Johannes Reimer: Gott in der Welt feiern

Dieses Buch lag schon längere Zeit auf meinem Schreibtisch und ich habe mich gefreut, in den letzten Tagen Zeit zu haben, es durch zu lesen. Ich hatte recht große Erwartungen. Der Autor, Dr. Johannes Reimer, ist auf der einen Seite Wissenschaftler – er unterrichtet als Professor für Missionswissenschaften – und zugleich hat er Praxiserfahrung in der Gemeindearbeit. Ideale Voraussetzungen um ein fundiertes Buch über Gemeindeaufbau im Bereich des Gottesdienstes zu schreiben. Leider bin ich mit dem Buch nicht so richtig warm geworden. Mich hat es nicht wirklich angesprochen, begeistert und überzeugt. Vielleicht hatte ich auch zu hohe Erwartungen.

Es ist trotzdem ein lesenswertes Buch mit vielen guten Gedanken und Beobachtungen. Gut gefallen hat mir seine grundsätzliche Einstellung zum Gottesdienst: es geht in erster Linie um Gott und nicht um den Menschen. Gottesdienste werden zuallererst gefeiert, um Gott die Ehre zu geben und nicht um die Bedürfnisse der Besucher zu befriedigen. Reimer beklagt zurecht, dass es in vielen Gottesdiensten eine passive Konsumhaltung gibt und dass dies dem Gottesdienst schadet.

Ein Schwerpunkt des Buches ist neben der Ausrichtung des Gottesdienstes auf Gott zugleich auch seine Ausrichtung auf die Menschen. Das hört sich paradox an, ist es aber nicht: es geht nicht um religiöse Dienstleistung, sondern um das, was Gott selbst am Herzen liegt: dass Menschen zum Glauben finden. Das ist die Missio Dei: Gott will Menschen durch den Gottesdienst erreichen und zu einem Leben mit ihm einladen. Es geht darum, um einen missionalen Gottesdienst. D.h. ein Gottesdienst, der nicht nur diejenigen im Blick hat, die schon seit Jahrzehnten kommen, sondern diejenigen, die noch nicht kommen. Reimer gebraucht hier bewusst das Stichwort „missional“ weil es ihm in Abgrenzung zu einem rein missionarich-evangelistischen Gottesdienst auch um die gesellschaftliche Relevanz von Gemeinde und Gottesdienst ankommt. Gemeinde und damit auch ihr Gottesdienst, soll kulturell relevant sein für die Menschen in ihrer Nähe.

Positiv sehe ich auch seine Unterscheidung zwischen Inhalt und Form des Gottesdienstes (obwohl wir heute ja alle wissen, dass wir Form und Inhalt nie sauber trennen können, dass beides unauflöslich miteinander verknüpft ist). Reimer betont die Vorrangstellung des Inhaltes: zu jedem Gottesdienst gehören von der Bibel her bestimmte Inhalte. Das macht aber die Form nicht unwichtig. Im Gegenteil sie ist sehr wichtig – aber sie ist veränderbar. Für Reimer muss sie in unserer heutigen multikulturellen und schnelllebigen Zeit sogar extrem wandelbar sein. Die Form des Gottesdienstes muss sich dem jeweiligen Kontext anpassen, sonst erreicht sie die Menschen nicht. Theologisch begründet wird das mit der Inkarnation Jesu Christi. Auch hier hat sich der der Inhalt (der Sohn Gottes) an die Form (die Kultur der damaligen Welt) angepasst und konnte so die Menschen erreichen.

In diesem Zusammenhang betont der Autor auch, dass es nicht die eine richtige Form des Gottesdienstes gibt. Er geht verschiedene Gottesdienstformen durch (von liturgischen Gottesdiensten bis zu virtuellen Gottesdiensten im Internet) und stellt fest, dass alle ihre Vor- und Nachteile haben. Entscheidend ist, für wen der Gottesdienst gedacht ist: Wer soll erreicht werden und was ist die beste Form dafür. Kritisch anfragen kann man hier, ob mit einer radikal kontextuellen Form des Gottesdienstes nicht auch Inhalte verloren gehen. Eine weitere Frage ist für mich, ob man hier nur von einer kontextuellen Anpassung an die Kultur und den Zeitgeist ausgehen sollte oder man nicht auch bewusst im Gottesdienst das Andersartige und die Abgrenzung zur Welt deutlich machen sollte. Gerade das Andersartige und Neue kann ja auch für Menschen wieder attraktiv sein!

Was mich beim Lesen sehr gestört hat, ist der Stil des Buches (anderen Lesern mag es da anders gehen). Ich habe mich geärgert über manch platte Verallgemeinerungen, populistische Zuspitzungen und suggestive Fragen, die ich von einem Theologieprofessor nicht erwartet hätte. Ich habe mich gewundert, dass auf der einen Seite oft theologische Fremdwörter benutzt werden (teilweise, ohne sie richtig zu erklären) und andererseits an vielen Stellen theologisch nur sehr oberflächlich argumentiert wird. Gestört haben mich die vielen Vokabeln aus dem Managementbereich („hoch effektive Leitung“, „wie funktioniert effektive Gottesdienstleitung“, „Erfolg oder Misserfolg des Gottesdienstes“; allein diese Beispiele sind auf einer Seite zu finden! S. 135). So als ob man nur die richtigen Schrauben drehen muss, damit Gottesdienst erfolgreich und effektiv wird! Sehr oft spricht er auch davon, „Räume zu schaffen“ im Gottesdienst – das bleibt aber eine leere Floskel, die wenig Konkretes aussagt.

Insgesamt bleibt bei mir der Eindruck, dass die große Stärke des Buches auch zugleich seine große Schwäche ist: es will auf der einen Seite theologisch fundiert und stringent sein, auf der anderen Seite aber zugleich auch praxisorientiert und konkret. Es will biblisch-theologische Grundlagen legen, aber zugleich auch praktische Erfahrungsweisheiten eines Gemeindegründers weitergeben. Auf der einen Seite stellt Reimer richtig fest, dass es von der Bibel her gesehen keine einheitliche Sicht dessen gibt, „was die Bibel unter Gottesdienst versteht, vor allem unter der einen ‚richtigen‘ Form“ (S.27). Auf der anderen Seite möchte er möglichst konkrete Punkte, Vorgehensweisen und Schemata an die Hand geben, wie man erfolgreiche und effektive Gottesdienste feiert.

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