Leo Tolstoi: Auferstehung

Tolstoi: AuferstehungSchon vor einiger Zeit habe ich dieses Buch von Tolstoi gelesen. Nachdem ich von „Krieg und Frieden“ begeistert war, hatte ich mich auf diesen Roman gefreut. Tolstoi hat drei große Romane geschrieben. Auferstehung ist nach „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ der zeitlich letzte davon. Es ist das Alterswerk des großen russischen Schriftstellers. In dem Roman spürt man deutlich seine Hinwendung zu einem moralisch verstandenen Christentum, das sich vor allem an der Feindesliebe der Bergpredigt orientiert.

Bei der „Auferstehung“ geht es Tolstoi nicht um die leibliche Auferstehung Jesu Christi oder um die biblische Auferstehungshoffnung am Ende der Zeiten. Es geht um eine moralische Auferstehung, es geht um die Läuterung zu einem besseren Menschen. Der biblische Jesus ist für Tolstoi ein Lehrer der Nächstenliebe. Er hat für ihn keine göttliche Erlösungsmacht, sondern ist eher ein Vorbild.

In seinem Roman beschreibt Tolstoi die Lebensgeschichte eines russischen Adligen mit Namen Nechljudow. Er hatte als junger Mann das Mädchen Maslowa verführt, sich dann aber nicht weiter um sie gekümmert. Bei einem Gerichtsprozess, bei dem er als Geschworener beteiligt ist, erkennt er die Frau wieder. Sie war inzwischen Prostituierte geworden und wird des Mordes angeklagt. Maslowa wird trotz ihrer Unschuld verurteilt und zu Zwangsarbeit in der Verbannung verurteilt. Für Nechljudow wird dieses Fehlurteil zu einem Wendepunkt in seinem Leben. Er erkennt seine eigene Schuld am Schicksal der Maslowa und versucht mit allen Mitteln, das Urteil revidieren zu lassen. Das gelingt ihm aber nicht. Er bietet der Frau sogar die Ehe an, um seine Schuld zu sühnen – welches diese aber ablehnt. Auch für sie wird die Erfahrung ein Anlass, um ihr Leben durch moralisches Handeln zu läutern.

Tolstoi ist auch im Alter noch ein guter Erzähler. Er hat eine hervorragende Beobachtungsgabe und versteht es, innere Vorgänge seiner Hauptfiguren durch Erzählen deutlich werden zu lassen. Aber insgesamt ist mir dieser Roman zu moralisierend. Bei „Krieg und Frieden“ stand die Geschichte im Vordergrund und dahinter hat Tolstoi auch seine Ansichten transportiert. Hier scheint es umgekehrt zu sein: Tolstois hohe und letzen Endes unrealistischen Moralanforderungen stehen im Vordergrund und die erzählte Geschichte ist nur das Vehikel, um seine Ansichten zu transportieren. Schade!

Ich habe mich auch ein wenig mit dem Leben Tolstois befasst und da wurde mir auch deutlich, wie sehr er sich in seiner zweiten Lebenshälfte in einen religiös-moralischen Fanatismus hinein gesteigert hat, welcher ihn selbst und andere überfordert. Tolstoi war als junger Mensch unruhig und unzufrieden. Er hatte dann irgendwann all seine Träume verwirklichen können – er war berühmter Schriftsteller, verheiratet und Vater von vielen Kindern. Aber er wurde die innere Unruhe nicht los. Dann kam es zu einer religiös-moralischen Wende. Er wollte ein besserer Mensch werden und die Gebote der Bergpredigt konsequent leben.

Im Alter wurde er dann von anderen und auch von sich selbst zum lebendigen Heiligen hochstilisiert. Er hatte viel Gutes bewirkt, indem er sich für Arme einsetzte. Aber sein moralischer Anspruch war so hoch, dass er selbst merkte, dass er ihm nicht wirklich gerecht werden konnte. Ich fürchte das ist die logische Konsequenz, wenn man die Forderungen des Neuen Testaments nur auf Moral reduziert und das Leben aus der Vergebung durch Jesu Kreuzestod streicht… Dann sind wir mit der Forderung selbst aus dem Tod zu neuem Leben aufzuerstehen überfordert. Und genau diese Überforderung spiegelt sich für mich in diesem Roman auch wider.

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