Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 7) – verurteilend

In den Interviews und Umfragen, die dem Buch zu Grunde liegen wurde deutlich, dass die Christen zwar übereinstimmend sagen, dass es wichtig ist die Sünde zu hassen und den Sünder zu lieben, aber viele Außenstehende haben nicht das Gefühl dass es ihnen gelingt. Ein 25-jähriger Mann sagte: „Sie hassen die Sünde und den Sünder.“ 87 Prozent der jungen Außenstehenden sagen, dass die Beschreibung „verurteilend“ genau das gegenwärtige Christentum charakterisiert (selbst 53 Prozent der jungen Christen sehen das so). Das sagt wie immer nichts direkt darüber aus, ob wir es wirklich sind, aber so werden Christen auf jeden Fall wahrgenommen.

Im Hintergrund stehen natürlich Moralvorstellungen in der westlichen Kultur, die sich immer mehr von christlichen Wertmaßstäben entfernen. Wenn wir Christen dazu Stellung beziehen (und das sollen wir – das ist auch Kinnaman wichtig: dass wir Gottes Erwartungen an uns auch nicht verändern oder abschwächen sollen), dann wird das von anderen schnell als verurteilend gesehen. Wirklich bedenklich ist aber, dass die Menschen dabei das Gefühl haben, dass wir uns zu sehr darauf konzentrieren, Recht zu haben und Leute zu verurteilen, als darauf den Menschen wirklich zu helfen, Jesus ähnlicher zu werden (Tja, ist ja auch viel leichter, jemandem verurteilend zu sagen: „Das macht man nicht!“, als jemandem ernsthaft zu helfen, sein falsches Verhalten zu verändern). Aber wenn wir Leute nur veruteilen, dann drängen wir sie eher weiter weg von Gott, anstatt ihnen Gott nahe zu bringen.

Nur 20 Prozent der befragten jungen Menschen außerhalb von Gemeinden beurteilen die Atmosphäre in Kirchen als liebevoll und andere akzeptierend. Wir sind nicht für unsere Liebe bekannt! (Vgl. Joh. 13,35: Daran wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.)

Was genau machen wir falsch, so dass uns andere als „verurteilend“ sehen?

  • Aufgrund von Vorurteilen und Stereotypen (z.B. gegenüber Tattoos) sprechen wir oft ein falschen Urteil
  • Aber auch das richtige Urteil zur falschen Zeit kann voll daneben sein (das Timing ist wichtig)
  • Auch ein richtiges Urteil das aus falscher Motivation gesprochen wird ist schwierig (Unser Motiv sollte Liebe sein und nicht Hass: Viele Außenstehende, die zerbrochenen Menschen, die Jesus am meisten brauchen, nehmen Christen als haßerfüllt wahr)
  • Das Gegenstück zur Verurteilung bestimmter Personen ist die Begünstigung anderer Personen (wir haben so manche Vorstellungen in uns, welche Menschen am ehesten das Potential haben Christen zu werden und welche am besten in unsere Gemeinden passen würden)

Zum biblischen Hintergrund: Gericht ist eine ganz zentrale biblische Botschaft. ABER: Die Bibel warnt klar davor, dass wir Menschen verurteilend sein sollen. Gott urteilt – nicht wir Menschen. Gericht ist die Sache Gottes, da sollten wir uns heraus halten.

Wie können wir anderen Respekt zeigen?

  • Zuhören
  • Andere nicht in Schubladen stecken
  • Zugeben, dass wir nicht auf alle Fragen eine Antwort haben
  • Versuchen sich in den anderen hinein zu denken
  • Ehrliche Gespräche führen, ohne durch Tricks zu versuchen, bei jeder Gelegenheit den Missionarischen raushängen zu lassen
  • Freundschaften pflegen um der Freundschaft willen (und nicht weil der andere eine Missionsobjekt ist)

Margaret Feinberg meint zu diesem Thema: „Ich möchte, dass Christen dafür bekannt sind, die liebevollsten Menschen zu sein – die Art von Menschen, die lieben bis es weh tut. Aber bis jetzt scheint es eher so zu sein, dass wir anderen eher noch mehr weh tun, anstatt ihnen Heilung zu bringen.“ (S. 199) Mark Foster schreibt: „Ich bin mir nicht sicher, wie das genau passiert ist, aber es scheint so als ob Gnade, welches doch das zentrale Hauptanliegen des Christentums ist, darum kämpft zu überleben.“ (S.201)

Ich selbst bin ein ziemlich zurückhaltender Mensch, ich mag es nicht, wenn über andere getuschelt, geredet und gerichtet wird. Ich sage wahrscheinlich oft zu wenig als zu viel. Aber ich merke wie mich dieses Kapitel auch betrifft. Es sind weniger die Worte die ich spreche, als vielmehr mein Handeln (oder eben auch Nicht-Handeln), meine Schubladen in die ich Menschen stecke und mein Aus-dem-Weg gehen von Menschen, die mir nichts sympatisch sind. Auch das sind alles Verurteilungen. Lieben bis es weh tut – da bin ich weit weg davon.

Wenn ich mir im Geist Jesus und unser gegenwärtiges Christentum gegenüberstelle, dann beschämt mich das. Jesus hat auch geurteilt, er konnte knallhart sein – aber er war es vor allem den Frommen gegenüber, denjenigen gegenüber, die meinten bei ihnen sei alles in Ordnung, denjenigen gegenüber die andere verurteilt haben. Gegenüber den Zerbrochenen, den Huren, den Zöllnern, den Sündern zeigte er eine ganz große Offenheit. Nicht indem er die Sünde verharmlost hätte – die hat er immer ganz deutlich angesprochen und kritisiert – aber Jesus hat es wirklich geschafft, den Sünder zu lieben, ihn anzunehmen, ihn zu akzeptieren. Er wollte Menschen nicht verurteilen und sie abschreiben, sondern er wollte ihnen helfen und sie in Gottes Nähe bringen.

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2 Gedanken zu „Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 7) – verurteilend“

  1. Vielleicht sollte ich das Buch auch mal lesen. Scheinen gute Denkanstöße drin zu sein. Es gibt zu viele Bücher die man lesen sollte.

  2. Auf jeden Fall ein lohnenswertes Buch. Und es will nicht nur unser Denken verändern, sondern auch unser Handeln.
    Das mit den vielen Büchern kenn ich: im Moment stapeln sich sechs auf meinem Schreibtisch, die ich alle gern lesen würde…

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