Wir kommen nicht darum herum, uns über den damaligen Zusammenhang Gedanken zu machen und uns dann zu überlegen, was das heute heißen könnte.

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