Julien Green: Leviathan

Warum heißt dieser Roman Leviatan? Gute Frage! Der Leviathan kommt ursprünglich aus der Bibel und ist dort ein Ungeheuer des Meeres. Für den Hebräer war schon das Meer an sich eine bedrohliche und unheimliche Macht, sehr viel mehr dann dieses schattenhafte Ungeheuer aus der Tiefe. In der jüdisch-christlichen Tradition wird der Leviathan manchmal mit dem Teufel selbst in Verbindung gebracht, kann aber auch einfach für Chaos und Unordnung stehen.

In dem Roman von Julien Green geht es um wilde, chaotische und letztendlich unbeherrschbare Triebe und Gefühle, die Menschen unter der Oberfläche bestimmen und antreiben. Alle Hauptpersonen, die in dem Buch vorkommen werden nicht von Vernunft oder einer höheren ethischen Gesinnung gelenkt, sondern sind bestimmt von Gefühlen, die wie ein Seeungeheuer unter der Wasseroberfläche lauern und die bei einem Sturm auf dramatische Weise zum Vorschein kommen.

Zur Handlung: Es geht um einen Hauslehrer, der von seinem Leben und seiner Ehe enttäuscht ist. Er verliebt sich in ein wunderschönes achtzehn-jähriges Mädchen. Als er jedoch erfährt, dass sie schon mir mehreren Männern ein Verhältnis gehabt hat, brennen bei ihm die Sicherungen durch. In seinen Strudel aus triebgesteuerter Gewalt und blinder Liebe zieht er noch andere Personen mit in den Abgrund.

Vom Stil her merkt man dem Buch natürlich seine Entstehungszeit an – es wurde 1929 erstveröffentlicht. Den heutigen Lesegewohnheiten entspricht diese Sprache und auch die Dramaturgie nicht mehr. Aber ich mag diese Sprache, den linearen Verlauf der Geschichte und den genauen Realismus, den man bei Green findet. Er beobachtet und beschreibt die Gefühle seiner Figuren sehr genau und steuert die Geschichte zielbewusst auf das Ende hin.
Als Leser muss man sich nach der Lektüre fragen: Stimmt dieses Menschenbild? Sind wir wirklich so? Steckt unter der dünnen Oberfläche der Zivilisation in jedem von uns ein Monster? Was ist der Leviathan in mir? Wie sehr bestimmen mich Triebe und Gefühle unter der Oberfläche?

Zitate:

„Sie sank … in die tödliche Langeweile zurück, die die Verdammnis der Reichen ist.“ (S. 218)

„… nichts quält, nichts versklavt so sehr wie die Hoffnung auf irdisches Glück.“ (S. 231)

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