Mario Vargas Llosa: Der Krieg am Ende der Welt

Puuuh! Was für ein Roman! Schon allein vom Umfang her ist er ziemlich lang (über 700 Seiten im Taschenbuch). Aber auch vom Inhalt her nicht gerade leicht verdaulich und der Schreibstil ist nicht unbedingt zum Überfliegen geeignet. An so manchen Stellen musste ich mich durchkämpfen und manches ist etwas langatmig geraten – aber trotz allen Einschränkungen ist es ein genialer Roman. Ich bin froh, dass ich bis zum Ende durchgehalten habe!

Es geht um eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Brasilien die Republik ausgerufen. In einer abgelegenen Provinz regt sich Widerstand. Allerdings nicht aus politischen Motiven, sondern auf religiösem Hintergrund. Die zentrale Figur des Buches ist der sogenannte „Ratgeber“. Er hieß Antônio Conselheiro, wird aber wegen seines Wirkens von den Menschen nur der Ratgeber genannt. Er war Wanderprediger, der durch die Lande zog, den Armen und Ausgestoßenen predigte, den Menschen Ratschläge erteilte und dem sich im Lauf der Zeit immer mehr Menschen anschlossen.

Er ließ sich mit seinen Anhängern schließlich in Canudos nieder, wo sie eine auf christlicher Brüderlichkeit basierende Stadt aufbauten. Es gab keinen Privatbesitz, jeder wurde von der gemeinsamen Habe ernährt und versorgt. Jeder durfte kommen, auch ehemalige Banditen, Räuber und Verbrecher – solange sie zu Jesus Christus gefunden hatten. Der Ratgeber hatte eigentlich keine politischen Absichten, stellte sich aber aus verschiedenen praktischen Gründen gegen die Republik. So wurde z.B. durch die Republik die Zivilehe eingeführt. Das ganze kommt zu einem großen Kampf zwischen den Aufständischen und der Staatsmacht, die nach drei fehlgeschlagenen Militärexpeditionen schließlich die gesamte Streitmacht gegen die religiösen Fanatiker aufbringt.

Ich finde es sehr gelungen, wie Llosa diese zunehmende Zuspitzung der Gewalt darstellt. Er beschreibt das Ganze recht neutral und differenziert, ohne durch seine Darstellung die eine oder andere Seite deutlich zu bewerten. Dieser beobachtende Standpunkt wird auch formal unterstrichen, indem er oftmals dasselbe Geschehen aus den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten erzählt. Das macht das Buch oft auch schwierig zu lesen, weil viele Personen vorkommen und die Perspektive dann auch immer wieder wechselt. Natürlich kommt nicht nur das große Ganze in den Blick, sondern es werden in verschiedenen Erzählsträngen auch Einzelschicksale verfolgt.

Faszinierend war für mich, wie in dem Buch deutlich wird, wie problematisch es werden kann, wenn religiöse und politische Sichtweisen unreflektiert vermischt werden. Der Ratgeber und seine Gefolgsleute hatten einen tiefen und ehrlichen Glauben. Mit bewundernswerter Hingabe wollten sie ihren Glauben an Jesus Christus leben. Aber gerade diese radikal religiöse Sichtweise der Welt, vermischt mit einer apokalyptischen Erwartung des großen Kampfes gegen das Böse am Ende der Welt, führt dann auch in den tragischen Untergang… Auf der anderen Seite haben die politischen und militärischen Kräfte überhaupt keine Antenne für die religiöse Motivation der Aufständischen. Für sie bleiben sie einfach unmenschliche Barbaren, die sich einem bestimmten politischen System widersetzen.

Was ich allerdings etwas schade fand ist, dass die Figur des Ratgebers letztendlich doch ungreifbar und mythisch bleibt. Was hat tausende von Menschen an diesem einen Mann so fasziniert, dass sie bereit waren alles für ihn aufzugeben? Diese Frage ist wahrscheinlich gar nicht zu beantworten, aber dadurch bleibt der Ratgeber insgesamt doch relativ blass in dem Buch.

Historische Romane sind eigentlich nicht so mein Ding, aber diesen habe ich mit Genuss verschlungen! Er ist gut geschrieben und nach allem was ich dazu gelesen habe, wohl auch nahe an der historischen Wirklichkeit. Das Buch eröffnet einen lebendigen und umfangreichen Einblick in die dramatischen Ereignisse, die beschrieben werden. Sehr lesenswert!

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