Martin Walser: Seelenarbeit

Ein gut geschriebener, ja ein brillant geschriebener Roman, aber – zumindest für mich – nicht besonders vergnüglich zu lesen. Walser nimmt den Leser mit hinein in die verquere Gedankenwelt des Chauffeurs Xaver Zürn. Schon der Name drückt etwas von seinem Charakter aus: Xaver steht für eine gewisse bäuerlich-ländliche Engstirnigkeit und Verschwiegenheit (über Gefühle redet man nicht, schon gar nicht über seine eigenen) und Zürn deutet den tief sitzenden Zorn auf sich selbst und auch das Leben an, der immer wieder an die Oberfläche hinauf brodeln will.

Was mir gefällt ist, dass Walser sich ganz auf diesen einen Charakter konzentriert. Es tauchen auch noch andere Personen auf – seine Frau, die zwei jugendliche Töchter, verschiedene Verwandte und vor allem sein Arbeitgeber – aber Walser fokussiert seinen Roman auf eine Charakterstudie dieses einen Menschen. Für mich sind solche Romane besser lesbar, als welche in denen unzählige Personen beschrieben werden, in denen sich tausende von Geschehnissen ereignen und in denen womöglich noch unterschiedlich Zeitebenen und Perspektivenwechsel vorkommen.

Walser gelingt es erstaunlich und erschreckend gut, den Leser in die Gedankenwelt dieses Xaver Zürn mit hinein zu nehmen. Ich hab mehrere Male beim Lesen gedacht: Wann kommt endlich die Wende? Wann kommt dieser arme, in seinen abgründigen, manchmal größenwahnsinnigen und manchmal selbstzerstörerischen Gedanken gefangene Mensch endlich zur Vernunft? Aber erst ganz am Ende taucht ein kleiner Lichtschimmer auf. Von daher ist das kein „Feel-good“-Roman, sondern ein Buch, durch das man sich auf gewisse Weise durch quälen muss – aber das ist gerade die große Kunst, die Walser hier gelingt: Dass der Leser mit der Hauptfigur mitleidet, dass der Leser miterlebt, wie sich dieser Xaver Zürn durch’s Leben quält.

Mir wurde durch diesen Roman deutlich, wie sehr man sich selbst das Leben schwer machen kann, wenn man alles nur auf sich bezieht und wenn man immer mit dem Schlimmsten rechnet. Ich bin ja wahrlich kein Freund von positivem Denken, das alleine greift zu kurz. Aber eine positive Einstellung zum Leben und zu sich selbst erleichtert doch vieles.

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