Leo Tolstoi: Anna Karenina

Tolstoi: Anna KareninaEiner der bekanntesten Romane der Weltliteratur mit einem der bekanntesten Anfangssätze: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Obwohl ich das Buch schon vor längerer Zeit einmal gelesen habe, war mir der Sinn dieses Beginns noch nie so richtig deutlich. Nach dem Wiederlesen des Romans wird er mir zum ersten mal etwas klarer. Damit eine Ehe und Familie glücklich sein kann, müssen viele Faktoren zusammen kommen. Weil so vieles passen muss, ähneln sich die glücklichen Ehen. Für eine unglückliche Ehe und Familie genügt es aber, dass nur ein Faktor nicht erfüllt ist. Es kann viele verschiedene Ursachen haben, die zu einer unglücklichen Ehe führen. Insofern ist jede unglücklich Familie auf ihre eigene Weise unglücklich.

Tolstoi entfaltet diese Quintessenz seines Romans anhand von drei russischen Familien bzw. Ehen. Die titelgebende Hauptfigur Anna Karenina ist in ihrer Ehe mit dem spröden und pflichtbewussten Staatsbeamten Alexej Karenin unglücklich. Sie verliebt sich in den attraktiven Lebemann Graf Wronski. Es bleibt nicht bei einer einmaligen Affäre mit ihm, sondern Tolstoi seziert sehr schön, wie Stück für Stück auch die äußere Fassade der kaputten Ehe zerfällt. Anna verlässt schließlich ihren Mann und mit ihm auch ihren geliebten Sohn, um mit ihrem Geliebten auf dem Land zu leben. Allerdings wird sie durch diesen offen gelebten Ehebruch aus der Gesellschaft ausgestoßen.

Wie heuchlerisch die Gesellschaft mit Ehebruch umgeht, wird an einem zweiten Ehepaar deutlich: Annas Bruder Stephan Oblonskij hat immer wieder Liebesaffären mit verschiedenen Frauen. Aber er will die Bequemlichkeit der Ehe auch nicht missen und bleibt deshalb bei seiner Frau Dolly. Ironischerweise wird diese gerade von Anna davon überzeugt, ihren Mann nicht zu verlassen. Weil die äußere Fassade gewahrt bleibt, kann Oblonskij weiterhin in der Gesellschaft verkehren.

Als Kontrast zu diesen unglücklichen Paaren wird die Beziehung zwischen Kitty, der Schwester von Dolly, und dem naturverbundenen und gesellschaftlich ungelenken Lewin geschildert. Kitty lehnt seinen ersten Heiratsantrag ab, weil sie sich auch in Graf Wronski verliebt hatte. Nachdem dieser jedoch seine Affäre mit Anna startet, entdeckt Kitty nach einer schweren persönlichen Krise ihre tiefe Liebe zu Levin. Auch dieser findet, von anderen bestärkt, den Mut ihr später einen zweiten Antrag zu machen. Die beiden führen dann auf dem Land, weit ab von der gekünstelten petersburger und moskauer Gesellschaft ein glückliches Leben. Auch ihre Ehe ist nicht frei von Problemen wie z.B. Eifersucht. Aber die beiden finden immer wieder zueinander und schaffen es, mit Liebe und Respekt ihre Ehe zu führen.

Anna dagegen steuert auf eine große Katastrophe zu. Sie hat für ihre Liebe alles aufgegeben und es zeigt sich mit der Zeit, dass diese große Liebe mit ihren zunächst überwältigenden Gefühlen nicht alles tragen kann. Graf Wronski will seine Freiheiten behalten und auch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, Anna dagegen will ihren Geliebten ausschließlich für sich selbst beanspruchen und verstrickt sich immer mehr in ihrer Eifersucht. Tolstoi schildert sehr feinfühlig den Übergang dieser großen Gefühle hinein in Wahnvorstellungen, Eifersucht und Hass. Auf manisch-depressive Weise schwankt Anna immer mehr zwischen Liebe und Hass. Das Ganze endet schließlich damit, dass sie sich selbst umbringt, indem sie sich vor den Zug wirft.

Bei Tolstoi finde ich immer wieder beeindruckend, mit welcher Detailverliebtheit und Genauigkeit er die Charaktere seiner Hauptfiguren und auch deren innere Entwicklung zur Entfaltung bringt. Besonders Anna wird in ihrer ganzen Zerrissenheit für den Leser lebendig. Sie ist nicht einfach nur Täter oder Opfer, sie ist nicht einfach nur schuldig oder unschuldig, sondern sie ist alles zugleich. Sie ist nicht nur Opfer einer kleinkarierten und heuchlerischen Gesellschaft, sondern geht zugleich wider besseres Wissen den Weg ins gesellschaftliche Abseits. Sie ist einerseits Getriebene ihrer Gefühle, andererseits kaltblütig berechnend in ihrer Wirkung auf Männer. Als Leser hat man den Eindruck, dass Tolstoi wirkliche Menschen in ihrer Mehrdimensionalität beschreibt und nicht nur flache Romanfiguren, die einem bestimmten Plot folgen.

Beeindruckend ist auch, wie Tolstoi es vermag, die verschiedenen Handlungsstränge und Personen miteinander zu verknüpfen. Auch da merkt man, wie akribisch Tolstoi an seinen Romanen gearbeitet hat. Es ist von ihm bekannt, dass er seine Manuskripte immer wieder – auch noch kurz vor der Drucklegung – überarbeitet hat. Für seine drei großen Romane hat er jeweils mehrere Jahre gebraucht. Das ist die Kunst großer Schriftsteller: obwohl viel harte Arbeit dahinter steckt, erscheint das Ergebnis leichtfüßig und stimmig.

Wer sich für Tolstoi als Person interessiert, der findet in Anna Karenina in der Figur des Lewin ein alter ego von Tolstoi. So wie der naturverbundene, etwas melancholische, tiefgründige und wahrheitssuchende Lewin dargestellt wird, so ist auch Tolstoi – oder möchte es zumindest sein. So wie Lewin am Ende des Buches im Tun des Guten seinen Gott findet, so hat auch Tolstoi in seinem moralischen Christentum versucht, seinen Glauben an Gott zu leben.

Aber gerade dieses moralische Vollkommenheitsstreben und Tolstois akribisches und perfektionistisches Arbeiten an seinen Texten strahlt für mich auch eine gewisse Kühle aus. Tolstoi beschreibt große Gefühle. Aber er beschreibt sie dermaßen perfekt, dass es etwas von der Unmittelbarkeit verloren geht. Da spiegelt sich wohl ein Stück weit sein eigener Charakter. Er neigte zu Extremen. In seinen jungen Jahren führte er ein ausschweifendes Leben und im zweiten Lebensabschnitt neigte er zu einem extremen Moralismus, mit dem er andere und wohl auch sich selbst überfordert hat. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Tolstoi ist und bleibt als Schriftsteller einer der ganz Großen.

(Amazon Link: Tolstoi: Anna Karenina; neueste Übersetzung von R. Tietze: Tolstoi: Anna Karenina; daneben gibt es auch ältere Übersetzungen kostenlos als Ebook: Anna Karenina (Erster Band))

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