Kinnaman/Lyons: unChristian (Teil 2) – heuchlerisch

In Kapitel 3 gehen Kinnaman und Lyons auf die erste Beurteilung ein, wie Außenstehende uns Christen sehen: sie sehen uns als heuchlerisch und scheinheilig („hypocritical“). Scheinheilig ist jemand der eine bestimmte Aussage macht, aber dann ganz anders handelt. Erstaunlich ist, dass das die meisten jungen Menschen gar nicht besonders stört: Sie wissen ganz genau, dass jeder heuchlerisch ist. In unserer Welt will jeder gut dastehen und jeder versucht sich selbst ins beste Licht zu rücken. Es wird ganz einfach damit gerechnet, dass Christen das auch tun. Das ist traurig: Christen sind nicht dafür bekannt, dass sie ein transparentes und authentisches Leben führen, sondern dass sie versuchen ein Bild aufrecht zu erhalten, nach dem bei ihnen alles in Ordnung ist. Das Image der Scheinheiligkeit bekommen wir Christen ganz einfach deswegen, weil unser Leben nicht mit unserer Botschaft übereinstimmt.

Wie können wir dem begegnen? Spannend ist der Lösungsversuch, den die Autoren vorschlagen: Sie sagen, dass wir selbst schuld sind, weil wir ein falsches Bild vom Christentum vermitteln. Wir vermitteln das Bild, dass Glaube im Wesentlichen eine Anzahl von Regeln und Verboten ist, die es gilt einzuhalten. „Gut zu sein“ ist nicht nur in den Augen von Außenseitern das Wichtigste am Christentum, sondern die Christen selbst reduzieren ihren Glauben viel zu sehr auf moralische Faktoren. Natürlich merken wir selbst, dass wir diesen ganzen moralischen Anforderungen nicht genügen, aber anstatt ehrlich damit umzugehen, versuchen wir die Probleme zu überspielen und uns besser darzustellen als wir sind.

Wenn wir nicht als heulerisch da stehen wollen, dann gibt es nur einen Weg: Transparenz. Wir müssen zugeben, dass es auch für Christen stimmt, was die Bibel sagt: Wir leben in einer gefallenen Welt und wir brauchen Gott um mit unserem Versagen und unseren Sünden klar zu kommen. Sünde wird nicht dadurch beseitigt, dass wir so tun, als ob sie uns nicht beträfe. Es ist notwendig, dass wir immer wieder Buße tun, dass wir zu Gott umkehren. Und es ist notwendig, dass diese Buße auch nach außen sichtbar wird. Die Autoren fragen: „Are you honest with yourself about your own struggles? Do they motivate you to turn your heart – and that of others – toward God, seeking his ways to handle these issues? Or are you focused on maintaining the rules and regulations?“ (S.58) Jud Wilhite schreibt dazu (S.61), dass das eigentliche Problem nicht die Heuchelei sei, sondern die moralische Überlegenheit, die viele Christen ausstrahlen. Das Problem ist, dass wir die Unperfektheit unseres Lebens nicht mehr wahrnehmen und zugeben.

Ich kann diese Gedankengänge sehr gut nachvollziehen und möchte das unterstreichen. Auf meinem Weg zum Glauben waren es nicht die scheinbar strahlend perfekten Christen, die immer alles richtig machen, die mich beeindruckt haben. Im Gegenteil: Es waren einige Christen, die ihr Christsein ehrlich gelebt haben. Mit all den Kämpfen und Niederlagen, mit all der Unperfektheit, mit all dem Versagen. Mich hat ihre Ehrlichkeit und Offenheit beeindruckt, mich hat beeindruckt, dass sie eben nicht, wie alle andere in unserer Gesellschaft, einfach nur gut dastehen wollten. Mich hat beeindruckt, dass sie trotz und durch alles Versagen hindurch ihre Würde behalten haben. Mich hat nicht beeindruckt, dass sie Fehler vermieden haben, sondern wie sie mit den Fehlern umgegangen sind. Wenn wir die Botschaft der Vergebung predigen, dann können wir das doch nur dann, wenn wir deutlich machen, dass auch wir selbst immer wieder neu aus dieser Vergebung leben.

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