Matthäus 12, 22-30 – Jesus wird verteufelt

Noch einmal eine Auseinandersetzung mit den Pharisäern. Dieses mal geht es aber nicht um Gesetzesfragen und die Einhaltung des Sabbatgebots, sondern es geht um die Frage nach Jesu Vollmacht. Jesus heilt nicht nur, sondern er treibt auch böse Geister aus. Welche Macht steht dahinter? Für die Pharisäer ist klar: Jesus und seine Jünger übertreten (nach ihrem Verständnis) Gottes Gebote, er tritt mit einem messianischen Anspruch auf und viele Leute laufen diesem Wunderheiler und charismatischen Prediger nach – das kann nicht von Gott her kommen. Und wenn es nicht von oben kommt, dann kommt es natürlich von unten: Jesus treibt die bösen Geister durch die Bevollmächtigung des Satans selbst aus.

Ich kann da die Bedenken der Pharisäer durchaus nachvollziehen: Sie waren in ihrem Denk- und Glaubenssystem gefangen. Um Jesus wirklich als Sohn Gottes zu erkennen, hätten sie ganz grundlegende Erwartungen und Überzeugungen über Bord werfen müssen. Sie warteten ja auch auf den Messias. Und im Alten Testament ist es alles andere als eindeutig, dass der Messias in Schwachheit und Einfachheit kommen wird. Sie warteten aufgrund viele alttestamentlichen Stellen auf einen König und mächtigen Herrscher, der Frieden und Gerechtigkeit herstellen wird. Jesus erfüllte diese Erwartungen nicht – und da liegt es nahe, ihn als Verführer zu sehen.

Diese Reflexe gibt es ja bis heute. Zum Beispiel seit dem Anfang der Pfingstbewegung – als Dinge geschahen, die nicht ins Raster mancher Gläubigen passten; wo Gott anders handelt als erwartet – gibt es immer wieder Stimmen die rufen: „Das ist nicht von oben, sondern von unten!“ Das ist eine ähnliche Reaktion wie bei den Pharisäern: „Das kenn ich nicht – das kann nichts Gutes sein!“ Dieses Verteufeln gibt es natürlich nicht nur in einer Richtung, sondern das geht bis heute kreuz und quer durch alle kirchlichen Lager und Richtungen.

Mir zeigt dieses Geschichte, dass ich mit solchen Urteilen vorsichtig sein sollte. Gott kann durchaus anders handeln als es meinem Denk- und Glaubenssystem entspricht. Auch wenn ich mit bestem Wissen und Gewissen meine Bibel lese und versuche zu verstehen, kann ich zu falschen Schlüssen kommen. Das heißt nicht, dass wir alles Neue einfach unkritisch stehen lassen und über alle ungewöhnlichen Frömmigkeitsäußerungen sofort jubeln: „Ja, das kommt von Gott! Preist den Herrn!“ Aber es heißt, dass wir auch damit rechnen, dass wir uns in unserem Urteil irren können.

Was die Sache heute noch schwieriger macht ist ja, dass bei Jesus die Sache im Nachhinein ja klar war: Das war alles von oben, er war der Sohn Gottes und hat zu hundert Prozent in Gottes Vollmacht gehandelt. Zum einen haben wir in der Gegenwart nicht diese Perspektive, dass wir zurückblicken können (im Nachhinein sind wir auch heute meist schlauer). Und zum anderen geht es heute ja nicht mehr um den leibhaftigen Jesus, der über die Erde wandelt, sondern um Menschen und menschliche Gruppierungen, bei denen sich die Motive und Hintergründe immer mischen. Bei allen Christen und christlichen Gruppierungen vermischt sich Göttliches mit Menschlichem und wahrscheinlich hat viel zu oft auch der Satan seine Finger noch mit im Spiel. Bei keinem von uns handelt immer nur zu hundert Prozent Christus.

So, das ist jetzt etwas länger geworden als geplant. Kurz gesagt ist mir wichtig: Vorsicht mit dem „Verteufeln“ anderer!

Bewerte diesen Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.