Le Clezio: Wüste – Das Reden des Geheimnisvollen

Lese gerade das Buch „Wüste“ von J.M.G. Le Clezio (dem Literatur-Nobelpreisträger von 2008). Wenn ich damit fertig bin dazu mehr. Doch jetzt schon mal eine Stelle, die mir sehr gefallen hat. Die Hauptperson, das Mädchen Lalla, lebt in einer Armensiedlung am Rand der Wüste. Oft geht sie allein in die Wüste und hat dort manchmal eine mystische Begegnung mit einer menschenähnlichen Gestalt. Sie nennt ihn „Es Ser“, den Geheimnisvollen. Das hat, soweit ich das beurteilen kann, nichts mit unserem christlichen Gott zu tun, aber die Beschreibung dieses geheimnisvollen Wesens ist wundervoll und erinnert mich in manchem an den Gott der Bibel, der auch geheimnisvoll ist und der auch auf recht seltsame Weise zu uns Menschen spricht. Manchmal in Träumen, manchmal als innere Stimme, manchmal in einer Sprache, die wir nicht verstehen und doch verstehen, manchmal in einem brennenden Dornbusch und manchmal im Windhauch, der nach dem Sturm leise und sanft säuselt.

Er spricht nicht. Das heißt, er spricht nicht dieselbe Sprache wie die Menschen. Aber Lalla hört seine Stimme in sich, und er sagt in seiner Sprache sehr schöne Dinge, die sie tief in ihrem Innern verwirren und sie erschauern lassen. Vielleicht spricht er mit dem leichten Geräusch des Windes, der aus den Tiefen des Alls kommt, oder mit der Stille nach dem Windhauch. Vielleicht spricht er mit den Worten des Lichts, mit den Worten, die in Funkengarben auf den Steinklingen explodieren, den Worten des Sandes, den Worten der Steine, die in harte Körner zerfallen, spricht auch mit den Worten der Skorpione und der Schlangen, die ihre feinen Spuren im Staub hinterlassen. Er versteht es, mit all diesen Worten zu sprechen, und sein Blick hüpft von einem Stein zum anderen, flink wie ein Tier, springt mit einem Satz bis zum Horizont, steigt geradewegs in den Himmel und schwebt höher als die Vögel.“ (S.92)

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