Jorge Bucay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte

Bucay: Komm, ich erzähl dir eine GeschichteNach vielen Büchern im elektronischen Format endlich mal wieder ein „echtes“ Buch zum anfassen. Ich habe mir die Ausgabe der Fischer Taschenbibliothek gekauft – ich mag das handliche Format und die schöne Aufmachung.

Das Buch selbst ist eigentlich kein Roman, sondern durch eine Rahmenerzählung zusammen gehaltene Kurzgeschichten. Jorge Bucay ist in seiner Heimat Argentinien ein bekannter Psychiater, der seinen Patienten weniger durch abstrakte Wahrheiten helfen will, sondern durch lebendige Geschichten. In diesem Buch hat er einige seiner Geschichten, welche er wohl in der Therapie verwendet, einfach zusammengefasst und lässt sie einem fiktiven Patienten namens Demian zu Gute kommen. Als Leser dürfen wir miterleben, wie Demian dadurch besser mit dem Leben zurecht kommt.

Der Name Demian erinnert mich natürlich gleich an den gleichnamigen Roman von Hermann Hesse. Dort verarbeitet Hesse seine eigenen Erfahrungen mit der Psychoanalyse – allerdings in einem in sich schlüssigen Roman und nicht in einer Ansammlung von einzelnen Geschichten. Das ist schon meine größte Schwierigkeit mit dem Buch von Bucay. Es ist ein buntes Sammelsurium von Legenden, Sagen, Märchen und Sinnsprüchen aus den verschiedensten Zeiten, Kulturen und weltanschaulichen Hintergründen. Darin lässt sich schwer eine einheitliche Linie finden. Das ist von Bucay wohl auch so gewollt. Aber es wirkt in seiner Verschiedenheit dann doch etwas zusammen gesucht.

Was mir auf jeden Fall wieder deutlich wurde ist, dass wir Menschen für erzählte Geschichten und Sprachbilder sehr viel zugänglicher sind als für abstrakte Gedanken. Zum einen können wir uns anschauliche Geschichten sehr viel besser merken und dadurch können sie länger wirken. Und zum anderen sind Geschichten sehr viel offener als möglichst exakt formulierte Weisheiten. Sie können unterschiedlich gedeutet werden. Man kann sich mit den Figuren identifizieren. Sie regen eher zum Nachdenken an. Als Pastor und Prediger merke ich das immer wieder, dass Geschichten in Predigten bei den Zuhörern sehr viel besser hängen bleiben und auch eher die Tiefenschicht einer Person erreichen.

Jorge Bucay ist Gestalttherapeut. Ich kenne mich in der Psychotherapie nicht so sehr aus. Aber laut Wikipedia ist dieser Ansatz aus der Psychoanalyse hervorgegangen und grenzt sich dementsprechend in vielen von der klassischen Psychoanalyse ab. Es geht weniger um eine Aufarbeitung der Vergangenheit, als um ein Betrachten der Gegenwart. Der Klient soll sich seiner selbst mit seinen Gefühlen, Verhaltensmustern, Gedanken u.a. gut bewusst werden, um sich dann möglichst frei für eine Möglichkeit zu denken, handeln oder leben entscheiden zu können. In einer seiner Geschichten veranschaulicht Bucay in dem Buch auch auf selbstironische Weise die Grundgedanken von drei Hauptströmungen der Psychotherapie. Manche von seinen Gedanken finde ich gut und einleuchtend. Manches finde ich auch schwierig.

Eine der Geschichten, die mich besonders angesprochen haben ist „Der Kreis der Neunundneunzig“ (S.181). Es geht um die Frage, warum wir Menschen eigentlich nie zufrieden sind. Bucay erzählt dazu die Geschichte eines armen, aber glücklichen Dieners eines Königs. Er hat das Nötigste zum Überleben und macht sich weiter keine großen Gedanken. Als er dann plötzlich 99 Goldmünzen findet, verändert sich sein Leben: Er freut sich zunächst über den Reichtum, doch dann verfällt er dem fixen Gedanken, dass er noch eine Goldmünze verdienen muss, um wirklich reich und glücklich zu sein – denn noch fehlt ihm ja eine Münze zu der runden Zahl 100. Und so macht er sich selbst und seiner Familie das Leben schwer, weil er durch Sparsamkeit und mehr Arbeit unbedingt sein Ziel erreichen will und wird dabei todunglücklich…

Das Buch von Bucay ist auf jeden Fall sehr schön und leicht zu lesen. Ich mag auch seine Selbstironie – so manches mal spürt man förmlich, wie der Autor seinem Leser zuzwinkert. In vielen dieser Märchen und Geschichten steckt auch wirklich tiefe Wahrheit und Selbsterkenntnis. Immer wieder hat man als Leser aha-Momente. Aber mehr darf man auch nicht von diesem Buch erwarten. Es ist ein Sammelsurium von in Geschichten gefassten Gedanken – manche hilfreich, manche skurril. Aber das darf der Leser dann ja selbst entscheiden.

(Amazon-Link: Buvcay: Komm, ich erzähl dir eine Geschichte)

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