Kohelet 9, 1-10 Christus gegen die Schrift

Die Bibel ist Wort Gottes. Hier reden nicht Menschen, sondern Gott. Auch das Buch Kohelet ist ein Teil dieses Wortes Gottes… Wir müssen aber alle Aussagen der Bibel auch in ihrem Gesamtzusammenhang der Schrift lesen. Und manchmal müssen wir feststellen, dass die Bibel sich auch selbst korrigiert. Martin Luther hat davon gesprochen, dass es eine Mitte der Schrift gibt: Christus selbst. Von dieser Mitte aus kann man auch einzelne Schriftstellen kritisch lesen. „Denn wenn die Gegner die Schrift gegen Christus ins Feld führen, führen wir Christus gegen die Schrift ins Feld.“ (WA 39 I,47,19ff)

Nun ist Kohelet kein „Gegner“, aber er hat eine sehr radikale und nüchterne Sicht der Welt und er kennt die neutestamentliche Auferstehungshoffnung nicht. In diesem Abschnitt schreibt er, dass letztendlich alle das gleiche Ende haben, der Gerechte wie der Ungerechte: den Tod. Für den Prediger ist mit dem Tod alles aus und er zieht die Konsequenz, dass das einzige was wir tun können ist, das irdische Leben zu genießen. Diese Konsequenz ist ja nicht an sich falsch, aber im Licht Christi sehen wir weiter: Mit dem Tod ist nicht alles aus!

In diesem Sinn müssen wir hier Schriftkritik üben und den Ansichten des Kohelet widersprechen, oder milder ausgedrückt: sie ergänzen. Ich weiß, dass manchen Christen das Sorge macht, wenn man die Schrift kritisch liest und wenn man einzelnen biblischen Aussagen widerspricht, aber es führt letztendlich kein Weg daran vorbei. Entweder hat Kohelet recht und es ist mit dem Tod alles aus, oder Christus hat Recht und er führt uns nach dem irdischen Tod in Gottes ewige Welt. In diesem Fall werden sich auch die härtesten Verfechter einer bibeltreuen Auslegung mit Christus gegen Kohelet entscheiden müssen (oder sie lassen sich irgendwelche raffinierten exegetischen Tricks einfallen, um beide Aussagen stehen lassen zu können… 😉 ).

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2 Gedanken zu „Kohelet 9, 1-10 Christus gegen die Schrift“

  1. Hallo,

    ich lese immer wieder gerne Deine Beiträge. Zu diesem hier mal die spontane Frage:
    Müssen wir dem „Prediger“ wirklich widersprechen?
    Könnten wir nicht sagen:
    1.Rabbi „Salomon“ sagt …
    2.Rabbi Jeschua wiederum sagt …
    Auch wenn uns die Lehre Jesu über die Auferstehung der Toten sicher näher ist, birgt sie doch für mich noch viele Fragen – wie verhält sich z.B. das mit der Hölle …
    Die gemeinsame Lehre von Kohelet und Jesus sehe ich darin, dass wir „erfülltes Leben“ suchen sollen.
    Ich glaube, durch den Provokateur Kohelet spricht uns Gott an, wenn wir in Gefahr geraten, als Christen mit „Ewigkeitshoffnung“ eine geradezu lebensfeindliche Haltung einzunehmen.

    Wir können freilich sagen, dass Jesus als der später Geborene schon rein historisch gesehn einen weiteren Horizont in diesen Fragen haben konnte, weil sich das Thorawissen bis zu seiner Zeit vermehrt hatte. Und wir können auch in die Waagschale werfen, dass Jesus gemß den Evangelien eine größere Autorität für sich geltend machte als der Prediger in seiner „Selbstauskunft“.

    Okay – Jetzt habe ich Dir eigentlich gar nicht widersprochen, sondern mit anderen Worten das Gleiche gesagt wie Du 🙂

    Herzlicher Gruß, Rainer

    1. Hallo Rainer!
      Danke für Deinen klugen Kommentar. Schön, wenn man merkt, dass die Leser mitdenken! 😉
      Das ist ein völlig berechtigter Hinweis, dass in der hebräischen Denkweise der Bibel das „sowohl als auch“, die spannungsvolle Ergänzung verschiedener Ansichten und die lebendige Diskussion sehr viel mehr Berechtigung haben, als bei uns. Wir denken eher mit der griechischen Logik in „entweder oder“ Kategorien.
      Wobei ja Jesus selbst auch auf Konfrontationskurs mit atl. Geboten gehen konnte („Ich aber sage euch…“). Ich denke Jesu Äußerungen sind mehr als ein Redebeitrag in einer rabbinischen Lehrdiskussion.
      Trotzdem bin ich froh und dankbar, dass Kohelet in unserer Bibel steht. Das ist gerade der Reichtum der Bibel, dass nicht alles in einer streng eindimensionalen Logik aufgeht, sondern dass sich verschiedene Aussagen gegenseitig ergänzen und korrigieren. Beides hat sein Recht und seine Berechtigung.
      Aber ich würde, wie du ja auch schreibst, im Zweifelsfall dem, was der Mitte der Schrift mehr entspricht, auch mehr Gewicht geben.
      Liebe Grüße vom windhauch

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