Mary Glazener: Der Kelch des Zorns

Ein Buch, das man unbedingt lesen sollte. Wir alle haben schon von Dietrich Bonhoeffer gehört, jeder Schüler begegnet ihm im Religions- oder Konfirmandenunterricht. Aber die trockenen Eckdaten seines Lebens können nicht ersetzen, was uns die Autorin hier auf gut fünfhundert Seiten eindrucksvoll ausbreitet.

Das Buch erzählt die letzten gut zehn Jahre im Leben des Dietrich Bonhoeffer in Romanform. Es ist ein packender Bericht über die Kämpfe Bonhoeffers: mit seiner Kirche, mit den politischen Geschehnissen, aber auch mit sich selbst und mit Gott. Es ist keine trockene Biographie, sondern eine dramatische Nacherzählung der Geschehnisse. Soweit ich es beurteilen kann, ist es trotzdem gut und zuverlässig recherchiert.

Der Roman ist sprachlich gesehen keine Besonderheit, aber er erzählt spannend und mit fesselnder Dramaturgie aus dem Leben Bonhoeffers. Ohnehin gewinnt der Roman aus seinem Gegenstand seine besondere Kraft. Es ist einfach immer wieder beeindruckend und für uns lasche Christen heute oft beschämend, mit welcher Kraft und Hingabe Bonhoeffer seinen Glauben gelebt hat. Natürlich war auch er nur ein Mensch mit all seinen Fehlern und Schwächen. Er wäre der letzte, der sich gerne als makelloser Heiliger verehren ließe. Aber gerade in seiner Schwachheit beeindruckt die Konsequenz seiner Nachfolge.

Ich habe auch den Film über Bonhoeffer gesehen, in welchem auch seine letzten Lebensjahre beschrieben werden. Im Buch wird naturgemäß alles breiter und deutlicher erzählt. Auch das Innenleben Bonhoeffens wird deutlicher. Was mir im Vergleich zum Film besonders aufgefallen ist: wie tief Bonhoeffer auch aktiv in die Widerstandsbewegung verwickelt war. Bonhoeffer war nicht nur am Rand des politischen Widerstandes, sondern gehörte zum innersten Zirkel. Das ist erstaunlich, dass sich ausgerechnet ein lutherischer Theologe, der sich von seinem Hintergrund her bequem aus dem Reich des Staates heraus halten hätte können und sich stattdessen auf die geistlichen Dinge, auf das Reich der Kirche hätte konzentrieren können, dass ausgerechnet solch ein Theologe sich so tief in die Niederungen der Politik herab gelassen hat! Aber Bonhoeffer hat als einer der wenigen in der damaligen Kirche ganz klar erkannt, dass sich Glaube nicht auf schöne und beschwichtigende Worte beschränkt, sondern dass Glaube auch der Mut zum Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Gewalt beinhaltet.

Auch das wird in dem Roman schön deutlich: Er hätte sicher einen bequemen Ausweg finden können. Er hätte den Krieg überleben können und er hätte sicher noch bis heute bedeutsame theologische Arbeit leisten können. Aber es war für ihn eine Gewissensfrage: er sah seinen Platz in Deutschland, um dort selbst gegen den Unrechtsstaat kämpfen zu können. Was hat er und seine Familie alles ertragen müssen, wegen dieser mutigen Entscheidung!

Eine Begebenheit, welche im Roman erzählt wird und welche nichts mit Politik zu tun hatte, hat mich besonders beeindruckt. In seinem Predigerseminar hat Bonhoeffer die Wichtigkeit der persönlichen Beichte hervorgehoben. Als Lutheraner der damaligen Zeit hatten weder er noch seine Schüler praktische Erfahrungen mit der Beichte. Aber aus seiner Beschäftigung mit der Schrift ist Bonhoeffer klar geworden, dass es wichtig ist, seine Sünden nicht nur Gott zu beichten, sondern auch konkret einem Bruder. Das hat er dann auch konkret von seinen Seminaristen gefordert. Das erstaunliche war, dass auch er selbst die Beichte erst einüben musste. Und zwar nicht bei einem älteren und erfahrenen Geistlichen, sondern er hat sich seinen Schüler Eberhard Bethge als „Beichtvater“ heraus gesucht. Er hat ihm nicht nur einige oberflächliche Sünden erzählt, sondern ihm von seinen inneren Kämpfen und Nöten erzählt. Ein Theologieprofessor beichtet seinem Schüler! Einem Schüler, dem er auch danach täglich begegnet ist und der einer seiner besten Freunde wurde. Wie viel Demut gehört zu solch einer Handlung! Diese kleine Begebenheit zeigt, wie ernst Bonhoeffer nicht nur über die Nachfolge gelehrt und geschrieben hat, sondern sie auch selbst praktiziert hat.

Wer meint, er hat in seinem Leben und Glauben mit schwierigen Problemen zu kämpfen, wer meint, er verstehe Gottes Wege nicht, wer meint, dass Gott oder die Umstände sein Leben besonders schwer machen, der sollte dieses Buch lesen – das wird einiges zurecht rücken. Und alle anderen sollten es auch lesen, um aus einem selbstzentrierten und bequemen Christsein aufgerüttelt zu werden.

(Amazon-Link: Glazener: Der Kelch des Zorns)

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