John Williams: Stoner

Williams: StonerIst dieser Roman jetzt deprimierend oder faszinierend? Einerseits ist diese Lebensgeschichte eines Literaturprofessors eine Geschichte voller Enttäuschungen und unerfüllter Träume. Nichts läuft in diesem Leben so richtig gut. Man leidet als Leser mit dieser tragischen Hauptperson. Andererseits hat dieser nüchterne Bericht auch eine eigenartige Faszination. Die Hauptperson lässt sich nicht kleinkriegen und man ist als Leser beeindruckt von seiner Stärke. Auch wenn in dem Roman nichts außergewöhnliches geschieht, versteht es der Autor so zu schreiben, dass man als Leser dran bleiben möchte.

Der Roman ist schon älter, er wurde 1965 von dem amerikanischen Literaturprofessor John Williams veröffentlicht. Allein schon der Beruf verät, dass in dem Buch wohl auch manch autobiographische Erlebnisse verarbeitet wurden. Es liegt eine gewisse passende Tragik darin, dass der Roman zunächst nicht groß beachtet wurde und erst Jahre nach dem Tod von Williams (1994) wieder entdeckt wurde und inzwischen zu einem Welterfolg wurde. Es gibt inzwischen zahllose begeisterte Rezensionen zu diesem Buch. Nur hat der Autor nichts mehr von dieser späten Anerkennung…In dem Roman geht es um den Bauernsohn William Stoner (auch im Namen eine Anspielung auf den Autor), der eigentlich Landwirtschaft studieren soll. Während des Studiums entdeckt er jedoch seine Liebe zur Literatur. Er kann nicht anders, als das Studienfach zu wechseln und sich ganz der Literatur zu widmen. Er wird schließlich Dozent und Professor an der Universität, an der er selbst studiert hat. Er bemüht sich ein guter Lehrer zu sein und seine Studenten eine Begeisterung für ihr Studienfach zu vermitteln. Das gelingt ihm mit der Zeit auch immer besser.

Aber das ist auch schon das einzige, was in seiner Karriere und in seinem Leben einigermaßen glatt läuft. Er heiratet von ersten romantischen Gefühlen überwältigt eine schöne Frau aus einer Bankiersfamilie. Doch das erhoffte Glück bleibt aus, die Ehe wir schnell zu einer eher albtraumhaften Erfahrung. Auch die Geburt einer Tochter ändert daran nichts. Einzig eine heftige Affäre mit einer Studentin verschafft Stoner für einige Zeit eine Ahnung von wahrer Liebe zwischen Mann und Frau. Doch als er sich zwischen seinem bisherigen Leben und einem neuen ungewissen Leben mit seiner Geliebten entscheiden muss, wagt Stoner den Ausbruch aus seiner bürgerlichen Welt nicht. Seine Geliebte verlässt ihn und er stürzt sich um so verbissener in seine Arbeit.

Doch auch hier stößt er auf Hindernisse und Enttäuschungen. Er gerät in einen ernsten Konflikt mit einem Kollegen und gibt nicht klein bei. Da der Kollege bald sein Vorgesetzter wird, hat er sich damit alle Aufstiegschancen verbaut und das Arbeitsklima wird nicht gerade entspannter. Trotz mancher Schikanen seines Vorgesetzten beißt Stoner sich durch und bleibt an seiner Universität. Am Ende stirbt er nach einer kurzen und heftigen Krebserkrankung kurz nach seiner Pensionierung.

Wahrlich keine besonders erfolgreiche und erhebende Lebensgeschichte. Stoner ist kein strahlender Held, den man als Leser bewundern kann. Man hat eher Mitleid mit ihm. Trotzdem ging es zumindest mir so, dass er mich mit seiner treuen, unbeirrten Hartnäckigkeit auch beeindruckt hat. Er ist nicht einfach den Weg des gerinsten Widerstandes gegangen, sondern hatte den Mut zu seinen Überzeugungen auch zu stehen. Umso bitterer ist es, wenn sich das letztendlich nicht wirklich auszahlt.

Williams beschreibt dieses Leben in einer wunderbaren nüchternen und klaren Weise. Schnörkellos und direkt. Ohne unnötige Ausschmückungen. Ohne unnötige Perspektivwechsel, sondern ganz schlicht chronologisch. Ohne die Gefühle seiner Figuren breit zu beschreiben und vielleicht gerade deswegen so eindrücklich.

Was ist die Moral von der Geschicht? Das Leben kann ziemlich unfair sein. Und selbst wenn du dir selbst treu bleibst und versuchst deine Träume zu verwirklichen, ist es alles andere als selbstverständlich, dass das funktioniert. Die große Frage ist, wie wir mit solchen Enttäuschungen umgehen. Zerbrechen wir daran, oder gehen wir einfach weiter? Das ist vielleicht die große Stärke von Stoner: er ist einfach weitergegangen. Da kommt seine hartnäckige Bauernseele zum tragen. Auch wenn die Sonne oft nicht scheint, zieht er weiter unbeirrt seine Furchen in den Acker. Oder ist das gerade seine große Schwäche? Hätte er den Ausbruch aus diesem so durchschnittlichen Leben wagen sollen?

Wie reagieren wir, wenn das Leben uns nicht das gibt, was wir meinen, dass wir verdient hätten? Wie reagieren wir, wenn wir im Lauf des Lebens merken, dass sich unsere Träume nicht verwirklichen lassen? Ist es okay, sich irgendwann mit der grauen Wirklichkeit zu arrangieren, oder brauchen wir immer wieder neue Träume und Visionen, um nicht zu verweifeln? Wie ist das mit einer Ehe, die nichts mehr mit Liebe zu tun hat oder mit einem Beruf, der die Karrierehoffnungen nicht erfüllt oder der durch mobende Kollegen unterträglich wird? Einfach alles abbrechen und wieder bei Null anfangen? Oder sich in sein Schicksal ergeben, ohne daran zu zerbrechen?

Ich denke das ist eine große Stärke des Buches: Es ist kein Buch, das den Leser in eine fremde Welt entführt, in der er selbst davon träumen kann, ein Held zu sein. Es ist kein Buch zum Abschalten und genießen. Nein, es ist ein Buch, das einen anregt, sich mit seinem eigenen durchschnittlichen Leben auseinander zu setzen. Es ist kein Buch, das zur Flucht vor der Realität verhilft, sondern das einen auch mit seiner eigenen Realität konfrontiert.

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