Laurence Cossé: Der Zauber der ersten Seite

Was für ein Traum für jeden Literaturliebhaber: eine Buchhandlung, in der es nur wirklich gute Romane zu kaufen gibt. Keine auf Erfolg getrimmte Massenware, keine von der Werbung hoch gejubelte leicht verdauliche Romankost, keinen oberflächlichen Schund. Nur Romane mit Tiefgang, Romane mit Substanz, Romane welche die Kraft haben, ihre Leser zu fesseln und ihr Leben zu verändern.

Diesen Traum beschreibt die französische Autorin Laurence Cossé in ihrem Roman „Der Zauber der ersten Seite“. Eingepackt ist das ganze in einen Kriminalfall und eine Liebesgeschichte, welche aber nie wirklich ins Zentrum rücken. Die Hauptpersonen sind Ivan und Francesca. Ivan ist Buchhändler aus Leidenschaft. Er möchte seinen Kunden nicht möglichst viel Geld abnehmen, sondern ihnen gute Literatur vermitteln. Francesca ist auch eine Büchernärrin und sie baut als Geldgeberin zusammen mit Ivan eine nach ihrer Sicht ideale Buchhandlung auf. Sie inspirieren sich gegenseitig und überlegen, wie solch eine Buchhandlung organisiert sein sollte und in der Praxis funktionieren kann.

Für die Auswahl der Bücher setzen sie eine geheime Kommission aus acht Schriftsteller und Schriftstellerinnen ein. Die Mitglieder kennen sich gegenseitig nicht und ihre Namen werden auch nicht veröffentlicht, damit sie sich nicht gegenseitig beeinflussen. Jedes Mitglied wählt 600 Buchtitel aus, welche sie für bedeutend halten und ergänzen diese Liste im Lauf der Zeit durch Neuerscheinungen. Jedes Buch das genannt wird, wird auch in den Bestand der Buchhandlung aufgenommen – egal wie alt, ausgefallen oder schwierig es zu besorgen ist.

Mit diesem Konzept eröffnen Ivan und Francesca den Buchladen „Der gute Roman“. Dank der ungewöhnlichen Idee und geschickter Werbung wird der Laden ein voller Erfolg. Allerdings bekommt der Laden auch sehr bald Gegenwind: kritische Zeitungsartikel, beleidigende Kommentare auf der Internetseite und manch andere Gegenpropaganda. Als schließlich drei der Kommissionsmitglieder bedroht oder in lebensgefährliche Unfälle verwickelt werden, gehen Francesca und Ivan zur Polizei. Der verständige Kommissar Heffner lässt sich ausführlich die Geschichte des „guten Romans“ erzählen und erfährt dabei auch manch privates Detail. So z.B. dass der sich eigentlich zur wirklichen Liebe unfähig sehende Ivan in der jungen und spröden Studentin Anis die große Liebe seines Lebens gefunden hat.

Den deutschen Titel finde ich etwas unglücklich, denn es geht nicht speziell um den Zauber der ersten Seite eines Buches, sondern allgemeiner um die Frage, was ein gutes Buch ausmacht. Daher hätte eine wörtliche Übersetzung des französischen Titels (Au bon roman) besser gepasst. Genau diese Frage finde ich auch das spannende und faszinierend an diesem Buch: Was ist ein guter Roman, was macht einen guten Roman aus? Und wer darf überhaupt bestimmen, was ein gutes Buch ist und was nicht? Ist das nicht elitär, wen eine Kommission festlegt, was gut ist und was nicht? Genau das sind die Kritikpunkte der Feinde von Ivan und Francesca.

Gefesselt haben mich auch die Unterhaltungen der Romanfiguren darüber, welche Bücher sie lieben und warum. In diesen Dialogen spürt man eine tiefe Liebe zu guter Literatur und sie geben so manche Hinweise, welche Romane man vielleicht mal lesen könnte. Praktischerweise gibt die Autorin im Anhang eine Bibliographie von ihrer Meinung nach guten Romanen (welche aber naturgemäß sehr französischlastig ist).

Den Schreibstil fand ich gut zu lesen. Mit klassisch zeitloser Eleganz entfaltet die Autorin ihre Geschichte. Manchmal erscheinen allerdings die Romanfiguren und ihre Dialoge wie aus dem 19. Jh. entsprungen – was mir persönlich jedoch gefällt.

Insgesamt habe ich den Roman sehr gerne gelesen. Wobei ich jedoch beim letzten Drittel das Gefühl hatte, dass die Rahmenhandlung einige Längen hat. Nachdem die Geschichte der Buchhandlung erzählt ist und die Anfeindungen deutlich geworden sind, wird deutlich dass der Kriminalfall und die Liebesgeschichte letztendlich nur Beiwerk sind. Die Feinde der Buchhandlung bleiben trotz manchen Hinweisen nebulös und die Liebe zwischen Ivan und der jungen Anis wird nicht überzeugend entfaltet. Sehr viel interessanter ist da bis zum Schluss das komplexe Verhältnis zwischen Ivan und Francesca.

Trotz mancher Schwächen: wer Literatur liebt und mit dem Schreibstil von Cossé zurecht kommt, der wird dieses Buch lieben. Es ist ein sehr schöner Traum von der idealen Buchhandlung – wenn es solch einen Laden in meiner Nähe geben würde, dann wäre ich sicher öfters dort zu finden…

Zitat :

„Wir können mit belanglosen, hohlen, gefälligen Büchern nichts anfangen.
Wir wollen keine hastig zusammengeschusterten Bücher mehr:’Schreiben Sie’s mir bis Juli fertig, im September bringe ich es mit allen Mätzchen auf den Markt, dann verkaufen wir hunderttausend Stück, und fertig ist der Lack.‘
Wir wollen Bücher, die für uns geschrieben wurden, für uns, die wir an allem zweifeln, wegen einer Kleinigkeit in Tränen ausbrechen und beim kleinsten Geräusch zusammenfahren.
Wir wollen Bücher, die ihren Autor viel gekostet haben, in denen sich die Jahre seiner Arbeit niederschlagen, seine Rückenschmerzen, seine Pannen, seine Panik, wenn er sich zu verlieren fürchtete, seine Mutlosigkeit, sein Mut, seine Angst, seine Beharrlichkeit und das Risiko des Scheiterns, das er auf sich genommen hat.
Wir wollen herrliche Bücher, die uns in die Herrlichkeit der Realität eintauchen lassen und uns dort festhalten; Bücher, die uns beweisen, dass in der Welt die Liebe am Werk ist, neben dem Bösen, gegen das Böse und manchmal nicht von ihm zu unterscheiden, dass sie es immer sein wird, wie auch das Leid immer die Herzen zerreißen wird. Wir wollen gute Romane.
Wir wollen Bücher, die weder der menschlichen Tragik ausweichen noch den täglichen Wundern, Bücher, die uns Luft zum Atmen geben.“ (EBook, S.256)

(Amazon-Link: Cossé: Der Zauber der ersten Seite)

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