Matthäus 15, 1-20 – Kleinkarierte Traditionalisten

Köstlich, wie Jesus hier mit seinen Kritikern umgeht. Da sind ein paar besonders fromme Leute, denen es nicht passt, dass die Jünger Jesu die traditionellen Reinheitsvorschriften nicht genau genug befolgen. Jesus geht gar nicht auf die Kritik ein, sondern hält den Kritikern den Spiegel vor: Bei euch ist es noch viel schlimmer! Ihr übertretet zwar nicht irgendwelche tradtionellen Vorschriften, aber ihr übertretet Gottes Gebote selbst. Und dann führt er aus, dass man Reinheit vor Gott nicht mit äußerlichen Handlungen herstellen kann, sondern dass dafür ein reines Herz notwendig ist.

Ich könnt jetzt wunderbar über die viele kleinkarierten Traditionalisten schimpfen, die es auch heute noch bei den besonders Frommen gibt. Leute, die so sehr in ihren Traditionen gefangen sind, dass sie die lebendige Quelle längst verloren haben. Aber das ist immer das einfachste und bequemste: Einen Bibeltext auf die anderen abschieben und sich selbst aus der Schusslinie nehmen. Wie sieht’s denn bei mir aus? Gibt’s in meinem Glauben nicht auch manches Eingefahrene, über das ich gar nicht mehr nachdenke? Gibt’s da nicht auch viele Bereiche, wo ich weit weg von der lebendigen Quelle bin?

Auch übrigens: Manchmal kann die Ablehnung aller Tradition auch zu einer Tradition werden, die nur noch aus Prinzip geschieht und nicht mehr danach fragt, was Gott eigentlich will. Manchmal kann das Bedürfnis alles anders zum machen als die Glaubenväter und -mütter auch zu einem unhinterfragbaren Postulat werden, durch das auch viele gute Tradtionen einfach aus Prinzip über Bord geworfen wird… Jesus sagt ja nicht, dass alle Tradition schlecht ist, sondern nur wenn sie Gottes ursprünglichem Willen widerspricht. Und oft bilden sich gerade an den Stellen, wo man unüberlegt alle Traditionen über Bord wirft, sehr schnell neue fragwürdige Traditionen.

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