Le Clezio: Wüste

Die zwei letzten Bücher, die ich gelesen habe (Barbal: Wie ein Stein im Geröll und Le Clezio: Wüste) sind in gewisser Weise sehr ähnlich. Beides mal geht es um das Lebensschicksal einer einfachen Frau. Beides mal sind es keine leichten Wege und beide Frauen finden so manches kleine Glück in ihrem harten Alltag. Doch wie diese Geschichten erzählt werden ist total unterschiedlich. Barbal beschränkt sich auf eine ganz einfach Sprache und erzählt auf unter 160 Seiten das ganze Leben der Hauptperson. Sie braucht ganz wenige Worte, um sehr viel zu beschreiben. Le Clezio ist genau das Gegenteil: Er beschreibt mit ganz vielen Worten relativ wenig (aber das macht er sehr gut!). Er erzählt auf über 400 Seiten nur einen Ausschnitt von wenigen Jahren aus dem Leben der Hauptperson.

Zum Inhalt: Das Buch hat zwei Erzählstränge, die einander ohne direkte Verknüpfung abwechseln. Zum einen geht es um den Nomadenjungen Nour. Er ist Anfang des 20. Jh. mit seinem Clan auf der Flucht vor den Franzosen, die in Afrika ihre Kolonien aufbauen wollen. Der andere Erzählstrang ist intensiver. Es geht um Lalla, die an der marokkanischen Küste in einem Elendsviertel bei ihrer Tante aufwächst. Sie liebt das Meer, die Wüste und die Einsamkeit. Mit 17 soll sie mit einem Mann verheiratet werden, aber sie will nicht und flieht in die Großstadt Marseille. Dort arbeitet sie in einem heruntergekommenen Hotel als Putzfrau. Sie wird dann einem Fotografen entdeckt und kommt als Fotomodell groß raus. Allerdings macht sie sich nichts aus Geld und Ruhm. Sie kehrt wieder in die Wüste zurück und bringt dort ihr Kind zur Welt, welches vor ihrer Flucht nach Marseille mit einem einfachen Hirtenjungen gezeugt wurde.

Ich hab das Buch gerne gelesen. Le Clezio schreibt gut. Er hat eine poetische Sprache. Er vermittelt die karge Schönheit und Faszination der Wüste mit wunderschönen Bildern. Er nimmt einen mit hinein in ein fremde Welt. Trotzdem sind es nicht nur schöne Dinge, die er beschreibt. Im Gegenteil: Hinter der schönen Sprache wird viel Elend und Leid sichtbar. Vor allem bei der Flucht der Nomaden vor den Franzosen und bei der Episode in der Stadt Marseille.

Die Vergabe des Literatur-Nobelpreises für Le Clezio war ja nicht auf uneingeschränkte Zustimmung gestoßen. Manche finden seinen Stil zu ausschweifend und langweilig. Ich denke auch dass er nicht unbedingt Bestseller-geeignet ist (wobei der Nobelpreis wohl auch das möglich macht…). Das Buch „Wüste“ ist schon an vielen Stellen eher Adrenalin senkend. Große dramaturgische Spannung darf man nicht erwarten. Aber auch wenn nicht viel passiert: Le Clezio beschreibt es mit eindrücklicher Sprache und lebendigen Bildern.

Schön an dem Buch fand ich die spirtuelle Dimension. Eine Aussage des Buches ist ja, dass Geld und Erfolg nicht alles ist, sondern dass andere Dinge das Leben sinnvoll und schön machen. Lalla zieht das einfache Leben in der Wüste dem Erfolg in der Großstadt vor. Und sie hat in der Wüste auch spirituelle Erfahrungen, die sie tief berühren (vgl. dazu „Das Reden des Geheimnisvollen„). Das hat alles nichts direkt mit dem christlichen Glauben zu tun, aber es mach deutlich, dass es auch etwas anderes gibt, als der Materialismus unserer modernen Konsum- und Mediengesellschaft.

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