Juli Zeh: Corpus delicti

Zeh: Corpus delictiSchade! Eine gute Schriftstellerin und eine gute Romanidee – und doch hat mich ihr Buch nicht so richtig überzeugt. Es geht um eine Zukunftsvision von einer Welt in der Mitte des 21. Jh., in welcher Gesundheitsfanatiker den Staat und alles öffentliche Leben bestimmen. Eine schöne neue, saubere und gesunde Welt. Das höchste Gut für den Einzelnen und für die Gesellschaft wird in einem gesunden Körper gesehen.

Die Obrigkeit wacht über die Gesundheit der Einzelnen. Jeder ist verpflichtet zu einem gesunden Leben mit Sport, gesunder Ernährung und dem Einhalten von Hygienestandards. Die Fremdbestimmung reicht so weit, dass auch die Liebe reglementiert wird: Zusammenleben dürfen nur Paare, die von der DNA her zusammenpassen. Das ganze System wird die METHODE genannt. Wer dagegen verstößt und z.B. seine Gesundheitsberichte nicht einreicht, muss mit einem Prozess und einer Strafe rechnen. Die Methode scheint zu funktionieren. Es gibt kein Leid durch Krankheit mehr.

Die Hauptperson, Mia Holl, ist als Naturwissenschaftlerin von der Methode überzeugt, doch ihre Überzeugung gerät ins Wanken, als ihr Bruder von der Obrigkeit als Mörder verurteilt wird und er sich im Gefängnis selbst umbringt. Mia ist im Innersten davon überzeugt, dass ihr Bruder unschuldig ist. Im Lauf des Buches gerät sie immer mehr in Konflikt mit den Vertretern der Methode und wird schließlich selbst verurteilt.

Juli Zeh weiß mit Sprache umzugehen. Sie hat einen klaren Stil und oft sehr gute und treffende Formulierungen. Ich finde es gut, dass sie gesellschaftliche Fragen nach Freiheit und Fremdbestimmung aufnimmt. Das sind ja durchaus aktuelle Fragen: inwieweit darf der Staat in meine persönliche Freiheit eingreifen, um mich selbst und auch die Gesellschaft vor unerwünschten Folgen zu schützen? Und wer bestimmt, was unerwünscht ist und was nicht? Was sind die höchsten Werte in unserer Gesellschaft? Ist Gesundheit das allerwichtigste oder gibt es da noch was anderes?

Das Ende fand ich brutal. Da wird es ganz finster und zynisch. Aber von der ganzen Handlung her, ist dieses Ende durchaus konsequent und folgerichtig. Diese Ende hat mich am ganzen Roman emotional am stärksten berührt.

Leider hat der Roman insgesamt nicht mein Herz erreicht. Die ganze Erzählung bleibt für mich ein abstraktes Gedankenexperiment. Die Romanfiguren sind für mich beim Lesen nicht lebendig geworden, sondern sie bleiben seltsam abstrakt und unwirklich. Schade!

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