Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 5) – abgeschottet

Das 6. Kapitel dieses Buches ist im Englischen Original mit „sheltered“ überschrieben. Das was damit gemeint ist, ist eigentlich kaum ins Deutsche zu übersetzen. In der deutschen Ausgabe des Buches ist es mit „abgeschottet“ übersetzt. Vom Inhalt der in diesem Kapitel entfaltet wird könnte man auch sagen: weltfremd oder altmodisch. Die Grundbedeutung von „sheltered“ ist „beschützt; geschützt“. Das ist ja eigentlich etwas positives, wenn man sich als Christ beschützt fühlt. Das Problem ist, wenn wir selbst versuchen uns vor der bösen Welt da draußen zu schützen, indem wir uns von ihr abschotten und am liebsten nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen.

Junge Nichtchristen nehmen Christen als „out of tune“ mit der wirklichen Welt wahr. Christen vermitteln das Bild, dass sie nicht am Puls der Zeit sind. Das könnte ja durchaus auch positiv sein, wenn wir nicht versuchen jedem Modetrend hinterher zu springen. Viel schwerwiegender aber ist, dass man das Gefühl hat, dass Christen keine Verbindung zur wirklichen spirituellen Lebendigkeit und zum Geheimnis des Glaubens haben. Das Christentum gilt als eine Religion, die aus Regeln und Normen besteht und die nicht wirklich mit dem Übernatürlichen in Verbindung steht. Das trifft ins Herz! Genau das wofür wir stehen, wird nicht an uns wahrgenommen! Im Anschluss an diese Einschätzung sagen zwei Drittel der jungen Nichtchristen, dass Glaube langweilig sei. Zwei weitere Dinge, wie Christen charakterisiert werden sind: Sie sind isolliert von der intellektuellen Welt und sie leben insgesamt in ihrer eigenen christlichen Welt und Gemeinschaft (abgeschottet von anderen).

Wenn man nun das Image des Christentums vergleicht mit der Weltsicht vieler junger Menschen, dann tut sich ein riesiger Graben auf: Junge Menschen heute sind genau das Gegenteil von abgeschottet, vorsichtig, über-behütet und altmodisch. Sie wollen das Unerwartete, Neue, Geheimnisvolle und sie wollen keine simplizistischen Antworten auf die Komplexität unserer Welt.

Ein weiterer Punkt der uns Christen von der jungen Generation trennt ist das fehlende Verständnis für die Zerbrochenheit ihrer Welt. Viel stärker als ihre Eltern und Großeltern wachsen sie in einer Welt der Gewalt, des sexuellen Durcheinanders, der Drogen und der zerbrochenen Beziehungen und Bindungen auf. Sie werden ständig mit Herausforderungen konfrontiert auf die traditionelle Christen keine wirklichen Antworten haben. Aber gerade in dieser Zerbrochenheit liegt eigentlich eine große Chance: Viele Menschen brauchen Hilfe. Die Frage ist nur, ob wir Christen es schaffen wirklich eine Hilfe für die Lebensprobleme der jungen Generation zu sein.

In einem Interview sagte ein 28-jähriger Christ: „So viele Christen sind gefangen in ihrer christlichen Subkultur und sie leben komplett getrennt von der Welt. Wir gehen Mittwochs, Sonntags und manchmal auch Samstags in die Kirche… Wir leben getrennt von der Welt. Selbst wenn wir Nichtchristen erreichen wollten – wir haben dafür keine Zeit und wir wissen auch nicht, wie wir das tun sollten. Der einzige Weg wie wir nach außen wirken können ist, dass wir Leute in unseren christlichen Kreis einladen.“ (S.130; Übersetzung von mir)

Wie können wir das ändern? Dazu bringen die Autoren folgende Vorschläge:

  • die Verantwortung akzeptieren (Es ist unsere Pflicht einer zerbrochenen Welt zu helfen. Wir müssen diese Aufgabe mit Demut und Kraft angehen, ohne dass wir erwarten, dass die Welt von sich aus an unsere Kirchentüren anklopft.)
  • keine Angst haben (Zu oft verbarrikadieren wir uns aus Angst in unserer eigenen kleinen und heilen Welt.)
  • nicht beleidigt und verletzt reagieren (Wenn uns Taten und Haltungen von Außenseitern schockieren, dann neigen wir entweder zur Isolation oder zu überheblichen Kreuzzügen – aber beide Extreme haben keinen großen Einfluss auf Außenseiter.)
  • den Verzweifelten helfen (Gott will uns an den dunklen und verzweifelten Stellen im Leben anderer haben)
  • vorbereitet sein (So wie Daniel seine Spiritualität gepflegt hat, um in einer gottfeindlichen Welt zu bestehen.)
  • das Gleichgewicht halten (In der Welt leben ohne von der Welt zu sein.)

Zum Schluss sprechen die Autoren noch zwei Subkulturen der Gesellschaft an, um die wir Christen uns bemühen sollten: Die Intellektuellen und diejenigen, die von der Gesellschaft übersehen werden. Lange Zeit waren Christentum und Intellekt kein Gegensatz: im Gegenteil sie waren eng miteinander verbunden und sorgten für viele fortschrittliche Entwicklungen in der Welt. Auch heute sollten wir nicht ignorant und uniformiert durch die Welt gehen. Auch bei den Randgruppen der Gesellschaft, den Vergessenen haben wir unsere Aufgabe: bei den Vereinsamten (die keine wirklichen Beziehungen zu anderen haben), bei den Menschen, die sich selbst Verletzungen zufügen und bei den Vaterlosen.

Eine interessante Anregung zum Thema kommt von Mark Baterson. Er möchte dass wir nicht darauf warten, dass die Menschen zu uns in die Kirche kommen, sondern dass wir zu ihnen gehen. Mit seiner Gemeinde hat er deswegen keine neue Kirche gebaut, sondern ein Kaffeehaus. „Weil Jesus auch nicht in den Synagogen herumgehängt ist.“ (S.146) Er war draußen an den Brunnen. Dort wo sich Menschen begegnet sind, dort wo sich das Leben abgespielt hat.

Ich merke wie sehr mich dieses Kapitel anspricht. Aber ich merke auch, wie schwer uns das fällt. Da muss man nur mal anfangen bei der eigenen Gemeinde nachzudenken, welche Veranstaltung man streichen könnte, damit die Leute mehr Zeit für den Kontakt zur Welt haben. Da denkt man dann schnell: Aber das ist doch alles gut und wichtig! Vielleicht sollten wir uns öfter fragen: Was ist noch wichtiger? Und vielleicht müssen wir uns fragen: Warum sind uns unsere Kuschel-Clubs wichtiger als der Auftrag, in die Welt zu gehen?

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